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Heiligabend - Ein Drama in vier Akten:


von Katri Dietz

Prolog:


Von den Menschen, die ich jetzt kenne, bekomme ich gespiegelt, ich wirke so ausgeglichen, positiv und hätte eine große innere Ruhe. Das ist natürlich eine gute Basis fürs Coaching, es wäre ja stark hinderlich, zu weinen und zu kreischen, während ich mit einer Klientin arbeite.

Früher war ich aber total hysterisch. Durch das Glück, meine chronische Krankheit zu bekommen, habe ich gelernt, innere und äußere Ruhe auszuhalten.

Inzwischen kann ich mich strukturieren, Dinge planen und vorbereiten, mit meinen Gefühlen besser umgehen. Auch mit Weihnachten. Aber früher sah das Ganze eher so aus: Willkommen in meinem Leben!

Heiligabend - Ein Drama in vier Akten
© ATC Comm Photo/pexels.com


1. Akt: Exposition:


„Wetten, dass Sie es nicht schaffen, bis um 17 Uhr ein weihnachtliches 4-Gänge-Menü für neun Personen zu zaubern, die perfekte Anzahl an Geschenken für vier Kinder einzukaufen und einzupacken und auch noch den Weihnachtsbaum zu schmücken?“ Es ist Heiligabend, sieben Uhr dreißig: Topp, die Wette gilt! Oder wie wir heute sagen: Challenge accepted!


2. Akt: Steigende Handlung


Oh je, Weihnachten kommt aber auch immer so plötzlich! Völlig abgelenkt von meiner Arbeit, dem Mutter-Job mit zwei kleinen Kindern und dem Wildpark aus Hund ,Katzen und Hasen im ländlichen Eigenheim, ist mir doch schon wieder entfallen, dass Jesus Geburtstag hat und wir dazu verschiedene Verwandte eingeladen haben. Ach, HEUTE ist das??

Was mach ich jetzt? Eine Liste? Nein, egal, keine Zeit. Ich stopfe die Kinder zum Mann ins Arbeitszimmer, düse durch Schnee und Eis zum Supermarkt und werfe wahllos ein paar Lebensmittel in den Wagen. Würstchen und Kartoffelsalat sollten wohl reichen. Oder ich könnte auch finnische Salate machen. Aber wie macht man die? Aha- ich erfahre, Würstchen und Kartoffelsalat hätte man vorbestellen müssen. Es wird laut gelacht an der Metzger-Theke, kompetentere Mütter in der Schlange wischen sich Lachtränchen aus den Mascara-Wimpern und prusten wieder los, als sie mich ansehen. Ich verkrieche mich in meiner Parka-Kapuze und schiebe schnell weiter. Das Veggie-Regal ist noch fast voll. Also packe ich 20 Tofu-Würstchen ein und hole noch 40 Eier – dann gibt es eben Tofu mit Eiersalat – ich wollte ja eh kein Fleisch mehr essen. Da habe ich den guten Vorsatz fürs nächste Jahr gleich umgesetzt. Aber was ist mit den Geschenken? Wie konnte ich denn bloß Weihnachten vergessen? In der letzten Zeit war auf der Arbeit so viel los, und ich hatte zwar eifrig bei der Weihnachtsfeier mitgewirkt – also im Sinne von: konsumiert – aber anscheinend hatte ich den Teil meines Gehirns, der für Verantwortung zuständig ist, einfach ausgeknipst. Dagegen wird mein Kreativzentrum jetzt angeknipst: ich hab’s!

Die Kinder bekommen einfach Gutscheine. Das muss reichen.

Ich schreibe ihnen zu Hause kleine Zettel mit „Wäsche waschen“, „Zimmer aufräumen“ oder „Schulbrot schmieren“. Wenn sie in Zukunft was von mir wollen, müssen sie die Gutscheine einlösen. Ich finde, mit acht und vier Jahren sind sie jetzt alt genug, sich um alles selbst zu kümmern.

