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Der Entscheidungsmuskel


von Petra Tomschi

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Wer dem Satz nicht schon beim Sport begegnet ist, hört ihn irgendwann vom Arzt: “Ein Muskel muss trainiert werden, sonst verkümmert er.” Er verschwindet zwar nicht vollständig aus dem Körper, nein, irgendwo vegetiert er schlapp dahin, aber er ist nur schwer wieder aus seiner Lethargie zu wecken.


Und wie ist das mit dem Entscheidungsmuskel?

Manchen fällt es leicht, eine Wahl zu treffen, manchen schwer, manche wälzen stundenlang Pros und Cons hin und her. Und es gibt echte Entscheidungssprinter, die wissen schon, was sie wollen, bevor noch ganz klar ist, was überhaupt die Alternativen sind. Unter Hochsensiblen sind die allerdings seltener anzutreffen. Dort findet sich eher der Typ Langstreckenläufer, bei dem man hoffen kann, dass er im Idealfall am Ziel ankommt und nicht unterwegs im Gewirr der Gedanken verloren geht.

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© StockSnap/pixabay


Liegt es am Trainingszustand?


Anatomisch ist es natürlich ausgemachter Blödsinn, wenn man annimmt, dass ein Muskel an Entscheidungen beteiligt sei. Aber der Gedanke hat seinen Charme. Muskeln kann man trainieren, dann sind sie besser als vorher in der Lage, ihre Arbeit zu tun. Und man muss sie über das Maß dessen beanspruchen, was sie ohnehin von sich aus tun würden. Der Körper ist nämlich, nett gesagt, ökonomisch. Weniger freundlich ausgedrückt: ein fauler Knochen. Er macht immer nur so viel, wie er unbedingt muss und deshalb wollen die Muskeln stets beansprucht werden, damit sie in Form bleiben. Das kennt jeder, der schon mal mit erschreckten Augen sein dünnes Ärmchen betrachtet hat, nachdem es aus dem Gips geschält wurde.

Mit dem Entscheidungsmuskel verhält es sich ähnlich, den kann man trainieren.


Verantwortlich sein ist nicht gleichbedeutend mit schuld sein

Doch beginnen wir von vorn. Wenn du zu den Menschen gehörst, die schon in der Pizzeria an ihre Grenzen kommen, wenn es darum geht, zwischen Pasta und Pizza zu entscheiden, bist du hier goldrichtig. Oder hast du schon mal eine Küchenplanung aufgestellt? Oh weh, daaaaass ziiiiieht sich, die Summe der Einzelentscheidungen übersteigt das Maß an Vorstellbarem bei Weitem.

Hochsensible sind bekanntermaßen intensive Denker: Nachdenker, Vordenker, Planer, Konsequenzendenker, Querdenker … das braucht Zeit, das kostet Energie. Wer nicht nur eine Alternative von vorn bis hinten gedanklich verfolgt, sondern gleich mehrere, weil er diverse Handlungsoptionen und deren Vor- und Nachteile, Auswirkungen und bisherige Erfahrungen, eigene und die anderer, beleuchtet, ist erst mal eine Weile beschäftigt.

Sollte sich am Ende eine der Alternativen als die eindeutig Beste herausstellen, herzlichen Glückwunsch! Meistens ist das Ergebnis aber in Situation A eher dieses, für den Fall B eher jenes und langfristig ist ohnehin zu bedenken, dass ja noch der Fall C eintreten kann. Sackgasse.
Wurden überhaupt alle verfügbaren Informationsquellen genutzt, sind sie verlässlich und was ist mit nicht verfügbaren aber prinzipiell vorhandenen Daten, die man ebenfalls noch in Betracht ziehen könnte?

Dieser Entscheidungsvorbereitungsstrategie liegt der implizite Glaube zugrunde, dass das Ergebnis besser wird, je mehr und gründlicher man recherchiert, abwägt und vorausdenkt. Dabei kommt einem HSP die Fähigkeit, mit Komplexität umzugehen, einerseits zu Gute. Anderseits füllt er so aber seine Gedankenstraßen mit Input bis zur Muskelstarre und dann geht nix mehr. Stau. Krampf.

Darüber hinaus neigen viele Hochsensible dazu, sich selbst die Schuld zu geben, wenn am Ende die Pizza doch die schlechtere Wahl war und sich die grifflosen Küchenschränke als wenig praktikabel herausstellen. “Hätt ich doch” … Wer kennt diesen Satz nicht? Weil sich keiner gerne mit Selbst- (oder Fremd-) vorwürfen plagt, rennt man wieder zurück auf die Piste und noch einige weitere Runden bis zur eigenen Erschöpfung oder der anderer, die auf ein Ergebnis warten.

