Zwischen Buchseiten und Lebenshunger: Elke Heidenreich im Interview über die Rettungskraft der Literatur
„Es waren die Worte der Dichter, die mich begleitet, gerettet, getröstet haben.“ Mit diesem innigen Bekenntnis entführt uns Elke Heidenreich in ihrem neuen Buch „Ach, eine Fanfare“ auf eine zutiefst persönliche und mitreißende Reise durch die Welt der Lektüren, die ihr Leben prägten. Ob die dunkle Lyrik Gottfried Benns in Jugendjahren, die radikale Synthese von Klugheit und Leidenschaft bei Simone de Beauvoir oder die verschwenderische Lebensgier eines Dylan Thomas – Elke Heidenreich liest nicht einfach nur; sie lebt, liebt und leidet mit ihren Büchern.
Kaum jemandem gelingt es seit Jahrzehnten so virtuos und frei von intellektuellem Dünkel, ein Millionenpublikum für die Magie des gedruckten Wortes zu begeistern. In „Ach, eine Fanfare“ verneigt Elke Heidenreich sich vor prägenden Schriftstellerinnen wie Ruth Klüger und erinnert an außergewöhnliche Künstler wie Tomi Ungerer, deren Werke und Freundschaft ihr Herz berührten. Für uns hat sich die leidenschaftliche Literaturkennerin Zeit genommen und erzählt im LEBE-LIEBE-LACHE-Interview, welches Zitat ihr Lebensmotto bestimmt, wie Freundschaft den Blick auf die Kunst verändert und warum Bücher auch in Zeiten digitaler Reizüberflutung unersetzlich bleiben.

© Stefan Pick (Ausschnitt Buchcover)
Elke Heidenreich im Interview mit Annette Maria Böhm
LEBE-LIEBE-LACHE: In Ihrem neuen Buch beschreiben Sie die Worte der Dichter als Ihre Begleiter, Retter und Tröster. Gibt es ein konkretes Buch oder ein bestimmtes Gedicht, das Sie in einer besonders schwierigen Lebensphase regelrecht wieder aufgerichtet hat?
ELKE HEIDENREICH: Ja, aber das ist natürlich mit 15 anders als mit 30, 60 oder 80. Gedichte und Texte haben mich immer begleitet, aber ich glaube, in der Pubertät waren die Gedichte von Gottfried Benn die prägendsten.
ELKE HEIDENREICH: Ja, aber das ist natürlich mit 15 anders als mit 30, 60 oder 80. Gedichte und Texte haben mich immer begleitet, aber ich glaube, in der Pubertät waren die Gedichte von Gottfried Benn die prägendsten.
LEBE-LIEBE-LACHE: Liebe Frau Heidenreich, Sie haben die besondere Gabe, ein Millionenpublikum für Literatur zu begeistern. Was ist Ihr Geheimnis, ein Buch so vorzustellen, dass bei den Menschen sofort der Funke überspringt?
ELKE HEIDENREICH: Man muss selbst begeistert sein, um begeistern zu können. Nur wer brennt, kann auch anzünden, und diese Begeisterung konnte ich immer vermitteln. Das ist einfach ein Teil von mir, nichts Gelerntes oder Hergestelltes. Ich bin so!

Elke Heidenreich (Autor)
»Ach, eine Fanfare!«
Liebesbekenntnisse zu Schriftstellern
»Es waren die Worte der Dichter, die mich begleitet, gerettet, getröstet haben.« Elke Heidenreichs ebenso persönliche wie begeisternde Reise durch die Welt der Literatur
Dass Elke Heidenreich Literatur liebt, ist kein Geheimnis. Wie es ihr immer wieder gelingt, ein Millionenpublikum dafür zu begeistern, schon eher. In diesem Buch versammelt sie ihre schönsten Erinnerungen an Lektüren, die ihr im Leben besonders wichtig wurden. Als Teenagerin verfiel sie der dunklen Lyrik Gottfried Benns, wie sich Klugheit und Leidenschaft verbinden, erfuhr sie bei Simone de Beauvoir, Dylan Thomas feiert sie für seine verschwenderische Lebensgier, die sie selbst gut kennt. Sie verneigt sich vor großen Schriftstellerinnen wie Ruth Klüger. Und sie erinnert sich an einzigartige Künstler, die ihr zu engen Freunden wurden, wie Tomi Ungerer. Eine enthusiastische Leserin, die funkelnde Geschichten über eine lebenslange, große Liebe erzählt.
