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Pranayama – das Herz des Yoga – Teil 1



von Dr. Ralph Skuban

Pranayama, die Arbeit mit dem Atem, steht in den klassischen Hatha-Texten ganz im Mittelpunkt, sie ist sozusagen das Herz des traditionellen Yoga. Der Yoga des Westens indes verschob den Schwerpunkt mehr zur Körperarbeit hin und gibt der Atempraxis heute einen vergleichsweise geringeren Raum. Wenn ich Yoga-Übende bei Ausbildungen oder in Workshops frage, ob sie einer regelmäßigen Atem-Praxis folgen, so ist die Antwort meist ein klares Nein. Der moderne Yoga westlicher Prägung hat aber nicht nur einen anderen Schwerpunkt, sondern oft auch eine andere Perspektive auf die Praxis, die stärker die äußerlich-physische Dimension fokussiert. Ihm fehlt damit, so meine ich, etwas von der inneren Idee oder der verborgenen Dimension des Yoga, der es weniger um die Form geht, als um innerlich-energetische Prozesse. Ein Beispiel aus der Körperarbeit soll dies verdeutlichen:

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Pranayama - das Herz des Yoga - Teil 1
© kalyanayahaluwo/pixabay

Viparita Karani heißt wörtlich Umkehrhaltung. Es ist eine Praxis, der in wichtigen Texten, wie z.B. der Hatha Yoga Pradipika (14. Jh.) eine bedeutende Rolle zukommt. Heutzutage übt man eine ganze Reihe von Umkehrhaltungen: Kopfstand, Schulterstand, Handstand und mehr. Diese Haltungen wurden anatomisch genau herausgearbeitet und entwickelt. Doch was ist ihr verborgener Sinn? Hier verweisen die Hatha-Texte auf Soma oder Amrita, den „Nektar der Unsterblichkeit“, der bereits in den Veden eine zentrale Rolle einnimmt. Die alten Yogis nahmen an, dass dieser Lebenskraft spendende Nektar im Alltag vom Halschakra (Vishudda) ins Nabelchakra (Manipura) hinabtropft und dort verbrennt – wir verlieren Lebenskraft. Viparita Karani, das kein Asana ist, sondern ein Mudra oder Siegel, mithin eine spirituell-energetische Praxis, will genau dies verhindern: Indem wir uns umdrehen, den Kopf nach unten, die Füße nach oben – oder, wie die Hatha Yoga Pradipika es ausdrückt: „Die Sphäre der Sonne oben, die des Mondes unten“ (3.79) – soll Soma nicht mehr im Feuer von Manipur verbrennen. Der „Viparita-Karani-Effekt“ ist auch erreichbar, indem man sich einfach mit Seilen kopfüber nach unten hängt, was Yogis auch getan haben, wie alte Bilder bezeugen.

Dieser Soma-Idee nun begegnen wir auch im Pranayama: Jalandhara-Bandha (der Halsverschluss, den man im Atemanhalt setzt, indem man das Kinn in Richtung Brustbein bewegt) will, genau wie Viparita Karani, das Hinunterfallen von Soma ins Feuer verhindern. Darüberhinaus will Jalandhara im Zusammenwirken mit den anderen Bandhas im Atemanhalt eine totale energetische Stille herbeiführen. Über dieses so wichtige Thema werden wir im Verlaufe dieser Artikelserie noch ausführlich sprechen.

Die gesamte Praxis des klassischen Yoga ist zutiefst gegründet im energetischen Verständnis des Menschen und entworfen auf der Grundlage spezifischer Annahmen über Aufbau und Funktionsweise subtiler Energie-Strukturen, die unserem Auge nicht zugänglich sind: Da gibt es zahllose „Kanäle“ (Nadis), durch die sich Lebensenergie (Prana) in Form von „Winden“ (Vayus) bewegt, die – verbunden mit den Elementen Raum, Erde, Feuer, Wasser und Luft – wichtige Aufgaben für unsere physiologischen, emotionalen und mentalen Prozesse haben, sowie energetische Zentren (Chakras), deren Aktivierung sich parallel zum inneren Reinigungs- und Entwicklungsprozess des Menschen vollzieht.

