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Alle Jahre wieder – es soll doch eigentlich besinnlich sein!


von Katri Dietz


Da ist sie wieder, die ach so schöne Weihnachtszeit – für die einen die wohl längste und dunkelste Zeit des Jahres, für die anderen die schönste, pralinen-gefüllteste und leuchtendste Zeit überhaupt. Die Wahrheit liegt wie immer irgendwo in der Mitte: Weihnachten ist ein menschengemachtes Fest, die Feiertage kommen und gehen auch wieder und jeder darf sie im besten Fall so verbringen, dass es für ihn und sie schön wird. Andererseits fahren Rettungsdienste und Polizei gerade zur Weihnachtszeit besonders viel zu häuslichen Einsätzen. Da ist nicht viel mit Besinnlichkeit, Liebe und Frieden. Stress scheint ein anderes Wort für Adventszeit zu sein. Wer schon mal einen Adventssamstag bei IKEA verbracht hat, weiß, was ich meine.

Alle Jahre wieder - es soll doch eigentlich besinnlich sein!
© Vladislav Murashko/pexels.com


Und alle Jahre wieder nehme ich mir vor: also dieses Jahr mache ich es aber anders als sonst!


Meine Ziele für Weihnachten sind hoch: ich will dann immer viel. Nicht unbedingt an Geschenken, das nicht – aber ich stelle an mich selbst die höchsten Ansprüche, meiner Familie ein wunderbares, unvergessliches Weihnachtsfest zu bescheren. Unvergesslich waren unsere Weihnachtsfeste bestimmt. Einerseits will ich soo viel ändern! Anderseits weiß ich auch, dass ich meinem Unterbewusstsein die falschen Signale sende.

Ich will den Konsumterror nicht mehr mitmachen, ich will keinen echten Baum, ich will kein Fleisch essen, ich will, dass wir uns nicht streiten, ich will diesen gesellschaftlichen Druck nicht mehr…aber erst jetzt weiß ich: das Unterbewusstsein reagiert nicht auf das Wort „nicht“ – egal, was ich mir NICHT wünsche, ich bekomme ES!


In meinem Fall bleibe ich also beim Konsumterror, wir holzen wie immer eine echte Tanne ab, essen totes Tier, kriegen uns in die Haare, und ich bleibe dabei, mich im Kampf gegen den gesellschaftlichen Druck zu verausgaben. Wie ich es NICHT bestellt habe. Es sei denn, dass ich dieses Jahr mein Unterbewusstsein durch positive Ziele austricksen kann:



Statt „kein Konsumterror“ formuliere ich:


Ich möchte nachhaltig und liebevoll Geschenke einkaufen oder gar selbst herstellen!

„Kein echter Baum“ wird zu: Ich plane eine Weihnachtstanne auszuleihen! (Mehr Infos bekommt ihr z.b. unter www.weihnachtsurwald.de für die Region Hamburg)


Ich plane eine Weihnachtstanne auszuleihen! (Mehr Infos bekommt ihr z.b. unter www.weihnachtsurwald.de
© Nick Collins/pexels.com

„Ich will kein Fleisch mehr essen“ wird viel realistischer, wenn ich mich auf vegane Rezepte und gesundes Essen fokussiere.

Statt zu fordern: „Wir wollen nicht mehr streiten!“ - (wobei ich auch nur für mich sprechen kann, vielleicht möchte mein Mann ja gerne streiten?) richte ich auch hier den Blick darauf, was ich selbst ändern kann: ich möchte freundlich, lieb und tolerant sein und mich mehr zurückhalten.

Statt „keinen gesellschaftlichen Druck“ wünsche ich mir ein friedliches Weihnachtsfest, das ich so plane und gestalte, wie es für uns als Familie in Ordnung ist. Konkret bedeutet das:

Ja, wir dürfen im Schlafanzug Bescherung feiern und die Kinder dürfen Elektrogeräte bekommen. Wir können spontan entscheiden, ob wir in die Kirche gehen oder nicht, und am ersten Weihnachtstag gehen wir schwimmen, statt Verwandte zu besuchen.


Ich möchte nachhaltig und liebevoll Geschenke einkaufen oder gar selbst herstellen!
© freestocks.org/pexels.com


Das Fest so zu planen, dass es für uns als Familie schön wird, funktioniert tatsächlich schon eine Weile ganz gut, und mit dem Rest bin ich nun auch geduldig. So geduldig, wie ich nun mal sein kann. Die Weihnachtszeit versetzt mich aber immer noch in pure Aufregung. Während ich euphorisch auf Adventskranz, Glühwein und Co reagiere, wächst auch meine Versagensangst. Als käme der Weihnachtsmann höchstpersönlich vorbei, um zu schauen, ob ich auch „brav“ war und ordentlich aufgeräumt und geputzt habe. „Hohoho – dann lass mich mal unter Euren Betten nachsehen, ob es da auch ja schön ordentlich ist!“


