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„Wir informieren uns zu Tode“ – Prof. Dr. Gerald Hüther im Interview über die digitale Reizflut


Morgens der erste Blick aufs Smartphone, abends der letzte, und dazwischen ein permanenter Schwall aus Eilmeldungen, Schlagzeilen und hitzigen Online-Debatten. Das Ergebnis? Wir wissen von allem ein bisschen, fühlen uns aber oft nur noch erschöpft, blockiert und seltsam leer.

Genau hier setzt der renomierte Hirnforscher Prof. Dr. Gerald Hüther an. In seinem Buch „Wir informieren uns zu Tode“ (gemeinsam mit Robert Burdy) beschreibt er ein Phänomen, das uns alle angeht: Unser Gehirn „verwickelt“ sich in dieser digitalen Reizflut. Wir werden nicht klüger, sondern verlieren die Orientierung.

Auch im nachfolgenden Interview teilt der Neurobiologe seine Erkenntnisse darüber, warum uns schlechte Nachrichten so triggern, wie Algorithmen unsere Biologie austricksen – und wie wir uns die Hoheit über das eigene Denken zurückholen.


Wir informieren uns zu Tode - Prof. Dr. Gerald Hüther im Interview über die digitale Reizflut
© Jan Pyko

Prof. Dr. Gerald Hüther im Interview mit Annette Maria Böhm



LEBE-LIEBE-LACHE: Können Sie neurobiologisch erklären, was in einem Gehirn passiert, das ständig emotional aufgeladenen Kurznachrichten ausgesetzt ist, im Vergleich zu einem Zustand der Ruhe?

GERALD HÜTHER: Unser Gehirn ist ja kein lebloser Gegenstand, den man mit allem Möglichen von Außen so lange bombardieren kann, bis er kaputt geht. Unser Gehirn lebt, ist Teil von uns und kann sich wehren und dafür sorgen, dass es nicht „überreizt“ wird. Normalerweise jedenfalls, also dann, wenn sich dort ein paar übergeordnete Netzwerke im Frontalhirn herausbilden und festigen konnten, mit deren Hilfe Erregungen abgebremst und gehemmt werden, die von „außen“ über die Sinnesorgane oder von „unten“ über die Aktivierung von emotionalen Zentren eintreffen. Ich bin doch kein passives, willenloses Geschöpf. Wenn mir etwas zu viel wird, schaue ich nicht mehr hin, schalte das Gerät ab oder verlassen den mir zu lauten und zu hektischen Ort. Also: Ihre Frage ist falsch gestellt. Das Gehirn könnte sehr gut mit diesen Herausforderungen umgehen, wenn wir es hinreichend gut während unserer Kindheit und Jugend dafür genutzt hätten. Offenbar hat uns das damals niemand zugetraut oder es hat sich niemand dafür interessiert oder in den Hirnen unserer Bezugspersonen waren diese exekutiven Frontalhirnverschaltungen auch nur kümmerlich herausgebildet.



LEBE-LIEBE-LACHE: Warum sind gerade alarmistische Informationen so „effizient“ darin, unsere Aufmerksamkeit zu binden, und welche Folgen hat dieser Dauerstress für unsere Empathiefähigkeit?

GERALD HÜTHER: Es gibt in unseren Gehirnen ein paar überlebenssichernde Notfallverschaltungen, die liegen um Mittelhirn und im Stammhirn und über die verfügen auch schon die Krokodile. Sie reagieren sehr empfindlich auf Wahrnehmungen, die Gefahr signalisieren. Es wäre ungünstig, wenn jemand lernen würde, auch diese Signale zu unterdrücken. Sie oder er würde beispielsweise beim Herannahen eines außer Kontrolle geratenen Autos dann nicht reagieren und käme wahrscheinlich um. Aber wenn jemand ein einigermaßen gut herausgebildetes Frontalhirn mit entsprechenden Nervenzellverknüpfungen hätte, so konnte dieser Mensch beim Hören quietschender Reifen, sich überschlagender Fahrzeuge oder einstürzender Brücken ja gut genug unterscheiden, ob er gerade vor einer Mattscheibe sitzt oder das Geschehen leibhaftig erlebt. Wer das nicht kann, wer also seine virtuelle Eindrücke nicht von realen Gegebenheiten unterscheiden kann, hat ein Problem. Dessen Aufmerksamkeit wird dann an die Intensität dieser Sinneseindrücke gebunden und das Ergebnis ist Dauerstress. Auf den reagiert das Gehirn zwangsläufig so, wie es auf alle nutzlos dort oben ankommenden Übererregungen reagiert: Mit Abstumpfung. Und die bleibt dann auch draußen im realen Leben bestehen und führt zu dem, was wir Empathieverlust nennen.



