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Stefanie von Wietersheim im Interview über die vergessenen Pionierinnen unserer Moderne


„Wer hat die technologischen Grundlagen für unser heutiges Bluetooth gelegt? Wer erfand das ikonische Gesicht von New York? Und wer leitete als erste Frau ein demokratisches Parlament? Die Antworten auf diese Fragen führen uns nicht zu den üblichen Namen der Geschichtsbücher, sondern zu Frauen, die trotz ihrer genialen Innovationen und ihres Mutes systematisch unsichtbar gemacht wurden.

Stefanie von Wietersheim rückt diese Frauen in ihrem neuen Werk ‚Vergessene Heldinnen‘ nun endlich dorthin, wo sie hingehören: ins Rampenlicht. Mit akribischer Recherche und eindrucksvollen Bildern korrigiert sie eine männlich dominierte Erzählweise der Geschichte und zeigt uns Vorbilder in Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst und Politik, die wir heute dringender brauchen denn je.


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© Stefanie von Wietersheim

Annette Maria Böhm spricht mit der Autorin über geniale Erfinderinnen, mutige Politikerinnen und die Frage, warum wir diese weibliche Innovationskraft heute wiederentdecken müssen, um unsere Gegenwart besser zu verstehen.


LEBE-LIEBE-LACHE: Wenn wir das Buch aufschlagen und die ca. 100 Fotos betrachten: Gibt es ein Bild, das für Sie die Essenz der Innovation am stärksten verkörpert? Welches Gesicht sollte jede Frau heute kennen?“

STEFANIE VON WIETERSHEIM: Es ist das Bild der ersten demokratisch gewählten Parlamentspräsidentin überhaupt - und zugleich der ersten deutschen Bundestagspräsidentin: Annemarie Renger. Sie wurde mit 53 Jahren als SPD-Politikerin im Jahr 1972 in das zweithöchste Staatsamt der Bundesrepublik gewählt. Damit hat sie als erste Frau seit 1919 diese Führungsposition im Parlament übernommen. Seit 1919, dem Jahr, in dem in unserem Land das Frauenwahlrecht galt - das muss man sich einmal vorstellen! Erstaunlich und ernüchternd ist, dass seit Rengers Präsidentschaft bis heute nur drei weitere Frauen auf sie folgten: Rita Süssmuth von 1988 bis 1998, Bärbel Bas von 2021 bis 2025 und nun Julia Klöckner seit 2025. Sie stehen neben 11 männlichen ehemaligen Präsidenten.

Wenn man überlegt, was für eine entscheidende Rolle Politik in unser aller Leben spielt und dass die Hälfte der Gesellschaft aus Frauen besteht, ist das ein enorm wichtiges Thema. Immer noch. Der aktuelle Frauenanteil bei den Abgeordneten des Deutschen Bundestags liegt übrigens bei 32,4 Prozent. Wobei dieser Prozentsatz zwischen den Parteien extrem variiert. Ich finde es erschreckend, dass wir im Jahr 2026 immer noch über dieses Thema sprechen müssen.“

Stefanie von Wietersheim: Vergessene Heldinnen: Frauen, die Geschichte schrieben
Stefanie von Wietersheim (Autor)

Vergessene Heldinnen

Frauen, die Geschichte schrieben
„Vergessene Heldinnen“ erzählt die inspirierenden Geschichten außergewöhnlicher Frauen, die in Politik, Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft Großes geleistet haben, aber heute völlig vergessen sind. Wussten Sie, dass unsere moderne Bluetooth-Technologie von der schönsten Frau der Filmgeschichte mit vorgedacht wurde? Wie die weltweit erste demokratische Parlamentspräsidentin hieß? Dass der berühmte „I love New York“-Slogan von einer der ersten großen Werberinnen erfunden wurde? Völlig zu Unrecht wurden diese wegweisenden Erfinderinnen, Künstlerinnen, Politikerinnen und Aktivistinnen von der männerdominierten Geschichtsschreibung vergessen. Dieses Buch rückt sie ins Rampenlicht und würdigt mit spannenden Portraits, faszinierenden Fakten und eindrucksvollen Bildern ihre Lebenswege - ergänzt durch prominente Stimmen aus dem Heute.