Dass Elke Heidenreich Literatur liebt, ist kein Geheimnis. Wie es ihr immer wieder gelingt, ein Millionenpublikum dafür zu begeistern, schon eher. In diesem Buch versammelt sie ihre schönsten Erinnerungen an Lektüren, die ihr im Leben besonders wichtig wurden. Als Teenagerin verfiel sie der dunklen Lyrik Gottfried Benns, wie sich Klugheit und Leidenschaft verbinden, erfuhr sie bei Simone de Beauvoir, Dylan Thomas feiert sie für seine verschwenderische Lebensgier, die sie selbst gut kennt. Sie verneigt sich vor großen Schriftstellerinnen wie Ruth Klüger. Und sie erinnert sich an einzigartige Künstler, die ihr zu engen Freunden wurden, wie Tomi Ungerer. Eine enthusiastische Leserin, die funkelnde Geschichten über eine lebenslange, große Liebe erzählt.
LEBE-LIEBE-LACHE: Als Teenagerin hat Sie die dunkle Lyrik Gottfried Benns fasziniert. Welcher Aspekt seiner Sprache hat Sie damals als junge Frau so berührt?
ELKE HEIDENREICH: Der Zorn. Die Melancholie. Das Verneinen. Die Abwesenheit, die Fragwürdigkeit von Glück. Das Düstere. Das war meine Stimmung damals und es hat mir geholfen, das in den Benn Gedichten wiederzufinden und letztlich zu überwinden.
LEBE-LIEBE-LACHE: Bei Simone de Beauvoir ging es Ihnen um die Verbindung von Klugheit und Leidenschaft. Warum wird intellektuelle Tiefe in unserer Gesellschaft oft fälschlicherweise als Gegensatz zu emotionaler Hingabe gesehen?
ELKE HEIDENREICH: Beides gehört zusammen, dass man analysieren kann und dabei nicht seine Empathe verliert. Die Beauvoir hat gezeigt, dass man mit einem Partner eng verbunden leben kann und trotzdem nicht alle Leidenschaften ausbremsen muss, die einem das Leben anbietet!
LEBE-LIEBE-LACHE: Dylan Thomas schätzen Sie für seine verschwenderische Lebensgier. Ist diese ungezähmte Lust am Leben etwas, das man durch Lektüre lernen kann, oder muss man sie bereits in sich tragen?
ELKE HEIDENREICH: Man muss, denke ich, ein Talent zum Glück haben und Leidenschaften zulassen können. Das konnte er, so armselig sein Leben auch oft war, so früh er auch am Alkohol gestorben ist. Die Liebe zur Poesie durchtobte ihn geradezu und machte sein Leben trotz allem schön.
LEBE-LIEBE-LACHE: Wenn Sie an Ruth Klüger und ihr Werk zurückdenken: Welche Form von Haltung oder innerer Stärke hat diese große Schriftstellerin bei Ihnen am tiefsten geprägt?
ELKE HEIDENREICH: Ihre Einstellung zum Leben, ohne Hass- obwohl sie durch die Nazis alles verloren hatte- Familie, Heimat, Möglichkeiten. Sie war als jüdisches Kind aus Wien in gleich drei KZs, mit 12 Jahren. Sie ist nicht bitter geworden, sondern stark und klug, sie hat keine Sentimentalitäten mehr zugelassen. Und obwohl ich oft sentimental sein kann, waren wir eng befreundet. Sie hat mich richtiges, gerade Denken gelehrt. Furchtlos zu sein.