Den Kindern meiner Schwester schreibe ich eine Karte, dass es an Weihnachten nicht um Geschenke geht, sondern um die Liebe im Herzen. Ich freue mich jetzt schon auf die Gesichter.


3. Akt: Höhepunkt/ Klimax - Ankunft der Verwandtschaft (Paukenschlag dröhnt aus dem Off)


Ich stehe ungeduscht und mit hektischen roten Flecken im Gesicht in der dampfenden Küche. Zwanzig Eier kochen im blubbernden Wasser. Meine Schwester schaut vom Flur rein: „Ja, ist denn heut schon Ostern?“ Im Hintergrund hangeln meine Kinder wie Äffchen am Treppengeländer. Auf den Arbeitsflächen stapeln sich Roggenbrote, Baguettes, Nachspeisen in Plastikbechern, Salate, Obst, Gemüse, Fisch und sehr viel Tofu.

Es klingelt an der Tür. Es erscheint: Ihre Majestät, die Königin. Meine Mutter hält Hof.


Es klingelt an der Tür. Es erscheint: Ihre Majestät, die Königin. Meine Mutter hält Hof.
© Nicole Michalou/pexels.com

Onkel und Tante bilden die Nachhut. Schwager und Nichten jagen die Katzen durchs Haus. Ich verwandele mich in eine Krake mit zwölf Armen, rühre, gieße ab, bereite zu. Die Hündin bellt an der Terrassentür, als wären Aliens im Garten gelandet. Ich hoffe sehr, dass es so ist, vielleicht entführen sie mich! Hallo, Aliens, hier bin ich! Ich bin eine Mutter, holt mich hier raus!


3. Akt (weiter):


Peripetie: Die Wendung zum Besseren, auch bekannt als: Das Kaffeetrinken.

Draußen rieselt der Schnee und wir sitzen still und starr wie der See am Esstisch und viel zu eng nebeneinander. Der Tisch ist nicht besonders groß. Man hört eine Uhr ticken. Niemand hat genug Platz, sich mit kleinen Kuchengabeln seiner Torte zu widmen. Sogar die vier Kinder schauen nur mit großen Augen durch die Gegend und schmieren mit der Sahne herum.

Herrlich, diese Stille. Mitten hinein fängt mein rechtes Ohr an zu piepen. Wie die Nulllinie eines Herzmonitors. Wahrscheinlich konnte mein Gehör die ungewohnt lange Minute der Ruhe nicht ertragen. Fast gleichzeitig fangen wieder aber auch alle wieder an zu reden, zu lachen und zu weinen. Mein Sohn findet, er könnte mal versuchen, die Kekse mit Spucke ans Fenster zu kleben, und meine Nichte steckt sich ein Gummibärchen in die Nase. Es ist so schön, wenn die Kinder klein sind.


4. Akt: Die Katastrophe - auch genannt: Die Bescherung


Die erste schöne Bescherung findet schon in der Küche statt, als mir der Tofu verbrennt.

Das Schrillen des Rauchmelders ergibt eine schöne Harmonie mit meinem Tinnitus. Während ich noch hustend mit dem Geschirrhandtuch den Rauch aus der Küche wedele, wird auch schon mit dem Weihnachtsglöckchen zur Geschenkeübergabe geläutet.

Zum Glück hat mein Mann mehr Organisationstalent als ich und schon seit September Geschenke für die Kinder besorgt und eingepackt. Und ich dachte, das wäre meine Aufgabe! Da bin ich ja mal gespannt, was die bekommen. So gelingt Kommunikation in der Ehe – folgen Sie mir für mehr Beziehungstipps.

Hastig schmeiße ich die rauchende Pfanne mit den verkohlten Tofu-Resten in den Garten in den Schnee. Es zischt laut, Spatzen, Meisen und Rotkehlchen flattern aufgeregt davon, ich eile hustend zur besinnlichen Bescherung. Der Rauchmelder hat sich beruhigt, ich nicht.