LEBE-LIEBE-LACHE: Isadora Duncan gilt als Pionierin des modernen Ausdruckstanzes. In Ihrem Buch wird deutlich, dass sie weit mehr als eine Tänzerin war – sie war eine radikale Freigeistin. Was können wir heute von ihrer Unbezähmbarkeit lernen, wenn es darum geht, eigene, völlig neue Wege abseits der Traditionen zu finden?

STEFANIE VON WIETERSHEIM: Zwei Dinge. Das erste hat mit einem neuen Verständnis von Körperlichkeit zu tun. Sie hat in einer Zeit, in der der klassische Tanz strengen Formen folgte und Kleidung mehr einschnürte als Freiheit gab, die natürliche Bewegung als Libération propagiert und künstlerisch umgesetzt. Bei ihr durfte der Körper so sein wie er war. Und auch angesehen werden wie er war. Somit war sie eine Wegbereiterin der Body Positivity, auch wenn das schockierte. Sie hätte sicher die Ideen von Kollektiven wie die der „Radikalen Töchter“ oder „Femen“ verstanden.

Das zweite ist, was wir von ihr lernen können, ist sicher eine sehr gesunde Unerschrockenheit in dem persönlichen Leitmotiv zu leben, das einen passioniert. Ob es nun Tanz ist oder Begeisterung für Griechenland oder ein Schulprojekt oder eine Form von Musik. Und in diesem sehr konsequent zu bleiben und auch weiterzumachen, wenn man daran glaubt. Egal, wie sehr das Publikum „Buh!“ schreit, man pleite ist, die Presse sich aufregt. Wir glauben heute oftmals, uns ständig optimieren zu müssen, beruflich, seelisch, geistig, körperlich. Isadora Duncan widersetzte sich in ihrer Zeit einem Diktat der Optimierung - sie schrieb ihr eigenes Skript.“



LEBE-LIEBE-LACHE: Frau von Wietersheim, Sie widmen der Opernsängerin Camilla Williams ein Porträt. Sie war 1946 die erste schwarze Sängerin auf einer großen New Yorker Bühne. War ihr Erfolg rein künstlerischer Natur, oder müssen wir ihre Karriere heute als einen der ersten großen emanzipatorischen Akte in der Welt der Hochkultur verstehen?

STEFANIE VON WIETERSHEIM: Camilla Williams Auftritt in der Oper „Madame Butterfly“ war auch ein hoch politischer Akt. Nicht nur ihr eigener, sondern des Verantwortlichen, der die Bühne für sie freimachte! Gegen Drohungen! Denn mit diesem Auftritt durchbrach sie die bis dahin überaus harte „colour barrier“, die auch danach noch galt. Auf Tourneen litt Camilla Williams jahrelang darunter, nicht mit weißen Kollegen oder Begleitern zusammen in einem Wagen reisen zu dürfen, weil die Rassensegregation in den USA so erbarmungslos war. Sie hat oft davon erzählt, auch Weggefährtinnen berichteten später davon.

Camilla Williams war es auch, die 1963 beim „March on Washington“ vor dem legendären Auftritt Martin Luther Kings mit seiner Rede „I have a dream“ die Nationalhymne sang und sich gemeinsam mit ihrem Mann, dem Bürgerrechtsanwalt Charles T. Beavers, für die Gleichberechtigung aller Bürgerinnen und Bürger einsetzte. Sie wurde zudem 1977 die erste Afro-American-Professorin für Gesang an der Universität von Indiana. Und sie reiste als musikalische Botschafterin der USA durch die Welt.“



LEBE-LIEBE-LACHE: In dem Buch blicken wir auch in den Garten von Natalie Clifford Barney und ihre ‚Sappho-Rituale‘. Sie schuf einen Raum für weibliche Intellektuelle und Künstlerinnen in Paris. War dieser Aufbau von Netzwerken und ‚Safe Spaces‘ für Frauen damals die wichtigste Innovation, um überhaupt eine Stimme in der Kultur zu bekommen?

STEFANIE VON WIETERSHEIM: Natalie Clifford Barney hatte als privilegierte amerikanische Erbin in Paris eine Vorreiterrolle - als Schutzherrin, Netzwerkerin und Mäzenatin von Künstlerinnen. Auch fanden lesbische Frauen mit ihren Werken bei ihr Raum. Sie selbst propagierte in ihren eigenen Dichtungen ebenfalls die Lust am lesbischen Leben. Besonders war, dass sie eine „Académie des Femmes“ ins Leben rief, als Gegenstück zur rein männlich geprägten Académie Française. Doch ihre internationalen Salons waren nie auf Frauen beschränkt, sondern standen auch Männern offen! Sie war da absolut und selbstverständlich inklusiv.