Seelisches Wachstum hat, yogisch betrachtet, grundlegend mit Prana zu tun, das nicht bloß Bio-Energie ist, sondern Geist: Unser tieferes Wesen ist pranischer Natur. Es ist unser Energie- oder subtiler Körper, Sukshma Sharira, den wir einst, vom physischen Körper ablösen werden – wir nennen das Tod – um in andere Erfahrungsräume zu gehen. Insofern ist der Energiekörper wirklicher als der physische, denn er überdauert den Zerfall des letzteren.

Die gesamte Praxis des klassischen Yoga ist zutiefst gegründet im energetischen Verständnis des Menschen
© adiyogi/pixabay


All unsere Gedanken und Gefühle sind Energie, die sich durch die Nadis bewegt. Körperliche Spannungen oder Krankheit, quälende Gedanken oder belastende Emotionen sind energetische Dissonanzen: Blockaden oder „Verunreinigungen“ in den Nadis, die durch Pranayama gereinigt werden sollen, damit unser strahlendes Wesen zum Ausdruck gelangen kann. Es macht einen tiefen Sinn, wenn Pranayama die Nadis reinigen und die Bewegung der Vayus beeinflussen will, um, als letztes Ziel, ihr Fließen in eine vollständige Ruhe zu überführen. Unmani, die Erfahrung des stillen Geistes, der in sich selber ruht, ist es, was Yoga sucht. Dies gilt ganz besonders für Pranayama. Das zentrale Praxis-Element hierfür ist der Atemanhalt, Kumbhaka, dem wir uns noch ausführlich widmen wollen.

Geht es um die Vermittlung yogischer Atempraxis in unserer Kultur, so schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Das eine bejaht zutiefst die energetische Logik und Impetus der ambitionierten Ideen des Pranayama. Das andere freilich weiß darum, wie schwierig es für die meisten ist, in diese Richtung Schritte zu unternehmen. Unsere Lebensweise, schnell und oft ungesund, erschwert uns den natürlichen Zugang zum Atem. Je mehr wir machen und tun, je intensiver wir manipulieren, verändern und eingreifen in das natürliche Geschehen – draußen in der Welt, wie auch im Blick auf uns selbst – desto schwieriger wird es für uns, zunächst einmal nur hinzusehen. Doch das ist ganz wesentlich, bevor wir mit der „Selbst-Kultivierung“ beginnen. Yoga ist ist ja eine Disziplin, in der wir aktiv Veränderungen vornehmen. So gut wie nichts geschieht da von selbst – kein Aufruf, einfach nur natürlich zu sein! Yoga wurde deshalb auch der Weg des Feuers genannt (Swami Rama). Der Gegenentwurf hierzu ist der Weg des Wassers, der als Metapher für das Natürlich-Sein im Tao dient. Der Grund dafür liegt darin, dass die Yogaphilosophie ein kritisches Menschenbild hat, ausgehend davon, dass wir eingehegt werden müssen, weil wir sonst Schaden anrichten. (Der Zustand der Welt mag hierfür beredtes Zeugnis ablegen.) Hierfür steht yama – wörtlich: einhegen, kontrollieren, begrenzen – das sich auch im Wort Pranayama wiederfindet: Das Kontrollieren der Lebensenergie mit Hilfe des Atems. Damit nun haben wir diese Praxis auch begrifflich definiert.


