Stefan Maiwald im Interview: Endlich Ruhe – Wie die Nebensaison Grado seine wahre Seele zurückgibt
Autor Stefan Maiwald enthüllt in seinem neuen Buch „Alle weg – Mein Winter an der Adria“ ein faszinierendes Geheimnis: „Der Süden, wenn alle weg sind, ist ein ganz anderer als der, den wir kennen.“ Von September bis April wird seine Wahlheimat Grado an der Adria zum exklusiven Refugium der Einheimischen. In dieser Zeit ist der Badeort Grado nicht leer, sondern erfüllt von den wahren Ritualen der Dolce Vita, zentriert um den unverzichtbaren Treffpunkt Pinos Bar.

© Stefan Maiwald/Silvia Hauff
Stefan Maiwald im Interview mit Annette Maria Böhm
LEBE-LIEBE-LACHE: Die leere Bühne: Wie fühlt es sich für Sie als Beobachter an, durch die verwaisten Gassen von Grado zu streifen? Wird das Gefühl von Leere zur Melancholie oder eher zur klaren, inspirierenden Stille?
STEFAN MAIWALD: Es ist eher inspirierend. Das Schönste ist der menschenleere, sieben Kilometer lange Sandstrand. Das sind immer ganz besondere Spaziergänge. Aber auch in den Gassen von Grado ist es angenehm. Der Alltag ist deutlich entspannter, manchmal wirkt alles wie in Zeitlupe. Der Termindruck ist weg, niemand muss Gäste umsorgen. Alle bleiben länger in den Bars und resümieren die Saison – und schmieden Pläne fürs nächste Jahr. Und die Stille verschafft uns andere Sinneseindrücke. Weniger Menschen, das bedeutet ja auch: weniger Autos, Busse, Motorboote. Manchmal hören wir das Rauschen des Meeres, obwohl wir zwei Straßen entfernt vom Ufer wohnen.
Melancholie kommt nicht auf, weil ja alle wissen: Bald, spätestens zu Ostern, geht der Trubel wieder los. Und wenn der Trubel zu viel wird, wissen alle: Bald, spätestens ab Oktober, haben wir wieder Ruhe. Es ist ein angenehmer Rhythmus, so wie Ebbe und Flut.

© Stefan Maiwald/Silvia Hauff
STEFAN MAIWALD: Die Bora ist in vielerlei Hinsicht besonders, und wie so vieles in der Natur hat sie gute und schlechte Seiten. Für Fischer war die Bora lebensgefährlich, sie gehört zu den Wetterphänomenen, die sich – bis heute! – nicht verlässlich vorhersagen lassen. Ein Fischer sagte mir, dass auch die Erfahrensten erst fünfzehn Minuten vor Beginn der Bora wissen, dass es gleich ungemütlich wird. Aber die Bora sorgt auch für ganz klare, frische Luft, für Fernsicht bis zu den Apen. »La bora pulisce«, sagen die Küstenbewohner, »die Bora reinigt«. Ein Wind voller Metaphern!
Stefan Maiwald (Autor)
Alle weg
Mein Winter an der Adria
Wann beginnt eigentlich die Nebensaison? Wenn die Staus Richtung Norden länger werden? Der Strand keinen Eintritt mehr kostet oder die Restaurants Ruhetage einführen? In Pinos legendärer Bar in Grado beginnt sie exakt dann, wenn der Fernseher endlich wieder läuft. Und die Stammgäste den Sommer resümieren, über Politik streiten, die Fußballergebnisse und lokale Kriminalfälle diskutieren, füreinander kochen, Pläne schmieden, lachen, laut diskutieren und am Ende immer auf das Leben anstoßen. Stefan Maiwald nimmt uns mit in seine hell erleuchtete »Bar in Italien«, den Zufluchtsort vor Bora, beißender Kälte und dem Winter-Blues.
LEBE-LIEBE-LACHE: Die Macht der Gewohnheit: Im Buch werden Rituale wie das Treffen in Pinos Bar zum Anker. Welche Rolle spielt diese Gleichförmigkeit und das Unspektakuläre des Alltags in der Nebensaison für das allgemeine Wohlbefinden der Gradeser?
STEFAN MAIWALD: Ich glaube, Rituale sind ein großer Schlüssel zur Zufriedenheit. Und damit meine ich nichts Kompliziertes wie tägliche Meditation. Das Ritual, jeden Morgen um 9 Uhr den Kaffee in der Bar zu trinken, in der Tageszeitung zu blättern, ein Schwätzchen mit dem Barista und anderen Gästen zu halten – das tut allen gut, insbesondere übrigens denjenigen, die allein sind. Pinos Bar ist ein sicherer Hafen auch für Ältere. Ich glaube, das Geheimnis der italienischen Langlebigkeit ist nicht nur die vielzitierte »Mediterrane Diät«, sondern hat auch eine entscheidende mentale Komponente: Hier bleibt niemand einsam.
LEBE-LIEBE-LACHE: Die Heiterkeit der Nebensaison: Ihr Stil ist bekannt für seinen feinen, heiteren Blick. Was ist die lustigste oder absurdeste Anekdote, die nur passieren kann, wenn die Touristen alle weg sind?
STEFAN MAIWALD: Die lustigste Anekdote ist zweifellos der arme Fischer, der glaubte, ein Krokodilskelett auf einer Laguneninsel entdeckt zu haben. Der Bürgermeister, diverse Ordnungskräfte und eine Meeresbiologin der Universität Triest rückten heran, und die Professorin lachte – es war ein Delfinskelett. Noch heute wird der Fischer gefragt, ob er denn wieder ein Krokodil gefunden habe…
Die Anekdote hat auch noch ein erstaunliches Nachspiel, das ich in meinem Buch schildere.