LEBE-LIEBE-LACHE: Besonders berührend im Buch sind die Erinnerungen an enge Weggefährten wie Tomi Ungerer. Wie verändert sich der Blick auf das Werk eines Künstlers, wenn aus Bewunderung eine persönliche Freundschaft wird?
ELKE HEIDENREICH: Ach, an Tomi hab ich alles geliebt. Seine Freundlichkeit, seine Großzügigleit, seinen Humor, seine tiefe Verzweiflung. Und das alles ist in seinen Bildern und seinen Texten. Mit Tomi konnte man lachen und weinen und es geht gar nicht, ihn nicht zu lieben.
LEBE-LIEBE-LACHE: Gibt es eine Lektüre aus Ihrer Jugend, die Sie heute – mit all Ihrer Lebenserfahrung – mit ganz anderen Augen lesen als damals?
ELKE HEIDENREICH: Carson McCullers Roman „Das Herz ist ein einsamer Jäger“. Das habe ich als Teenager gebraucht, um mir über meine eigene Situation in der Familie klar zu werden, es ist so ein reiches Buch – aber es ist gealtert. Es ist immer noch gut, aber meine Lebenswirklichkeit ist jetzt eine komplett andere, es spricht sozusagen nicht mehr zu mir wie früher.
ELKE HEIDENREICH: Ach, an Tomi hab ich alles geliebt. Seine Freundlichkeit, seine Großzügigleit, seinen Humor, seine tiefe Verzweiflung. Und das alles ist in seinen Bildern und seinen Texten. Mit Tomi konnte man lachen und weinen und es geht gar nicht, ihn nicht zu lieben.
LEBE-LIEBE-LACHE: Gibt es eine Lektüre aus Ihrer Jugend, die Sie heute – mit all Ihrer Lebenserfahrung – mit ganz anderen Augen lesen als damals?
ELKE HEIDENREICH: Carson McCullers Roman „Das Herz ist ein einsamer Jäger“. Das habe ich als Teenager gebraucht, um mir über meine eigene Situation in der Familie klar zu werden, es ist so ein reiches Buch – aber es ist gealtert. Es ist immer noch gut, aber meine Lebenswirklichkeit ist jetzt eine komplett andere, es spricht sozusagen nicht mehr zu mir wie früher.
LEBE-LIEBE-LACHE: In einer Welt voller schneller Reize: Welche Magie besitzt das gedruckte Wort für Sie nach wie vor, die kein anderes Medium ersetzen kann?
ELKE HEIDENREICH: Die Ruhe. Sessel, Lampe, Mensch, Buch – das ist für mich durch nichts zu ersetzen. Keine Technik, keine Komplikationen, kein Apparat – nur Papier und Worte. Es gibt nichts Schöneres. Doch: Musik.
LEBE-LIEBE-LACHE: Wenn Sie eine einzige Zeile oder ein Zitat wählen müssten, das als Motto über all Ihren bisherigen Lektüren stehen könnte – welches wäre das?
ELKE HEIDENREICH: Eins von Samuel Beckett: Scheitern. Immer scheitern. Wieder scheitern. Besser scheitern.
Elke Heidenreich

© Leonie von Kleist
Bei Hanser erschienen u.a.: »Der Welt den Rücken« (Erzählungen, 2001), »Passione« (Liebeserklärung an die Musik, 2009), »Alles kein Zufall« (Kurze Geschichten, 2016), »Männer in Kamelhaarmänteln« (Kurze Geschichten über Kleider und Leute, 2020), »Ihr glücklichen Augen« (Kurze Geschichten zu weiten Reisen, 2022), »Altern« (Hanser Berlin 2024) und zuletzt »Ach, eine Fanfare!« (Hanser 2026). Im Kinder- und Jugendbuch veröffentlichte sie u.a. »Nero Corleone kehrt zurück« (mit Quint Buchholz, 2011), »Nurejews Hund« (mit Michael Sowa, 2013) und »Erika« (mit Michael Sowa, 2015). 2023 folgte »Frau Dr. Moormann & ich« (Illustration: Michael Sowa).