Als käme der Weihnachtsmann höchstpersönlich vorbei, um zu schauen, ob ich auch brav war und ordentlich aufgeräumt und geputzt habe
© cottonbro studio/pexels.com


Denn wir wissen ja auch alle: nur die braven Kinder bekommen Geschenke! Diese schwarze Pädagogik hat mich unheimlich geprägt. Wenn ich nicht aufesse, ist morgen kein schönes Wetter, und wenn ich nicht brav bin, gibt es keine Geschenke. Also schön aufessen – danke übrigens für die Essstörung an dieser Stelle – und immer schön brav sein. Also nie die eigene Meinung sagen und nicht für meine Bedürfnisse sorgen. Hurra. Das war lange mein Leben. Alles aufessen, in mich reinfressen und brav sein!


Heute weiß ich: mein Stresslevel vor Weihnachten war immer viel zu hoch. Das fing meist schon im Oktober an: wer bekommt welches Geschenk, damit derjenige auch ja hoch erfreut und zufrieden ist? Was ist das perfekte Geschenk? Ob die eigene Familie, die Eltern, Geschwister, Freunde – ich war schlicht total hilflos und hatte Angst, es falsch zu machen.

Die Macht, die andere Menschen über mich hatten – obwohl sie es noch nicht mal wussten- war immens. Aufgewachsen in einer dysfunktionalen Familie waren unsere Heiligabende früher immer herausfordernd. Die Mama weint, der Papa trinkt, das Christkind aus der Ferne winkt. So gesehen ist es natürlich reines Schwarz-Weiß-Denken. Es war nicht alles schlimm. Aber für ein Kind, das nicht so ganz neurotypisch tickt, war das alles energetisch zu viel. Meine Eltern sind in den Kriegsjahren geboren und in der Nachkriegszeit aufgewachsen. Folglich gab es bei denen früher nicht viel zu feiern.


Aufgewachsen in einer dysfunktionalen Familie waren unsere Heiligabende früher immer herausfordernd
© cottonbro studio/pexels.com

Wer seine kindlichen Traumata nicht aufarbeitet, verbleibt in der Starre. Heute kann ich alles verstehen, wie meine Eltern gehandelt haben und sehe auch ganz viel Liebe und dass sie bereit waren, ihren Kindern alles zu geben, was sie hatten, damit WIR es besser haben.

Da kamen sie aber in Konflikt mit ihren eigenen inneren Kindern. Und das innere Kind meines Vaters war sehr impulsiv und neidisch, dass seine realen Kinder so schöne Geschenke bekamen. Also wurde er wütend. Völlig paradox, weil er ja alle Gaben für uns mit Liebe gekauft hatte. Aber das eine schließt das andere nicht aus, Gefühle folgen keiner Logik.

Wer als Fünfjähriger durchs zerbombte Hannover gelaufen war und im Hungerwinter 1946/47 Essen suchen musste, damit die Mama und die kleine Schwester nicht verhungern, konnte den Wohlstand und die Undankbarkeit seiner eigenen Nachkommen später schwer ertragen.

Ich hätte mir gewünscht, wir hätten darüber gesprochen. Und nicht nur als Vorwurf. Mit gewaltfreier Kommunikation können solche Probleme angesehen und ausgesprochen werden. Meine Elterngeneration war aber nicht prädestiniert für die gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg. (Siehe Buchtipp)



Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens
Marshall B. Rosenberg (Autor)

Gewaltfreie Kommunikation

Eine Sprache des Lebens
Das Grundlagenwerk – der Bestseller in Gewaltfreier Kommunikation Ohne dass wir es vielleicht beabsichtigen, haben unsere Worte und unsere Art zu sprechen Verletzung und Leid zur Folge – bei anderen und auch bei uns selbst. Die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) hilft uns, bewusster zuzuhören und unserem Gegenüber respektvolle Aufmerksamkeit zu schenken. Gleichzeitig lernen wir, uns ehrlich und klar auszudrücken. Als eine Sprache des Lebens können wir die GFK in der Kommunikation mit allen Menschen, egal welchen Alters, unabhängig von ihrem kulturellen oder religiösen Hintergrund in den unterschiedlichsten Situationen anwenden. Mit Geschichten, Erlebnissen und beispielhaften Gesprächssituationen macht Marshall Rosenberg in seinem Buch deutlich, wie sich mithilfe der GFK auch komplexe Kommunikationsprobleme lösen lassen. Für die Neuauflage dieses Bestsellers wurde der Text umfassend überarbeitet und um ein neues Kapitel zum Thema „Konfliktklärung und Mediation“ erweitert. „Das Buch Gewaltfreie Kommunikation kann die Welt verändern. Und wichtiger noch, es kann Ihr Leben verändern.“ – Jack Canfield


Durchs Nicht-Aussprechen und Nicht-Ansehen oder Bagatellisieren werden Traumata transgenerativ weitergegeben. Bei mir blieb das Gefühl hängen: Ich mache etwas falsch, wenn ich Geschenke bekomme. Ich darf eigentlich keine Geschenke bekommen, jemand ist dann traurig. Ich darf es nicht besser haben als andere. Und brav war ich ja auch nicht, sonst wären Mama/Papa ja glücklich gewesen.