© Stefan Maiwald/Silvia Hauff
STEFAN MAIWALD: Ein bisschen Stimulation muss sein, ich glaube, das liegt in der menschlichen Natur. Ein guter Freund von mir lernt jedes Jahr eine neue Sportart, das finde ich auch sehr beeindruckend. Und, ja, so eine sportliche Herausforderung sorgt ganz von selbst dafür, dass man sich bewegt. Gerade als Schriftsteller fristet man ja ein eher sediertes Dasein. Ich sorge dafür, dass ich an die frische Luft komme – entweder durch ausgiebige Strandspaziergänge oder durch Tennis mit meiner Frau. Bonus: Ich verbringe Zeit mit meiner Frau.
STEFAN MAIWALD: Zwei Orte, die ich auch im Winter empfehlen kann, sind Duino und Marano. Ich kenne mich dort nicht so gut aus wie in Grado, aber ich fand den Aufenthalt am Hafen von Duino oder in der Altstadt von Marano immer sehr schön. Außerdem möchte ich den Winzer Bortolusso empfehlen, der in Marano einen fabelhaften Wein anbaut: Die Reben wachsen praktisch direkt in der Lagune.

© Stefan Maiwald/Silvia Hauff
STEFAN MAIWALD: Flanieren Sie! Gehen Sie spazieren, und sei es nur einmal um den Block. Vergessen Sie Schrittzähler und Entfernungen, lassen Sie sich einfach treiben. Das ist sehr befreiend.
LEBE-LIEBE-LACHE - ESSENTIALS
- LEBE: Wie lautet Ihr Lebensmotto?
STEFAN MAIWALD: Ein richtiges Lebensmotto habe ich nicht, aber Giorgio Armani soll einmal gesagt haben: »Das Einfachste ist immer das Schwierigste.« Das gefällt mir. - LIEBE: Welche war Ihre letzte Liebestat?
STEFAN MAIWALD: Ich habe heute morgen meiner Frau den Kaffee ans Bett gebracht, zählt das? - LACHE: Worüber haben sie zuletzt von Herzen gelacht?
STEFAN MAIWALD: Ich bin ein simpler Cineast und auch ein kleiner Junge: Erst gestern musste ich wieder über Bud Spencer und Terrence Hill so laut lachen, dass mich meine Töchter ganz verstört angeschaut haben.

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STEFAN MAIWALD
Stefan Maiwald lebt mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern in Grado – auch im Winter. Der Bestsellerautor ist 1971 in Braunschweig geboren und inzwischen der Italienkenner. Seine Bücher sind allesamt große Publikumserfolge, auch »Meine Bar in Italien« (2023) und die »Die Spaghetti-vongole-Tagebücher« (2024 bei Styria).
Sein Blog www.postausitalien.com verzeichnet bereits weit über eine halbe Million Besuche. Stefan Maiwald schreibt regelmäßig für deutsche und österreichische Zeitschriften, darunter das »SZMagazin«, »Merian«, »GQ« und »GEO Saison« und startete im April 2025 seinen eigenen Podcast »Radio Adria«.