LEBE-LIEBE-LACHE: Wo ziehen Sie die Grenze zwischen dem reinen Konsum von Datenfragmenten und dem Aufbau von echtem, handlungsrelevantem Wissen?

GERALD HÜTHER: Weil ich nicht weiß, was ich unter einem „Konsum von Datenfragmenten“ verstehen soll und mir unklar ist, wie und wozu solche Fragmente im Gehirn abgespeichert werden könnten. Bei lebensbedrohlicher Traumatisierungen kann es dazu kommen, aber das sind ja extrem seltene Ereignisse. Wahrscheinlich ist mit dem Begriff „Konsum von Datenfragmenten“ die Verarbeitung von Wahrnehmungen ohne Sinnzusammenhang gemeint. Das können sich Menschen allerdings nur dann leisten, wenn sie sich sehr weit von allen realen Lebensbezügen entfernt haben, wenn sie also in einer weitgehend künstlich generierten Welt leben.


Gerald Hüther: Wir informieren uns zu Tode: Ein Befreiungsversuch für verwickelte Gehirne
Gerald Hüther, Robert Burdy (Autoren)

Wir informieren uns zu Tode

Ein Befreiungsversuch für verwickelte Gehirne
Unsere globalisierte und digitalisierte Welt mit ihren trüben Zukunftsaussichten verunsichert viele. Entsprechend übermächtig ist das Bedürfnis nach wegweisenden Informationen. Doch das Informationszeitalter für alle hat sich in ein Zeitalter der allgemeinen Verwirrung verwandelt. Der Wettbewerb der Ideen, den alle freiheitlichen Demokratien für ihre Weiterentwicklung brauchen, ist zum Marktplatz für die Verbreiter von Angst, Wut und Empörung geworden. Unsere Gehirne sind mit einer konstruktiven Verarbeitung der täglichen Flut von Botschaften völlig überfordert. Wir haben die Orientierung verloren.

Der Hirnforscher Gerald Hüther und der Publizist Robert Burdy beschreiben die konkreten Erscheinungsformen, Ursachen und Auswirkungen dieser Überflutung. Sie belegen, wie wir durch emotional aufgeladene Botschaften manipuliert werden und welche Gefahren daraus für uns und unser Zusammenleben erwachsen. Ihr radikaler Lösungsvorschlag lautet: konsequente Rückbesinnung auf das, was wir für ein friedvolles und glückliches Leben brauchen und wie wir unser künftiges Zusammenleben gemeinsam gestalten wollen. Wer diesem inneren Kompass folgt, kann sich im Dschungel der ständig hereinprasselnden Informationen nicht mehr verirren.



LEBE-LIEBE-LACHE: Wie können wir uns als Individuen gegen Algorithmen wehren, die gezielt unsere biologischen Schwachstellen wie Neugier und Empörung ausnutzen?

GERALD HÜTHER: Wir müßten schon von Kindesbeinen an gelernt haben, allem zu Mißtrauen und einen großen Bogen um alles zu machen, was darauf abzielt, uns für irgendwelche Zwecke zu benutzen. Menschen, die genau das aber nicht gelernt haben, lassen sich bereitwillig, nicht nur von gezielt eingebauten Algorithmen vereinnahmen, sondern auch von Partnern, Freunden, Kollegen, bisweilen auch schon von Eltern, Erziehern, Lehrern, und oft auch von Peers und Vorgesetzten, die sie zu Objekten ihrer jeweiligen Absichten und Ziele, ihrer Belehrungen und Bewertungen und auch ihrer verordneten Maßnehmen machen. Dort müßten wir ansetzen und eine grundlegende Veränderung unserer bisherigen Beziehungskultur einleiten, dann hätten auch die Konstrukteure und Verkäufer dieser Algorithmen keine Chance mehr, so viele Menschen zu verführen.



LEBE-LIEBE-LACHE: Fördert die Schnelligkeit der digitalen Kommunikation eine „Schwarz-Weiß-Logik“, die uns als Gesellschaft die Fähigkeit zum Kompromiss raubt?