Die erste schöne Bescherung findet schon in der Küche statt, als mir der Tofu verbrennt.
© Leeloo Thefirst/pexels.com


Im Wohnzimmer sitzen zwölf Menschen andächtig oder auch nicht so andächtig um den Weihnachtsbaum herum. Das ist nicht metaphorisch gemeint, sondern der Baum steht wirklich in der Mitte unseres kleinen Wohnzimmers, und wenn ich mich weit zur Seite beuge, kann ich meine Mutter hinter der Tanne erahnen. Aber hören kann ich sie gut. Die Kinder durften den Baum schmücken und so sieht er auch aus.

Und alle Jahre wieder kommen diese Fragen: „Wie machen wir es jetzt mit den Geschenken? Sollen wir jeder der Reihe nach…? Oder alle gleichzeitig…?“ Und alle Jahre wieder machen wir es alle der Reihe nach. Damit sich die Bescherung auch richtig schön lange zieht und niemand vor zwölf Uhr ins Bett kommt. Gleichzeitig mit meinem ansteigenden Tinnitus spüre ich eine leichte Unruhe, wie einen dampfenden Teekessel in mir. Wenn ich jetzt noch eine Frage beantworten, einen Stuhl holen muss, einmal höre „Mama-Mama-Mama!“ dann renne ich schreiend auf die Straße. Und suche die Aliens.

Die ersten Geschenke werden verteilt, ich döse an die Couch gelehnt ein bisschen vor mich hin. Die Kinder sind zufrieden mit Elektrospielzeugen. Es tutet, hupt und trötet aus allen Richtungen. In der Ecke steht noch ein sehr großes, sehr schwer aussehendes Geschenk. Was könnte das sein? Es steht mein Name drauf. Ich habe mir nichts gewünscht, nur eine Wildkamera. Ich möchte so gerne meine kleinen Vögelchen im Garten fotografieren, aber die flattern immer aufgeregt davon, wenn sie mich sehen. Deshalb hatte ich meinem Mann seit Oktober dezente Winke mit dem Zaunpfahl gegeben, z.b. WhatsApp-Nachrichten mit dem Link einer Wildtierkamera und dazu geschrieben, falls er mir etwas schenken wollen würde, dann bitte ausschließlich diese! Aber mir schwant nichts Gutes. Das Paket hat die Form einer Staubsaugerverpackung. Oder einer Mikrowelle. Bitte lieber Gott, lass es nichts für den Haushalt sein. Gegen gefühlt null Uhr dreißig strahlt mein lieber Mann auf und schiebt den großen Kasten zu mir. Alle anderen freuen sich an ihren Pullovern, Parfums und Duftkerzen. „Das ist für dich, Schatz!“



Katri Dietz: Härtetest
Katri Dietz (Autor)

Härtetest
Leben mit Kind – es wird nicht besser, nur anders!

Das Leben kann manchmal besonders gemein sein. Eigentlich ist Sophie glücklich, wären da nicht: die Praktikantin ihres Mannes Jonas, die ihn sich unter ihre manikürten Fingernägel reißen will. Die reizende vierjährige Tochter Maja, die ihre Mutter aber auch mal bis aufs Blut reizen kann. Die überstrenge Erzieherin im Kindergarten, vor der alle kuschen. Und der Zickenkrieg bei der Zeitschrift „Mütter“, für die Sophie arbeitet. Ist das Leben zu hart oder bist du zu schwach?


Alle halten den Atem an und meine Lachmuskeln sind schon längst abgestorben, so stark spanne ich sie an. Ich habe wirklich Angst, dieses Paket zu öffnen. Jetzt schnell – mit einem Ratsch, wie beim Waxing, reiße ich das Papier ab – und traue meinen Augen kaum. Meine Welt bricht zusammen. Was? Meint er das ernst?


