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Glück & Glückseligkeit


von Dr. Ralph Skuban

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Nichts kann dich glücklich machen. Wenn dich etwas glücklich macht, dann ist es nur geborgtes Glück.


Swami Satchidananda 1914–2002

Gehe hinaus und frage ein paar Menschen: »Was bedeutet Glückseligkeit für dich?« Wohl die allermeisten werden vom ganz großen Glück sprechen, so wie sie es verstehen: vom persönlich erfahrenen Glück, das vergangen ist, oder von dem, das sie sich noch erträumen, von einem Glück also, das einmal kommen mag (oder auch nicht). Vielleicht begegnen wir einem, der sich gerade jetzt, in diesem Moment, über den Wolken sieht, schwebend im siebten Himmel, in der Seligkeit der Verliebtheit zum Beispiel. Welch Intensität an Glück! Unübertroffen – solange die Liebe erwidert wird, solange die Verliebtheit noch frisch und der geliebte Mensch um uns ist und dazu dem idealen Bild entspricht, das unser verliebt-verdrehtes Auge sich von ihm gemacht hat.

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© Wunderela/pixabay


Die Glückseligkeit, verstanden als das ganz große Glück, ist an Bedingungen geknüpft, an ziemlich viele sogar, nämlich an das Gegebensein genau jener Umstände und Voraussetzungen, die wir persönlich – bewusst oder nicht – als notwendig erachten, um uns glücklich zu fühlen. Sind sie nicht gegeben, dann sind wir auch nicht glücklich, sondern leiden den Schmerz des Mangels. Die Liebe von gestern wird dann zum Liebeskummer von heute. Und die Hoffnung auf morgen kaschiert nur den Schmerz, den wir jetzt fühlen, wo das Glück noch nicht da ist. Die Unerfülltheit, das Gefühl des Mangels und das damit verbundene Sehnen nach Glück sind der Treibstoff für das weitere Streben.
Es ist die Dunkelheit, die uns nach Licht suchen lässt.

Glück und Schmerz sind also wie zwei Punkte auf derselben Geraden, wechselnde Aufenthaltsorte ein und desselben Pendels, zwei Pole des gleichen Seins. Sie gehören so untrennbar zusammen wie Leben und Tod.
Der berühmte Verhaltensforscher Konrad Lorenz, jener Tierpsychologe, der mit den Graugänsen schwamm, sagte einmal: »Es ist unvermeidlich, dass alle Freude mit Leid bezahlt wird.« Das klingt ziemlich nach Miesepeter! Doch kann Wahrheit nur wahr sein, wenn sie uns auch schmeckt? Was Lorenz sagt, ist eben das, was auch die alten Weisen lehrten: Das Glück, wie wir es verstehen, selbst das allergrößte, ist nur bedingt:
Es hängt an Zeit und Raum, an Ursache und Wirkung, es ist relativ, begrenzt und vergänglich. Von einem Moment zum anderen kann der Wind sich drehen. Das so verstandene Glück macht überhaupt nur Sinn, wenn die Möglichkeit von Unglück mitgedacht wird. Es erfährt seine ureigene Existenz erst aus dem Kontrast zum Schmerz und verhält sich wie der Reichtum zum Elend, wie Groß zu Klein und Licht zu Dunkelheit. Glück und Schmerz sind Zuckerbrot und Peitsche des Lebens.

In der Sprache der Rishis, der Weisen Indiens, reimen sich die Worte für Glück und Schmerz: Sukha ist das Süße und Angenehme, das, was uns wohlfühlen lässt, glücklich macht. Das deutsche Wort Zucker kommt daher (und ebenso das englische sugar oder das französische sucre). Zu viel davon macht bekanntlich krank.
Und das Unangenehme in all seinen Facetten – von der kleinen Unzufriedenheit bis hin zum größten vorstellbaren Leid – heißt auf Sanskrit duhkha. Das meint wörtlich den negativen Raum. Alle betreten wir immer wieder die negativen Räume des Lebens, ganz egal, wie sehr wir auch die positiven suchen.

