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Sabrina Fox im Interview: Der langsame Abschied meiner Mutter. Ein spiritueller Blick auf Demenz.



Sabrina Fox hat ihre demente Mutter in ihrem Sterbeprozess begleitet. Ein Weg, den viele von uns gehen oder noch gehen werden. Dabei erfahren wir viel über den Umgang mit der eigenen Sterblichkeit. Können wir uns auf das Sterben vorbereiten? Wie können wir begleiten? Und zu welchen Erkenntnissen führt uns die eigene Erforschung?

In ihrem sehr persönlichen Buch und auch im nachfolgenden Interview erklärt die Bestseller-Autorin, spirituelle Begleiterin und Künstlerin das Verhältnis zur Mutter, die Herausforderungen ihrer Versorgung, die Heilung in Familien, die Wahlmöglichkeiten im Sterbeprozess und die Unendlichkeit des Seins.


Sabrina Fox im Interview: Der langsame Abschied meiner Mutter. Ein spiritueller Blick auf Demenz
© Julian Wagner


Sabrina Fox im Interview mit Annette Maria Böhm



LEBE-LIEBE-LACHE: Mit der „Behinderung Demenz“ zu leben bedeutet für Betroffene, sich jeden Moment neu an die aktuell vorhandenen Potentiale und Einschränkungen
anzupassen. Wie wichtig ist es dir, darauf hinzuweisen, dass die Demenz nicht nur aus Verlusten und Defiziten besteht?

SABRINA FOX: Habe ich darauf hingewiesen? Meine Mutter war dement – aber nicht ich. Und einen dementen Menschen zu begleiten ist, wie ein Kleinkind zu begleiten. Es erfordert viel Aufmerksamkeit und Fürsorge. Für die begleitende Person gibt es auch besondere Begebenheiten: Das Erleben der anderen Person im JETZT. Das Herausgleiten aus dem Bewusstsein in ein „ewiges Sein“.

Demente Schübe sind je nach Persönlichkeit unterschiedlich. Als meine Mutter mich für eine Weile nicht mehr erkannte (später dann wieder) war das ein rührender Moment für mich. Sie fragte mich, wann wir denn mal wieder zu Sabrina fahren und ich sagte, ich bin Sabrina. Dann lachte sie und meinte: „Du heißt vielleicht Sabrina, aber du bist es nicht.“ Das war eine tiefe spirituell-wahre Aussage für mich und da ich erwartete, dass meine Mutter mich irgendwann einmal nicht mehr erkennen wird, war ich davon auch nicht schmerzlich betroffen.

Für meine Mutter hingegen war die Demenz – besonders am Anfang – sehr anstrengend, denn sie hatte immer ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Da kam zuerst der Zorn hoch, das Missverstanden werden, das Gefühl, dass die „Anderen“ einen nicht begreifen oder anlügen. Für meine Mutter war die Demenz in ihrem Sterbeprozess aber auch ein Segen. Denn sie traf sich mit ihrer eigenen Mutter zum Einkaufen (obwohl sie schon vor 60 Jahre verstorben ist). Sie fuhr immer wieder nach Hamburg und besuchte Freunde aus ihrer Jugendzeit (obwohl sie schon bettlägerig war). Und sie war häufig einkaufen (obwohl sie ihre Wohnung nicht mehr verlassen konnte).

Meine Mutter liebte es versorgt zu werden. Das war eine Generation, die im Krieg aufgewachsen ist, und wenig Versorgung erlebt hatte. Das war ein Seelenwunsch von ihr und er wurde in den letzten Jahren komplett erfüllt.


Sabrina Fox - Meine Mutter liebte es versorgt zu werden. Das war eine Generation, die im Krieg aufgewachsen ist, und wenig Versorgung erlebt hatte
© www.sabrinafox.com


LEBE-LIEBE-LACHE: Verborgen in einer Welt der Erinnerungen? Im Aufblitzen vereinzelter Gedanken? Bei den Fragmenten eines bewegten Lebens? Wie hast du das Anfangsstadium der Demenz deiner Mutter wahrgenommen?

SABRINA FOX: Es war für uns alle anstrengend. Unsere Mutter konnte nicht begreifen, was da mit ihr und ihrem Gehirn passiert. Und wir natürlich erstmal auch nicht. Erst wenn die Demenz weiter fortgeschritten war, gingen diese Ärger-Schübe zurück. Das ist natürlich individuell verschieden. Es gibt Menschen, die in diesem Zornstadium lange, lange bleiben. Und das stelle ich mir sehr anstrengend vor. Manche werden auch gewalttätig. Meine Mutter ist grundsätzlich keine zornige Frau – und das hat geholfen.

Wir dürfen nicht vergessen, dass für manche demente Menschen folgendes passiert: Sie schlafen und wachen auf, weil ein wildfremder Mensch sie ausziehen und waschen will. Und das jeden Tag: Wildfremde Menschen um einen herum in einer fremden Umgebung. Nichts ist mehr vertraut. Da kommt man sich wie in einem Alptraum vor. Wir können uns gut vorstellen, wie schwierig das sein muss.

Da braucht es sehr viel Zeit und Geduld und ein entspanntes energetisches Feld, um Frieden in so eine Situation zu bringen. Es gibt Kurse in basaler Kommunikation (also mit Wesen zu kommunizieren, die sich nicht mehr ausdrücken können, wie Demente, Schwerbehinderte oder auch Kinder), die ich sehr empfehlen kann.