GERALD HÜTHER: Das ist ganz offensichtlich so, aber das würde nicht länger in dieser Weise funktionieren, sobald Menschen über alle Unterschiede und Grenzen hinweg sich als Suchende verstehen, die sich allzu leicht auf ihrer Suche verirren können und die dann andere Verirrte brauchen, um gemeinsam einen tragfähigen Weg für das eigene Leben und das Zusammenleben mit anderen zu finden. Die meisten Menschen betrachten sich aber gegenwärtig nicht als Suchende und haben allzu große Angst voreinander. Deshalb können Sie ihre Konflikte letztlich immer wieder nur polarisierend und letztlich kriegerisch lösen.



LEBE-LIEBE-LACHE: Welchen Stellenwert hat die Zweckfreiheit – Momente ohne Informationsaufnahme – für die Reorganisation unserer neuronalen Netzwerke?

GERALD HÜTHER: Die Grundform des Lernens – nicht nur bei uns, sondern bei allen besonders lernfähigen Tieren - ist das spielerische Ausprobieren. Das funktioniert nur ohne Druck. Sonst wird das Spiel vom Ernst des Leben erstickt. Dann müssen Lösungen gefunden werden, um diesen Druck zu überwinden. Und dann wird ein Zweck verfolgt und damit ist jedes spielerische Ausprobieren zu Ende. Zweckfreiheit ist also die Voraussetzung für jedes spielerische Ausprobieren und bildet damit die Grundlage allen Lernens. Aber Zweckfreiheit bedeutet doch nicht, dass dabei, also in diesem spielerischen Ausprobieren keine Information aufgenommen wird. Im Gegenteil! Aber möglicherweise eben nicht diejenigen, die im Lehrplan stehen und die Pädagogen der Alten Schule den Schülern „auf deren spätere Nutzung ausgerichtet“ beizubringen versuchen.



LEBE-LIEBE-LACHE: Was ist der erste, konkrete Schritt, den jeder heute tun kann, um sein Gehirn aus der „Verwicklung“ zu lösen und wieder zum Gestalter der eigenen Wahrnehmung zu werden?

GERALD HÜTHER: Es geht wohl am Ende immer nur um einen banalen Bewußtwerdungsprozess im Sinne des „Erkenne Dich selbst“. Aber auf den lassen sich viele Menschen nicht so gern ein, weil er deren bisherige feste und haltbietende Vorstellungen und Überzeugungen in Frage stellt. Vielleicht ist es vorteilhaft, damit ganz klein anzufangen und sich zumindest gelegentlich zu fragen, ob man selbst wirklich so ein Mensch sein möchte, wie der, der heute schon wieder so selten darauf geachtet hat, was er gesagt und getan hat.



Gerald Hüther, Vorstand der Akademie für Potentialentfaltung


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© Jan Pyko
Prof. Dr. Gerald Hüther
zählt zu den bekanntesten Hirnforschern Deutschlands. Praktisch befasst er sich im Rahmen verschiedener Initiativen und Projekte mit neurobiologischer Präventionsforschung. Er schreibt Sachbücher, hält Vorträge, organisiert Kongresse, arbeitet als Berater für Politiker und Unternehmer und ist häufiger Gesprächsgast in Rundfunk und Fernsehen. So ist er Wissensvermittler und –umsetzer in einer Person.

Studiert und geforscht hat er in Leipzig und Jena, dann seit 1979 am Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin in Göttingen. Er war Heisenberg-Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft und von 2004 – 2016 als Prof. für Neurobiologie an der Universität Göttingen beschäftigt. 1994-2006 leitete er eine von ihm aufgebaute Forschungsabteilung an der psychiatrischen Klinik in Göttingen. 2006 – 2016 befasste er sich mit der Verbreitung von Erkenntnissen auf dem Gebiet der Neurobiologischen Präventionsforschung. 2015 Gründung der Akademie für Potentialentfaltung und Übernahme ihrer Leitung als Vorstand.

In seiner Öffentlichkeitsarbeit geht es ihm um die Verbreitung und Umsetzung von Erkenntnissen aus der modernen Hirnforschung. Er versteht sich als „Brückenbauer“ zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und gesellschaftlicher bzw. individueller Lebenspraxis. Ziel seiner Aktivitäten ist die Schaffung günstigerer Voraussetzungen für die Entfaltung menschlicher Potentiale.

Direkt zur Homepage von Prof. Dr. Gerald Hüther: www.gerald-huether.de