Und nun? War es das? Das ganze Leben nur sukha und duhkha, ein Pendeln zwischen Freud und Leid, verbunden mit der vagen Hoffnung, dass das Pendel in meinem speziellen Fall etwas mehr zur schöneren Seite hin ausschlägt? Und ich lebe dann ganz gut auch damit, dass sich das Pendel notwendigerweise für andere mehr zur unangenehmen Seite hinbewegen muss, weil Aktion und Reaktion sich immer ausgleichen: Für meinen Wohlstand zahlt irgendwo ein anderer – Mensch, Tier oder Natur – eine mehr oder weniger schmerzhafte Rechnung.

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© TanteTati/pixabay


Mystiker wollen wissen, was jenseits des Pendels liegt. Wenn man so will: Sie suchen nach der in sich ruhenden Aufhängung dieses Pendels, oder mit einem anderen Bild: nach der stillen Nabe im Zentrum des sich drehenden Rades der Welt. Und sie sagen, dass da noch etwas Großes ist: nicht Glück als das Gegenteil von Unglück, wie wir es meist verstehen, sondern wirkliche Glückseligkeit. Sie ist etwas ganz anderes als nur eine extra große Portion Glück, sie ist ein Bewusstseinszustand, der über beide Pole hinausgeht, sie transzendiert. Die alten Rishis, Indiens große Seher, prägten das schöne Wort ananda dafür.
Und darin versteckt ist anda, das Ei. Es steht für das, was sich selbst genug ist, für das, was aus sich selbst heraus wächst und wird, das alles in sich trägt, was es braucht, um zu werden, was es werden soll und zu sein, was es ist. Es steht für die Idee, dass wir kraft unseres eigenen Seins unserer eigenen Bestimmung und Vollkommenheit entgegenstreben, im Fluss des Seins uns Zug um Zug entfalten.


Das Wort ananda, das fast alle Swamis am Ende ihres Namens führen, steht dafür, das wirkliches Glück transzendent ist, nicht von dieser Welt, doch aber in ihr erfahren werden kann. Die Suche nach ananda oder Glückseligkeit führt über die Welt hinaus oder – was im Grunde dasselbe ist – bringt das, was über die Welt hinausgeht, in die Welt hinein. Viele Worte fanden die Menschen dafür: Tao, Gott, Brahman oder das Höchste sind nur ein paar davon.

Glückseligkeit, wie die Weisen sie verstehen, ist eine innere Erfahrung, völlig losgelöst von der äußeren Welt. Alle ihre Worte versuchen, uns in unser eigenes Inneres zu führen, um so zum Innersten zu gelangen.
Laotse, Buddha, Jesus, Patanjali und alle Weisen aller Zeiten und Orte laden uns ein, uns selbst zu erforschen und unseren Geist verstehen zu lernen. Sie fordern uns auf loszulassen, was weh tut, um die Heiligkeit in uns selbst zu entdecken. Ihre Liebe ist bedingungslos, allumfassend, jenseits aller Relativität. Die Erleuchteten fanden die Wahrheit und gaben sie an uns weiter. Alle lehren sie uns, jeden Tag die Augen zu schließen, Mystiker zu werden und nach innen zu schauen. Dort ist ananda, das vollkommene Glück, das wir sind.
»Dein Wesen ist Glückseligkeit«, sagt auch der fröhliche Swami Satchidananda. Innerer Friede ist ein anderes Wort dafür. Hast du diesen Frieden, dann hast du alles.



Dr. Ralph Skuban
© www.skuban.de
Ralph Skuban, geb. 1965, ist promovierter Politikwissenschaftler und Buchautor. Er leitete über zwei Jahrzehnte lang eine Einrichtung für Demenzkranke. Die intensiven Begegnungen mit Alter und Krankheit, dem zerfallenden Geist und Tod des Menschen führte ihn zur Mystik des Ostens, insbesondere zur Philosophie und Praxis des Yoga. Ralph Skuban pupliziert Bücher und hält Vorträge und Seminare zu Themen der spirituellen Philosophie. Er lebt in der Nähe von München.

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