Also kein Wunder, dass ich in den Jahren vor meiner Genesungsarbeit jedes Jahr schon lange vor Weihnachten in ein tiefes Loch gefallen und gleichzeitig nach außen total eskaliert bin, um diese Gefühle nicht fühlen zu müssen.

Mit reichlich Konsum, Essen, dekorieren und Weihnachtspartys habe ich mich immer abgelenkt, um die wirklichen Gefühle nicht fühlen zu müssen.

Ich schaffe nicht, was ich mir vorgenommen habe, also habe ich jedes Recht, mich schlecht zu fühlen.

So langsam kann ich den Schleier, der jedes Jahr über meinem Weihnachtsfest liegt, lüften, die negativen Erinnerungen loslassen und den schönen Erinnerungen ihren Platz geben. Und das ist das größte Geschenk für mich.


So langsam kann ich den Schleier, der jedes Jahr über meinem Weihnachtsfest liegt, lüften, die negativen Erinnerungen loslassen
© Nati/pexels.com


Ich lasse meine alten Wunden heilen und konzentriere mich darauf, was ich heute ändern kann. Ich bin dankbar für jeden Tag, lebe im Heute und nicht in der Zukunft oder der Vergangenheit. Ich plane alles, und dann lasse ich die Ergebnisse los.

Unser Weihnachtsfest wird heute schön, weil ich mich kennengelernt habe. Ich stehe nicht mehr neben mir, sondern ZU mir. Ich brauche viel Ruhe und viele Pausen, und genauso plane ich es. Ich brauche feste Zeiten fürs Essen und Zeiten fürs Feiern. Wir besorgen schon lange vor Heiligabend gemeinsam den Baum und vielleicht gibt es dieses Jahr eine Premiere mit einer Miet-Tanne. Es gibt vegetarisches Raclette für die Vegetarier und etwas Fleisch für die, die Fleisch mögen. Ich gehe in die Kirche, und wer aus der Familie oder von den Freunden mich begleiten möchte, kommt gerne mit.

Heiligabend ist die Kirche so voll wie nie. Und doch suche ich genau dort die Stille und die Verbindung zu meiner Höheren Macht, meinem Engel und Gott.

Jesus wurde geboren, und selbst wenn er vielleicht kein unehelicher Sohn Gottes war, hat er viel Gutes unter den Menschen bewirkt durch seine Taten und Worte. Er hat alle geliebt. Und deswegen ehre ich seinen Geburtstag und möchte den Heiligen Abend in Frieden und Liebe mit allen und allem verbringen. Reich sind die, die reinen Herzens sind. Frohe Weihnachten!




Katri Dietz


Katri Dietz
© Katri Dietz
ist staatlich geprüfte Rundfunkjournalistin, Autorin und zertifizierte Psychologische Beraterin/ Personal Coach für chronisch kranke Frauen mit dem Schwerpunkt Positive Psychologie.

Bis zu ihrer schweren Erkrankung 2017 mit Polymyositis hat die gebürtige Hannoveranerin als Freie Redakteurin und Presenterin für verschiedene Radiosender Norddeutschlands gearbeitet (z.B. radio ffn, NDR, R.SH)

Katri Dietz nutzt heute die Natur, Reiki, ihre eigenen Erfahrungen mit Traumaheilung sowie ihre fundierte Ausbildung, um anderen chronisch kranken Frauen Mut zu machen und neue Lebensfreude zu vermitteln. Voraussichtlich im September 2024 wird sie auch die Weiterbildung zur Resilienztrainerin erfolgreich abgeschlossen haben.

Im Heyne Verlag hat sie bereits zwei Romane veröffentlicht, Wickelkontakt (2011) und Härtetest (2012). Weitere Romane sind in Planung.

Die 47-jährige ist seit 2005 verheiratet und hat zwei jugendliche Kinder. Zur Familie gehören auch eine Hündin und zwei Katzen aus dem Tierschutz. Die Natur-Coachin lebt und arbeitet in ihrer Wahlheimat Schleswig-Holstein.



Unheilbar und unsichtbar


Polymyositis ist eine seltene rheumatische Autoimmunkrankheit der Muskeln. Katri Dietz möchte mehr Aufmerksamkeit und Verständnis für Menschen mit chronisch-entzündlichen Erkrankungen schaffen.

Allein zum rheumatischen Formenkreis gehören über 400 Erkrankungen. Rheumatoide Arthritis, Morbus Bechterew, Lupus, Gicht und Vaskulitis sind die bekanntesten.

Direkt zu Homepage von Katri Dietz: www.katri-dietz.de



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