Sabrina Fox: Der langsame Abschied meiner Mutter: Ein spiritueller Blick auf Demenz - Loslassen - Begleiten - Sterben
Sabrina Fox (Autor)

Der langsame Abschied meiner Mutter

Ein spiritueller Blick auf Demenz - Loslassen - Begleiten - Sterben
Sabrina Fox begleitet ihre demente Mutter in ihrem Sterbeprozess. Ein Weg, den viele von uns gehen oder noch gehen werden. Dabei erfahren wir viel über den Umgang mit der eigenen Sterblichkeit. Können wir uns auf das Sterben vorbereiten? Wie können wir begleiten? Und zu welchen Erkenntnissen führt uns die eigene Erforschung?
Ein persönliches Buch über das Verhältnis zur Mutter, die Herausforderungen ihrer Versorgung, die Heilung in Familien, die Wahlmöglichkeiten im Sterbeprozess und die Unendlichkeit des Seins.




LEBE-LIEBE-LACHE: Der Begriff Demenz hat seinen Ursprung im Lateinischen und bedeutet übersetzt „ohne Geist“.  Wie gehst du mit dieser Übersetzung um? 

SABRINA FOX: Der Geist wandert. Die Seele belebt den Körper nur noch zu ein paar Prozentpunkten und der Geist wandert schon „zur anderen Seite“ oder eben auch zur Vergangenheit.

LEBE-LIEBE-LACHE: Wie ist dir die Kommunikation mit deiner Mutter gelungen, unter den erschwerten und komplexen Bedingungen?

SABRINA FOX: Gerade am Anfang habe ich ihr erklärt, was da mit ihrem Gehirn passiert. Das hat sie bis zu den letzten sechs Lebensmonaten gut verstanden. Ich habe ihr gesagt, dass in ihrem Gehirn die Synapsen nicht mehr richtig verknüpft werden und dass es so etwas wie einen Eintopf in ihrem Kopf gibt. Da werden Sachen vermischt: Aus der Vergangenheit, aus dem Fernsehprogramm, aus Erlebnisfetzen. Nicht sie war „falsch“, sondern ihr Gehirn funktionierte nicht mehr wie sonst. Das hat sie beruhigt.

Und sie hat natürlich – wie viele Demente – immer und immer das gleiche erzählt. 20 Mal. 30 Mal. Dann habe ich ihr nach einer Weile gesagt: „Mama, dein Gehirn klemmt“ und sie hat gelacht und versucht etwas anderes zu erzählen. Was nicht immer gelang (lacht).

Ich lernte mehr Geduld zu haben. Und ich habe sehr aufmerksam beobachtet, wann ich ihr „die Wahrheit“ sage und wann ich mit ihrer Geschichte mitgehe. Meistens bin ich mit ihren Geschichten mitgegangen: „Ah, du hast deine Mutter gesehen. Was habt ihr denn gemacht?“


LEBE-LIEBE-LACHE: Setzt ein angemessener Umgang mit an Demenz erkrankten Menschen eine ganzheitliche Betrachtung voraus?

SABRINA FOX: Nein, das glaube ich nicht. Es gibt viele Menschen, die wunderbar mit dementen Mitmenschen umgehen und die sich darüber hinaus vielleicht nie Gedanken gemacht haben, um Ganzheitliches oder Spirituelles. Aber deren Herzensbildung und Mitgefühl sind sehr ausgeprägt.


LEBE-LIEBE-LACHE: Wie können wir uns als Gesellschaft gegen das Stigma wehren, das der Demenz anhaftet?

SABRINA FOX: Hm. Müssen wir uns dagegen wehren? Es ist wie es ist. Ich versuche mich nicht mit der Realität anzulegen. Ich finde es immer wichtig, alles – was uns berührt und betrifft – zu erforschen. Ich glaube, dass diese Kriegskinder-Generation – zu der auch meine Mutter gehörte – eine Generation war, die viel vergessen und verdrängen wollte. Und das dies am Ende ihres Lebens zu einer Meisterschaft gebracht wurde, konnte ich bei ihr sehen. Ihr gelang es ihr eigenes Sterben zum größten Teil zu verdrängen.

Ich denke, dass die Demenzerkrankungen zurückgehen werden, denn meine Generation hat sich eher dem Hinschauen verpflichtet. Wir werden vielleicht eher Stresserkrankungen etc. im Alter haben.

LEBE-LIEBE-LACHE: Wie können wir mehr Präsenz für demenzkranke Menschen im öffentlichen Raum und mehr Sensibilität im Umgang mit Demenzkranken schaffen?

SABRINA FOX: Die eigene Erforschung und das Interesse helfen. Und da einige von uns mit diesem Problem hautnah in Berührung kommen oder kommen werden, entwickelt sich automatisch mehr Sensibilität.




Sabrina Fox


Sabrina Fox
© Julian Wagner
Sabrina Fox erforscht seit über 30 Jahren Meditation und spirituelles & persönliches Wachstum. Während dieser Zeit schrieb sie Bücher (u.a. Bestseller wie: „Die Sehnsucht unserer Seele“, „Bodyblessing“, „Wie Engel uns lieben“) und hielt Workshops und Vorträge. Es ist ihr ein Anliegen die eigene Weisheit, Intuition und Körperwahrnehmung als Kompass für ein erfülltes Leben zu erkennen und den eigenen Seelenweg zu erforschen.

Dazu gibt es seit kurzem fünf  Online-Kurse und ihren Podcast „Sinn&Sein“. Sie absolvierte Ausbildungen als klinische Hypnosetherapeutin, Mediatorin, Konflikt-Coach, Rhythmustrainerin und studierte Bildhauerei und Gesang. Sie hat eine Tochter und zwei geschenkte Kinder und lebt mit dem Maler Stanko in und um München.

Direkt zur Homepage von Sabrina Fox: www.sabrinafox.com


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