LEBE-LIEBE-LACHE: Gab es während Ihrer Recherche eine Erfindung oder eine wirtschaftliche Leistung, bei der Sie selbst dachten: ‚Das kann nicht wahr sein, dass wir das in der Schule nie gelernt haben‘?

STEFANIE VON WIETERSHEIM: Das nicht. Aber ich hätte gerne in der Schule die Tatsache gelernt, wie strukturell diskriminiert Frauen lange Zeit im Bildungsbereich waren, weil sie bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts nicht an Hochschulen studieren durften. Oder nicht einmal zum Abitur zugelassen wurden! Clara Immerwahr etwa war die erste Frau, die in Deutschland ihren Doktortitel in Chemie erwerben konnte, gegen viele Widerstände, und das war im Jahr 1900. Das war eine Sensation, die in der Zeitung stand. Viele Frauen versuchten über den Beruf der Lehrerin an eine höhere Bildung zu kommen, oder sehr wenige sehr Privilegierte gingen an eine Universität in der Schweiz. Oft waren diese dann selber Töchter von Professoren. Sehr motivierte, bildungshungrige Frauen, die es sich auch leisten konnten, bettelten bei Professoren darum, als Gasthörerin an Vorlesungen teilnehmen zu dürfen. Da wurden sie dann oft gemobbt. Frauen waren in dieser Hinsicht im Bildungsbereich Wesen zweiter Klasse. Kein Wunder, dass noch zu meiner Studienzeit Professorinnen im Gegensatz zu Professoren äußerst rar waren.“



LEBE-LIEBE-LACHE: Der Slogan ‚I love New York‘ ist eines der stärksten Markenzeichen der Welt. Dass Mary Wells Lawrence, eine Frau, dieses visuelle Erbe erschaffen hat, ist weitgehend unbekannt. Inwiefern hat sie durch ihre Arbeit in der Werbung nicht nur Produkte, sondern das moderne Selbstverständnis von Metropolen und Lebensstilen revolutioniert?

STEFANIE VON WIETERSHEIM: Mary Wells Lawrence gab mit dieser Kampagne ab dem Jahr 1977 New York, das damals eine heruntergekommene, dreckige, auch kriminelle Stadt war, ein Image, von dem es bis heute lebt. Weil sie für die Imagekampagne lauter kreative Menschen einspannte, die wir heute Influencer nennen würden: Hollywoodstars, Sänger, Politiker. Sie lud das Bild der Stadt durch die Leidenschaft dieser Menschen für sie positiv auf. Dieses positive Aufgeladensein wirkt bis heute nach. Damit ist New York wahrscheinlich nur mit Paris vergleichbar. Doch Paris konnte immer auch mit seiner strahlenden Geschichte, seiner Old-Europe-Architektur und der Eleganz punkten.

Aktuell interessant ist, dass der neu gewählte Bürgermeister Zohran Mamdani nun das Image und auch die Realität von New York als Playground nur für Megareiche ändern möchte. Er hat in seiner Antrittsrede das Gefühl von „I love New York“ bewusst eingesetzt: er will die Hauptstadt des Kapitalismus, in dem ein Kaffee fast zehn Dollar kostet, für alle lebenswert machen und auf links drehen. Wie Mary Wells Lawrence wohl mit ihm an einer solchen Kampagne arbeiten würden, wenn er sie engagiert hätte? Sie selbst wurde durch ihre Arbeit von einem Mädchen aus eher einfachen Verhältnissen zu einer Frau, die heute zu den „mega-rich“ zählen würde. Insofern ist ihre persönliche Erfolgsstory eng mit der Story der Stadt New York verknüpft, der Stadt, in der die Besten und Ehrgeizigsten etwas Großes werden können.“



LEBE-LIEBE-LACHE: Sie haben auch prominente Stimmen aus dem Heute in das Buch integriert. Gab es bei diesen Gesprächen einen Moment, in dem eine moderne Powerfrau sagte: „Ohne meine vergessene Vorgängerin wäre ich heute nicht hier“?

