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Was ist Gerechtigkeit? Ferdinand von Schirach im Schauspielhaus Düsseldorf


von Annette Maria Böhm


Ferdinand von Schirach ist nach 2019 wieder zurück in Düsseldorf. "Er komme gerne her, sei immer wieder gern in Düsseldorf ... allerdings sei man hier im Schauspielhaus mittlerweile auch strenger geworden". ... Stimmt. Bei seiner letzten Lesung durfte der Erfolgsschriftsteller auf der Bühne noch seine für ihn so wichtigen Zigaretten rauchen. Ich erinnere mich noch gut daran, als ich vor drei Jahren mit meinem erwachsenen Sohn im Publikum saß. Heute ist Felix wieder dabei, und ich freue mich sehr über sein Interesse an Literatur, Politik und Philosophie.

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Was ist Gerechtigkeit? Ferdinand von Schirach im Schauspielhaus Düsseldorf
© Stephan Rabold

Das Theater ist so gut wie ausverkauft. Kein Wunder - Ferdinand von Schirachs Persönlichkeit fasziniert: Er war schließlich 20 Jahre erfolgreicher Strafverteidiger, dann Schriftsteller von Bestsellern, in denen er immer wieder kompliziert Gerichtsfälle literarisch verarbeitet hat. Seinen Theaterstücken „Terror“ und „Gott“ liegt die kritische Auseinandersetzung mit der Würde des Menschen zugrunde. Und auch seine  Fernsehverfilmungen haben viele von uns zur Auseinandersetzung mit dieser Frage, auch mit Fragen von Recht, Gerechtigkeit und unserem Rechtssystem angeregt.

In dem im April 2021 erschienenen Buch „Jeder Mensch“ plädiert von Schirach dafür, die Charta der europäischen Grundrechte zu erweitern. In einem Interview mit der ZEIT sagte Schirach dazu: “Die europäischen Verfassungen sind vor langer Zeit geschrieben worden, viele der heutigen Probleme kennen sie natürlich nicht. Sie wussten nichts vom Internet, von der Globalisierung oder dem Klimawandel. Wir haben längst eine neue Epoche betreten, die Umwälzungen der letzten Jahrzehnte waren gewaltig. Der Rahmen, in dem wir leben, muss deshalb erweitert werden.”

In diesem Herbst ist er mit seinem neuen sehr persönlichen Buch „Nachmittage“ auf Tour. Über 90 Minuten lässt Ferdinand von Schirach uns teilhaben an seinen Gedanken, verbindet meisterhaft über lange Phasen immer wieder Themen miteinander, gibt wertvolle Leseempfehlungen, macht Konversation und kommuniziert mit uns, dem Publikum. Was einige Zeitgenossen für eine Selbstinszenierung halten mögen, wirkt auf mich authentisch und mit echtem Anliegen vorgetragen.

So liest er aus seinem Buch Nachmittage, es ist eine Sammlung von unterschiedlichen, meist kurzen Texten, die immer auch von Melancholie geprägt sind. Es geht um Lesereisen und Begegnungen in Hamburg, Tokio, Paris, New York. Sein bislang persönlichstes Buch  – zumeist ist die erzählende Person allerdings Beobachter. Immer wieder geht es um eine große, offenkundig verlorene Liebe.

Denn im Foyer eben jenes „Plaza“ hat der Erzähler „sie“ das erste Mal gesehen. Es wird viel geraucht. Das Ambiente ist durchweg erlesen, und erlesene Melancholie ist die vorherrschende Stimmung.

„Und jetzt, nach sehr langer Zeit, gibt es manchmal Nachmittage, an denen ich nicht mehr in eine andere Richtung sehe, wenn ich an einem Café vorbeikomme, in dem wir zusammen waren.“



Tiefe Philosophie

Wir als Publikum lauschen andächtig und applaudieren auch immer wieder. Schließlich weiß von Schirach mit gesprochener Sprache umzugehen, formt jedes Wort achtsam, sein Lesen zieht uns in den Bann. Es werden oft Alltagsszenen beschrieben, die verpasste Chance und das bewusste Wahrnehmen von Wandel und Zeit sind Themen bei denen man sich wiederfinden kann.

