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IN KRISEN – COOL BLEIBEN!


Sprachaufnahme in einem noblen Düsseldorfer Tonstudio. Im Regieraum sitzen die Geschäftsführer des Werbekunden und drei überaus wichtige Vertreter der Werbeagentur. Vor dem Mikrofon stehe ich, gemeinsam mit einer Sprecherkollegin. Wir sollen die Kampagne stimmlich zum Klingen bringen. Soweit, so gut – könnte man meinen.

Nach der dreißigsten Aufnahme des Spots werde ich langsam nervös. Mal passt dem Kunden dieses nicht, dann den Werbeagentur-Fritzen jenes. Wir Sprecher scheinen uns von Minute zu Minute mehr als absolute Fehlbesetzung herauszustellen. So langsam kriechen Selbstzweifel und eine ungewohnte Nervosität in uns hoch. Unsere Souveränität schwindet dahin – und die Folgeversionen des Spots werden nicht unbedingt besser.


IN KRISEN - COOL BLEIBEN!
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Nach der gefühlt vierzigsten Version sind meine Zweifel größer denn je. Kann ich das überhaupt? Soll ich weitermachen oder besser gleich hinschmeißen?
Ich bin kurz davor, mich mit einem Honorarverzicht aus der unangenehmen Situation zu befreien, als der Tontechniker uns über die Gegensprechanlage etwas zuflüstert: „Hey, lasst sie diskutieren. Ihr seid gut. Coooool bleiben!“ Seine Stimme ist dabei so eindringlich, dass ich sie nie wieder vergessen habe.
Wie die Geschichte weitergeht? Du wirst es kaum glauben! Nach einer elend langen Diskussion zwischen Werbeagentur und dem Kunden wurde die dritte (!) Aufnahme ausgewählt. Warum nun überhaupt der ganze Wahnsinn? Warum haben sie uns über drei Stunden mit über fünfzig Einzelversionen gequält – um dann doch die dritte Sprachaufnahme zu nehmen? Es lag – wie sich später herausstellte – nicht an unserer Leistung, sondern an einem Dissens zwischen Agentur und Auftraggeber.

„Im Zweifel – cool bleiben.“ Das ist seither mein Lebensmotto geworden. Denn oft genug kann ich die Rahmenbedingungen noch gar nicht ausreichend einschätzen. Und eine übereilte Reaktion wäre womöglich genau das Falsche.

In der Luftfahrt ist es genauso. Einer meiner besten Kumpels ist Pilot bei einer großen deutschen Airline. Das Trainingsprogramm (Type-Rating) ist so aufgebaut, dass die Piloten zur inneren Ruhe kommen müssen, bevor sie sich überhaupt mit dem eigentlichen Problem beschäftigen. Cool bleiben sei das A und O für Flieger, sagt Cyrus. Und so sitzen die Piloten seelenruhig in ihrem Simulator, eruieren einige Sekunden lang das aufgetretene Problem, bevor sie dann mit absoluter Coolness die richtige Entscheidung treffen. Statt wild und panisch auf einen Impuls zu reagieren und das Höhenruder hochzureißen, werden sie darauf trainiert, zunächst einmal nichts zu machen und die Situation zu analysieren. Nur so sind sie nach einer Reihe von simulierten Zwischenfällen überhaupt in der Lage, jede reale Krise aus dem Stegreif heraus zu bewältigen. Sie bleiben ruhig und ihr Gehirn ruft die gespeicherten Abläufe beinahe selbsttätig ab.

FAZIT
Wir Menschen sind zu absoluten Spitzenleistungen fähig, wenn wir nicht gleich den Kopf verlieren. Handlungsfähig zu bleiben hilft, beinahe jede Krise zu bewältigen.


Patrick Lynen
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Ich war schon Zeitungsausträger, Aushilfe bei einer Fastfoodkette, Werbesprecher, Radiomoderator bei SWR3, Sprecher bei der Harald-Schmidt-Show, Redenschreiber, Ideenentwickler, Getränkeproduzent, Vermieter für Ferienhäuser, Kommunikationstrainer, Coach für Führungskräfte, Buch-Autor und Referent für zahlreiche Universitäten und Akademien.

Noch vor dem Abitur am Gymnasium in Würselen wurde ich beim Radio tätig. Als Mitbegründer verschiedener Piratensender im deutschsprachigen Belgien habe ich meine ersten Erfahrungen in den Medien gesammelt. Später habe ich unter anderem beim WDR, hr3 und hr1 gearbeitet. Nach einer Ausbildung zum Trainer & Coach wurde ich schnell zu einem gefragten Referenten und Medienberater. Mittlerweile gebe ich Seminare in ganz Europa.

Als Vater von drei tollen Söhnen suche immer wieder die Abwechslung und neue Herausforderungen.

Mehr von und über PATRICK LYNEN gibts hier: www.patricklynen.net