STEFANIE VON WIETERSHEIM: Das ist definitiv der Fall von Bundestagspräsidentin Bärbel Bas gewesen, die sich bei ihrer eigenen Antrittsrede als Parlamentspräsidentin im Jahr 2021 ganz am Anfang explizit auf ihre Vorgängerin Annemarie Renger bezog. Und in einem viel kleineren Rahmen: Bärbel Bas war die Hommage an Annemarie Renger zudem auch so wichtig, dass sie im Oktober 2025 zu meiner Buchpremiere in Berlin kam und mir am Podium zum Thema Rede und Antwort stand. Und das nach einer politisch sehr turbulenten Woche. Wobei man sagen muss, dass Annemarie Renger neben der Mathematikerin Ada Lovelace und der Chemikerin Clara Immerwahr wohl zu den noch am bekanntesten Frauen in meinem Buch gehört.“



LEBE-LIEBE-LACHE: Beim Lesen spürt man eine tiefe Verbundenheit zu den Schicksalen. Welches dieser Frauenleben hat Sie gelehrt, dass man auch in den dunkelsten Zeiten die Fähigkeit zur Freude und zum schöpferischen Ausdruck bewahren kann?

STEFANIE VON WIETERSHEIM: Das positivste Beispiel ist sicherlich die Sängerin Camilla Williams, die durch eine tiefe christliche Religiosität geprägt war. Die ein großes Zuvertrauen in das Leben und in einen Gott hatte. Mich persönlich hat ihre Geschichte vielleicht auch besonders berührt, weil ich selber Musik sehr liebe, singe und Instrumente spiele. Ich habe alte Aufnahmen von ihr angehört, die wenigen Videos gesehen, die von ihr existieren und mir gewünscht, sie noch hätte treffen zu können. Zu meinem Glück konnte ich jedoch ihre Schülerin Janet Williams interviewen, die in Berlin lebt. Das Gespräch mit ihr war eine Fundgrube!

Der Gegenpol dazu sind die beiden Autorinnen Elsa Asenijeff in Leipzig und Maeve Brennan in New York. Sie sind als Schreiberinnen ja in gewisser Weise auch Schwestern im Geiste und Kolleginnen, denen ich mich bei aller Objektivität in manchen Phasen auch persönlich gedanklich annäherte. Doch beide stürzten nach beruflichen und persönlichen Glanzzeiten psychisch ab und endeten im Elend. Ich habe mich immer wieder gefragt, was diese Unterschiede in einer grundsätzlichen Resilienz während eines Lebens sind. Ich habe die Ahnung, dass sowohl Alkoholkonsum (im Fall von Brennan) als auch vielleicht eine gewisse persönliche Labilität in späteren Lebensjahren dabei eine Rolle gespielt haben. Nicht zu vergessen beim Fliegen aus einer scharfen Lebenskurve, das sieht man bei beiden, sind auch selbst gemachte Geldprobleme. Deshalb immer dran denken: auf die eigenen Finanzen aufpassen! Und sich niemals in aller Konsequenz von einem Partner abhängig machen. Das stabilisiert ungemein.


LEBE-LIEBE-LACHE - ESSENTIALS


  • LEBE: Wie lautet Ihr Lebensmotto?

    STEFANIE VON WIETERSHEIM: „Résiste!“
  • LIEBE: Welche war Ihre letzte Liebestat?

    STEFANIE VON WIETERSHEIM: „Ich habe mir für ein hochbetagtes Familienmitglied - das eine einschränkende Diät halten muss - unwiderstehliche bunte Menüs ausgedacht und gekocht. Und Insta-mäßig dekoriert. Das Lächeln in seinem Gesicht in diesen Tagen war unvergesslich.“
  • LACHE: Worüber haben Sie zuletzt von Herzen gelacht?

    STEFANIE VON WIETERSHEIM: „Über einen großen schiefen Schneemann mit einer krummen Karottennase. Mitten in Berlin.“


Stefanie von Wietersheim
© Stefanie von Wietersheim

Stefanie von Wietersheim


Stefanie von Wietersheim ist Journalistin und Bestsellerautorin.

Sie schreibt über Kultur, Reisen und Mode und veröffentlichte im Callwey Verlag bereits zahlreiche Bücher, unter anderem Frauen & ihre Refugien, Mütter & Töchter sowie Irans Töchter.

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