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© kylejglenn/unsplash


Beschleunigungsfragen

Wer seinen Entscheidungsmuskel trainieren möchte, um schneller zum Ergebnis zu kommen, sollte sich (zügig ;-) folgende Fragen beantworten, wenn er wieder mal an einer Weggabelung steht. Sie beinhalten Abkürzungen, sie sind Chancen, sich die Aufgabe oder auch Qual der Wahl leichter zu machen.



Das Vielfühler Buch. Hochsensibilität
Petra Tomschi (Autor)
Das Vielfühler Buch. Hochsensibilität





Und die Fragen aller Fragen …

Was denkst du über dich, wenn du eine “falsche” Entscheidung getroffen hast? Die Neigung, sich selbst die Schuld zu geben, wenn eine Entscheidung nicht das gewünschte Ergebnis bringt, ist bei vielen eine wesentliche Ursache ihrer Entscheidungsschwäche und überproportional langer Vorbereitungen und Abwägungen. “Hätte ich doch … “. Da war er wieder.

Kannst du wirklich alles Ungute vermeiden, wenn du nur lang genug versuchst, es zu verhindern? Du bist für das Ergebnis verantwortlich, aber du bist nicht schuld. Das ist ein ganz wesentlicher Unterschied. Verantwortung trägt man mit geradem Rücken und erhobenem Haupt, Schuld trägt man mit krummem Rücken und gesenktem Blick. Steh’ zu deinen Entscheidungen, auch wenn sich im Nachhinein heraus stellen sollte, dass es anders besser gewesen wäre. Die Informationen, die man nachher hat, stehen einem vorher meist noch nicht zur Verfügung oder sind nur mit überproportionalem Aufwand zu beschaffen und selbst dann kann das Schicksal einem noch Streiche spielen.

Ist es nicht arrogant zu glauben, wir könnten alles selbst stimmen? Das Vertrauen, dass alles so kommen wird, wie es soll, dass wir die Weichen stellen können, die Dinge dann aber einfach geschehen, dieses Vertrauen in das Schicksal entlastet das Herz in Entscheidungssituationen. Genau das machen entscheidungsstarke Menschen anders: “So what?” ist deren Satz und nicht “Oh je”. Sie beschäftigen sich nicht mit der Vergangenheit, sondern bestenfalls mit der Zukunft, indem sie sich Gedanken darüber machen, was sie aus der Erfahrung fürs nächste Mal lernen können.

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© nadineshaabana/unsplash


Flexibilität und Elastizität

Den Entscheidungsmuskel kann man trainieren, indem man manchmal “einfach macht”. Wer flexibel und offen bleibt für Erfahrungen und nicht mit allzu starren Erwartungen unterwegs ist, kann sich auf das Ergebnis einstellen. Vielleicht sogar Vorteile aus einem Ergebnis ziehen, das er sich zunächst nicht gewünscht hat. Wer sich keinen “Spiel”raum gibt, wird es schwer haben. Ein wenig darf das Schicksal doch mitmischen, macht es doch ohnehin, nicht wahr? Und wie oft davon auch im positiven Sinn, was man allzu gerne vergisst ?

Das Leben ist eine Kette von aneinander gereihten Entscheidungen, von denen die simpelste heißt: etwas machen oder lassen. Gerade weil davon am Tag einige hundert (oder mehr) kleinere und größere anstehen, liegt hier ein wesentliches Ressourcen-Einsparpotenzial, besonders für Hochsensible. Mutwillige Vereinfachungen sind nicht empfehlenswert, doch mit einer bewusst vorgenommenen Reduzierung der Komplexität tut man sich und vielen anderen einen großen Gefallen. Nimm ab und zu die Abkürzung, sag’ ab und zu ja oder nein und schau was passiert, lerne dich auf Konsequenzen flexibel einzustellen. Elastizität, Flexibilität, Energie und manchmal auch Schnelligkeit sind Kennzeichen leistungsfähiger Muskeln, auch wenn es manche davon gar nicht wirklich gibt.


Petra Tomschi

Petra Tomschi
© Petra Tomschi
Seit 2002 ist Petra Tomschi mit ins² beratung+coaching als Beraterin für Unternehmen und Privatpersonen selbständig tätig. Ihr Abschluss als Diplom-Psychologin, verschiedene Führungspositionen in der Wirtschaft und verschiedene mehrjährige Fortbildungen qualifizieren sie für das breite Angebotsspektrum.

Seit 2013 beschäftigt sie sich intensiv mit dem Phänomen der Hochsensibilität, das mittlerweile zum Schwerpunkt ihrer Arbeit mit Privatpersonen geworden ist. Die Autorin ("Das Vielfühler Buch") ist neben dem Coaching auch in der Weiterbildung von Fachkräften tätig und hält Vorträge zum Thema.

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