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PERSÖNLICHKEITSENTWICKLUNG UND WIE SIE FUNKTIONIERT


Leg jetzt gedanklich bitte nicht auf. Dieses Kapitel ist zwar etwas komplexer, aber auch umso erkenntnisreicher.

von Patrick Lynen

Echtes Lernen findet nur außerhalb unserer Komfortzone statt. Die Komfortzone ist der Ort, an dem wir uns so herrlich sicher fühlen und in dem wir alles „richtig“ machen. Nicht immer tut uns dieser Ort wirklich gut, doch wir fühlen uns dort aufgehoben. Aus diesem Grund bleiben viele Menschen in dieser Komfortzone. Dadurch bringen sie sich im Laufe ihres Lebens allerdings um wichtige Lerneffekte. Denn unsere Wünsche, Ziele, Chancen und Sehnsüchte liegen außerhalb dieser Zone, auf der anderen Seite der Straße. Erst ein „Versagen“ macht Wachstum überhaupt möglich. Es muss dir zunächst mal schlecht gehen, damit es dir gut gehen kann.

Zu wissen, wie die typischen Phasen eines Veränderungsprozesses verlaufen, hilft uns, unsere Situation aus der Vogelperspektive (Metaebene) zu betrachten. Mit dieser neutralen Distanz fällt es uns deutlich leichter, die einzelnen Schritte jeder Veränderung zu erleben. Alle Veränderungsprozesse folgen mehr oder weniger einem Verlauf, der 1947 erstmalig von Kurt Tsadek Lewin, einem der einflussreichsten Pioniere der Psychologie, beschrieben worden ist („Eine Einführung in sein Werk“, Beltz Verlag, 2001). Diese Phasen der inneren Veränderung laufen ab, wenn wir uns Neuem zuwenden (müssen):

Patrick Lynen: PERSÖNLICHKEITSENTWICKLUNG UND WIE SIE FUNKTIONIERT
© www.patricklynen.net


Phase 1: Vorahnung und Sorge: Irgendetwas stimmt hier nicht?!
Du kommst immer wieder an persönliche Grenzen, drehst dich im Kreis.
Möglicherweise bist du verunsichert. Du hast eine erste Vorahnung: „Eigentlich sollte ich was ändern.“

Phase 2: Schock – Schreck: Ich bin verwirrt …
Du denkst diesen Satz, mit dem die Psyche für gewöhnlich auf Entsetzen reagiert: „Das kann nicht wahr sein.“ Was eigentlich bedeutet: Das soll nicht wahr sein. Ist es aber leider. Du bist verunsichert, verwirrt oder erlebst eine gewisse Schreckstarre.

Phase 3: Verneinung – Verdrängung – Abwehr: Das kann doch gar nicht sein! Dem Schock folgt die Verdrängung. Du gibst jetzt gerne mal anderen die Schuld. „Die Welt ist gemein zu mir. Ausgerechnet ich soll mich ändern?
Nein – das sollen besser mal die anderen tun. Ach was, die ganze Welt soll sich ändern.“ Je mehr Unsicherheit eine Veränderung mit sich zu bringen droht, umso stärker ist deine Abwehr. Wir Menschen wollen schließlich jede Situation irgendwie in den Griff bekommen und damit unsere emotionale Stabilität wiederherstellen.

Phase 4: Rationale Näherung/Frustration: Ja, aber …
Du siehst die Notwendigkeit der Veränderung zwar faktisch ein, aber findest noch keine Lösung, die dich wirklich weiterbringt („Früher war alles besser!“). Der Druck wird immer größer. Du wünschst dir nichts mehr als ein baldiges Ende. Zaghafte Veränderungen an unbedeutenden Stellen bringen keinen Erfolg. Dir kommen Gedanken wie: „Veränderung ist wichtig, aber …“ oder „Ich will ja schon ganz gerne was Neues machen, allerdings …“.
Du bist in dieser Phase noch nicht bereit, dich wirklich zu verändern. Vieles orientiert sich nach wie vor an der Vergangenheit, du hast alte Rituale und Muster nicht losgelassen. Anders gesagt: Du versuchst, mit alten Mustern eine neue Wirklichkeit zu formen. Das gelingt natürlich so gut wie nie.