Pranayama Die heilsame Kraft des Atems
Ralph Skuban (Autor)
,
Patrick Broome (Vorwort)
Pranayama
Die heilsame Kraft des Atems
Die heilsame Kraft des Atems
Gebundenes Buch
Ralph Skuban widmet sich der Kunst des Pranayama, indem er die uralte Tradition in allen Einzelheiten darstellt und zugleich eine Brücke zur Yoga-Praxis des 21. Jahrhunderts schlägt. In einer Zeit, die von Hektik - und damit Kurzatmigkeit - geprägt ist, kommt der Beruhigung des Atems eine immense Bedeutung zu. Diese meisterhafte Studie stellt nicht nur eine brillante Abhandlung über die verschiedenen Atem-Übungen dar, sondern macht vor allem deutlich, welche segensreiche Wirkung die Beherrschung des Atems auf die Gesundheit ausübt.

Yoga ist vor allem Kultur, nicht Natur: Im Schulterstand stehen wir nicht rein zufällig. Und niemand atmet natürlich, wenn er Bhastrika-Pranayama übt. Im Yoga geht der Mensch bewusst in Aktivitäten, um Gesundheit und Wohlsein auf der äußeren und spirituelle Einsicht und Selbstverwirklichung auf der inneren Ebene zu erlangen. Doch bevor wir etwas zum Positiven verändern können, müssen wir erst hinschauen. Eben das haben wir in unserer modernen Kultur zu einem guten Teil verlernt. Beim Atem gilt das ganz besonders. Vielen fällt es schwer, sich dem natürlichen Atemprozess zuzuwenden, ihn einfach nur zu beobachten und geschehen zu lassen. Weil dies so wichtig und heilsam ist, möchte ich Euch im Praxisteil dieses Beitrags zum beobachtenden Atmen einladen. Dem Atem zuzusehen ist Meditation. Ohne meditativen Geist Pranayama zu üben, ist sinnlos, wie die Yogaphilosophie uns wissen lässt. Natürlich können wir in Atemprozesse auch gehen, wenn unser primäres Ziel körperliche Gesundheit ist, auch darüber werden wir im Kontext der einzelnen Pranayamas in den kommenden Folgen reden. Doch selbst für ein bloß physisches Ziel braucht es Ruhe, Fokus und Achtsamkeit. Ich meine, dass wir beim Üben mit dem Atem nie vergessen sollten, dass wir mit unserer Lebensenergie selbst in Kontakt gehen und einen heiligen Raum im Inneren betreten. Nun zur Atempraxis:


Zum Schluss möchte ich nochmals betonen, wie wichtig es ist, in eine spürende und zulassende Verbindung mit dem Atem zu gehen – nicht nur einmal ein paar Minuten im Leben, sondern jeden Tag. Wir müssen zulassen, hinschauen und verstehen, bevor wir eingreifen, verändern und gestalten. Wo wir das nicht tun, machen wir die Dinge kaputt. Dies gilt im äußeren Leben ebenso wie in unseren inneren Prozessen.

Viel Freude beim Atmen! Euer Ralph




DR. RALPH SKUBAN

Dr. Ralph Skuban
© www.skuban.de
In der Philosophie des Ostens, in der Mystik überhaupt, fand RALPH SKUBAN die Tiefe des Suchens, um die es ihm geht; die Offenheit und Toleranz, die der institutionalisierten Religion zumeist fehlt, die Weisheit praktischer Psychologie – und dazu die Freude, eine tägliche Praxis in sein Leben zu integrieren. 

In den letzten Jahren begann RALPH SKUBAN Bücher zu schreiben und Seminare zu halten. "Östliche Philosophie ist keine trockene Theorie, sondern es geht ihr um die Frage nach einem guten Leben, nach Sinn und Tiefe, und vor allem um die Suche nach unserer spirituellen Essenz, dem inneren Licht, das eins ist mit dem Höchsten. Die Essenz der Upanischaden und aller mystischen Wege der Menschheit lautet: DAS bist du. Tat Tvam Asi."

Direkt zur Website von Dr. Ralph Skuban: www.kaivalya-yoga.de

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