Bemerkenswert ist die Episode, in welcher es um die schlimmen Auswirkungen des professionellen Musikbetriebs geht: Eine befreundete Pianistin erzählt von einem dekadenten Dinner, bei dem der Sinn und Wesen von Musik ad absurdum geführt werden.



Ferdinand von Schirach: Nachmittage
Ferdinand von Schirach (Autor)

Nachmittage

Nach »Kaffee und Zigaretten« der neue Erzählband von Ferdinand von Schirach
Ferdinand von Schirach erzählt von milden Frühsommermorgen, verregneten Nachmittagen und schwarzen Nächten. Seine Geschichten spielen in Berlin, Pamplona, Oslo, Tokio, Zürich, New York, Marrakesch, Taipeh und Wien. Es sind kurze Geschichten über die Dinge, die unser Leben verändern, über Zufälle, falsche Entscheidungen und die Flüchtigkeit des Glücks. Schirach erzählt von der Einsamkeit der Menschen, von der Kunst, der Literatur, dem Film und immer auch von der Liebe.



Was ist Gerechtigkeit?

Schließlich spricht Ferdinand von Schirach über den Begriff Gerechtigkeit. Hier spürt man deutlich, was ihn ganz besonders umtreibt.
 
Besonders weist er auf die von Kant beeinflusste „Theorie der Gerechtigkeit“  des amerikanischen Philosophen John Rawls hin. Darin geht es um eine für alle verbindliche Grundregel, die darauf gründet, dass alle im „Schleier des Nichtwissens“ ihre künftige Stellung in der Gesellschaft nicht kennen. Das hat zur Folge, dass eine Ungleichbehandlung nur dann zugelassen wird, wenn auch das schwächste Mitglied einen Vorteil daraus zieht.

Es ist beeindruckend, wie präzise und eindringlich von Schirach formuliert. Kein Zweifel: Hier zeigt sich, dass ihn viele für eine Art „Gewissen der Nation“ halten. Er benennt dabei die unbedingte Notwendigkeit, dass wir uns als Einzelne und als Gesellschaft stärker mit dem Thema Gerechtigkeit beschäftigen müssen, da Probleme unserer Zeit wie Klimawandel, Gleichberechtigung und Zusammenhalt in der Gesellschaft nur gemeinsam zu lösen sind.

Wie von Schirach die gegenwärtige politische Weltlage wahrnimmt wird deutlich, als er folgende Anekdote erzählt:

Die großen "Drei", Churchill, Truman und Stalin treffen aufeinander. Alle sind passionierte Raucher. Churchill zieht sein silbernes Zigarettenetui hervor und zeigt den beiden anderen  stolz die Inschrift: "Unserem alten Winnie" der Carlton Club. Darauf zieht Truman sein goldenes Zigarettenetui. Es trägt die Inschrift: "Unserem lieben Harry" - die demokratische Partei von Missouri. Darauf zieht Stalin eine kostbare mit Diamanten und Smaragden besetzte Tabatiere aus dem Rock und lässt den Deckel aufspringen: "Unserem lieben Niki Esterházy - der Wiener Jockey Club.


Am Ende des Abends entlässt uns Ferdinand von Schirach in dem tiefen Wissen um unser aller Einsamkeit. Als trostreiche Antwort bezieht sich der reflektierte Denker auf das Verweilen im Hier und Jetzt, auf die Wunder der Natur im Wechsel der Jahreszeiten - darauf, dass jeder Moment bewusst gelebt werden sollte. Und dass wir ohne den anderen Menschen nicht existieren können. Ein überaus inspirierender Leseabend mit einer brillanten, facettenreichen Persönlichkeit. Meint auch mein Sohn.

Die Zigarette, auf die Ferdinand von Schirach sich nun im Hof des Schauspielhauses so sehr freut, gönnen wir ihm von Herzen...


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