Phase 5: Emotionale Akzeptanz: Ob ich das Alte wohl loslassen kann …?
Diese Phase ist die schmerzlichste, gleichzeitig aber die wichtigste. Weil du nun spürst, dass du das Alte loslassen musst, um frei zu sein für das Neue.
Man nennt diese Phase auch das „Tal der Tränen“. Sie ist im Veränderungsprozess eine Art Reinigungsstufe oder Katharsis. Dein Hirn säubert sich von alten Vorstellungen und Haltungen. Viele Menschen versuchen genau diese Phase zu vermeiden, um Unsicherheit aus dem Weg zu gehen. Ohne diese fünfte Phase gäbe es jedoch keine Veränderung. In Phase 5 löst du dich über Schwellenemotionen wie Angst, Groll, Frust oder Trauer vom Vergangenen und wendest dich dem Neuen zu. Drückst du dich vor diesem notwendigen Schmerz, dauert die Veränderung unnötig lange.

Phase 6: Öffnung, Neugier, Ausprobieren: Da ist die Tür!
Sieh an! Die Neugier erwacht. Du klammerst dich nicht mehr an Vergangenes und wirst frei für neue Lösungsansätze. Du lernst, so wie du es auch als Kleinkind bei den ersten Schritten getan hast. Du stolperst noch etwas unsicher voran, doch dann machst du plötzlich die ersten sicheren Schritte. Du beginnst, tatsächlich Neues auszuprobieren. Dabei machst du natürlich Fehler.
Daraus lernst du. Denn genau diese Fehler helfen dir, eine geeignete Strategie zu entwickeln.

Phase 7: Integration, Selbstvertrauen: Ja, so geht es!
Hurra! Du empfindest Enthusiasmus und erlebst eine Phase des absoluten Hochgefühls. Der Weg ist frei für das Neue. Diese Phase kann durchaus euphorisch ausfallen. Das Tal ist durchschritten. Ja, du hast etwas gelernt. Du hast eine neue Strategie entwickelt, um mit einer zuvor unbekannten Konstellation klarzukommen. Du übernimmst neue Verhaltensweisen in dein Handlungsrepertoire. Du empfindest Zufriedenheit, da du den entscheidenden „ersten Schritt“ gemacht hast. Deine Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsweisen werden bewusster. Du spürst ein gesteigertes Selbstvertrauen und hast nun einen Bauplan für die Veränderung. Den kannst du jederzeit wieder rausholen und nutzen. Deswegen solltest du keine Angst vor Rückschlägen haben. Die kommen – und sie sind wichtig.

FAZIT
Rechne bei jeder Art der Veränderung mit Widerstand durch deinen inneren Schweinehund. Wenn du vorankommen willst, sieh deinen Ängsten ins Auge. Wenn du ankommen willst, kämpfe dich über die Schmerzgrenze hinweg. Und geh dann am besten noch einen Schritt weiter. Ab diesem Moment nimmt dein Veränderungsprozess Fahrt auf. Der Stein, den du mühsam den Berg hinaufgerollt hast, bewegt sich nun beinahe von allein.

Das Menschsein definiert sich ganz wesentlich darüber, wie wir uns zu Neuanfängen verhalten. Nur neue Gedankenwege, neue Bewertungen, neue Sichtweisen öffnen den Weg in eine veränderte Wirklichkeit.

Egal, ob in Simbabwe, Peru oder Deutschland; wir müssen verschiedene innere Phasen durchlaufen, wenn wir etwas lernen und unser Hirn neu vernetzen möchten. Da sind sich Psychologen, Therapeuten, Trainer und Co. ausnahmsweise mal einig. Über eine Abkürzung ist Persönlichkeits-entwicklung leider nicht möglich.


PATRICK LYNEN über PATRICK LYNEN

Patrick Lynen
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Ich mach die Dinge, auf die ich Bock habe!
Nix gibt mir mehr Kraft!

Ich war schon Zeitungsausträger, Aushilfe bei einer Fastfoodkette, Werbesprecher, Radiomoderator bei SWR3, Sprecher bei der Harald-Schmidt-Show, Redenschreiber, Ideenentwickler, Getränkeproduzent, Vermieter für Ferienhäuser, Kommunikationstrainer, Coach für Führungskräfte, Buch-Autor und Referent für zahlreiche Universitäten und Akademien.

Noch vor dem Abitur am Gymnasium in Würselen wurde ich beim Radio tätig. Als Mitbegründer verschiedener Piratensender im deutschsprachigen Belgien habe ich meine ersten Erfahrungen in den Medien gesammelt. Später habe ich unter anderem beim WDR, hr3 und hr1 gearbeitet. Nach einer Ausbildung zum Trainer & Coach wurde ich schnell zu einem gefragten Referenten und Medienberater. Mittlerweile gebe ich Seminare in ganz Europa.

Als Vater von drei tollen Söhnen suche immer wieder die Abwechslung und neue Herausforderungen.

Mehr von und über PATRICK LYNEN gibts hier: www.patricklynen.net


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