„Das! War! Ein! Scherz! Als ich gesagt habe, dass ich mir das wünsche!“


zische ich meinem Mann zu, als ich ein zwölfteiliges Topfset aus dem Geschenkpapier befreie. Wie kann mein ansonsten intelligenter Mann glauben, ich hätte seine Frage „Was wünschst du dir eigentlich?“ ernsthaft beantwortet mit „Ein Topfset. Kinder, Küche, Kirche, weißt du ja, steh ich drauf.“ Vielleicht sollte ich mal meinen Sarkasmus überdenken.

Aber damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Ich fühle mich nicht gesehen, nicht geliebt, nicht erkannt, nicht anerkannt und vor allem: nicht reich beschenkt. Noch während ich weiß, wie ungerecht und irrational ich mich verhalte, schießen mir Tränen der Enttäuschung in die Augen.

Schnell murmele ich in die verstört dreinschauende Runde „Ach, ihr Lieben, ich bin nur so glücklich!“ und verlasse schniefend den Raum.

„OOH, das ist aber ein schönes Set! Von WMF! Das war bestimmt nicht billig!“ quakt meine Tante mir hinterher.

„Warum weint sie denn schon wieder?“


Epilog:


Und wenn sie nicht gestorben sind und keine Paartherapie gemacht haben, dann streiten sie noch heute über das Topfset.

Ende


Ich wünsche allen Lesern eine wunderschöne Weihnachtszeit und sehr viel Toleranz und Kommunikation. Eine schöne, besinnliche Zeit, in der die inneren Werte auch nach außen gelebt werden.


Sammelt die glücklichen Momente mit Euren Liebsten, denn sie sind die wahren Geschenke.
© lil artsy/pexels.com

Sammelt die glücklichen Momente mit Euren Liebsten, denn sie sind die wahren Geschenke.



Katri Dietz


Katri Dietz
© Katri Dietz
ist staatlich geprüfte Rundfunkjournalistin, Autorin und zertifizierte Psychologische Beraterin/ Personal Coach für chronisch kranke Frauen mit dem Schwerpunkt Positive Psychologie.

Bis zu ihrer schweren Erkrankung 2017 mit Polymyositis hat die gebürtige Hannoveranerin als Freie Redakteurin und Presenterin für verschiedene Radiosender Norddeutschlands gearbeitet (z.B. radio ffn, NDR, R.SH)

Katri Dietz nutzt heute die Natur, Reiki, ihre eigenen Erfahrungen mit Traumaheilung sowie ihre fundierte Ausbildung, um anderen chronisch kranken Frauen Mut zu machen und neue Lebensfreude zu vermitteln. Voraussichtlich im September 2024 wird sie auch die Weiterbildung zur Resilienztrainerin erfolgreich abgeschlossen haben.

Im Heyne Verlag hat sie bereits zwei Romane veröffentlicht, Wickelkontakt (2011) und Härtetest (2012). Weitere Romane sind in Planung.

Die 47-jährige ist seit 2005 verheiratet und hat zwei jugendliche Kinder. Zur Familie gehören auch eine Hündin und zwei Katzen aus dem Tierschutz. Die Natur-Coachin lebt und arbeitet in ihrer Wahlheimat Schleswig-Holstein.



Unheilbar und unsichtbar


Polymyositis ist eine seltene rheumatische Autoimmunkrankheit der Muskeln. Katri Dietz möchte mehr Aufmerksamkeit und Verständnis für Menschen mit chronisch-entzündlichen Erkrankungen schaffen.

Allein zum rheumatischen Formenkreis gehören über 400 Erkrankungen. Rheumatoide Arthritis, Morbus Bechterew, Lupus, Gicht und Vaskulitis sind die bekanntesten.

Direkt zu Homepage von Katri Dietz: www.katri-dietz.de



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