DEINE REAKTION - DEINE SACHE: Beziehungs-Ethik für reife Seelen
Vor vielen Jahren hat mich ein Autofahrer im Stadtverkehr massiv bedrängt und blockiert. Er stieg aus und schrie mich an: „Du Idiot!!“
Hat mich das beleidigt? Nein. Ich habe mich nur gewundert, wie jemand so austicken kann. Allerdings wollte ich sein gefährliches Verhalten aus Prinzip nicht durchgehen lassen und erstattete Anzeige. Er wurde vor Gericht wegen Beleidigung verurteilt – obwohl ich mich nicht beleidigt gefühlt habe. Das Gesetz braucht Eindeutigkeit – und vor Gericht ist „Idiot“ justiziabel. In Wirklichkeit ist Kommunikation selten eindeutig.
Hat mich das beleidigt? Nein. Ich habe mich nur gewundert, wie jemand so austicken kann. Allerdings wollte ich sein gefährliches Verhalten aus Prinzip nicht durchgehen lassen und erstattete Anzeige. Er wurde vor Gericht wegen Beleidigung verurteilt – obwohl ich mich nicht beleidigt gefühlt habe. Das Gesetz braucht Eindeutigkeit – und vor Gericht ist „Idiot“ justiziabel. In Wirklichkeit ist Kommunikation selten eindeutig.

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Wenn dich jemand einen Idioten ruft, gibt es viele mögliche Reaktionen:
- Ignorieren
- Amüsiert
- Empört
- Beleidigt
- Gekränkt
- Mitgefühl
- Verachtung
- uvm.
Wenn du erfährst, die Person ist betrunken oder hat Tourette, wird sich deine Bewertung wahrscheinlich verändern. Das Beispiel zeigt: Eine Handlung > viele Möglichkeiten, wie sie vom Gegenüber erlebt wird. Je nach Beziehung und Kontext. Aber vor allem je nachdem wie ich selbst entscheide, zu reagieren. Die Beleidigung liegt nicht in den Worten selbst sondern in der Person, die sich beleidigt fühlt.
So ist es mit fast allen Handlungen oder Worten anderer. Sie stehen für sich, und welchen Wert wir ihnen beimessen, liegt ganz in uns.
Streng genommen gilt das auch für Körperkontakt, denn auch einen Kuss oder Fausthieb kann ich so oder so empfinden. Aber ich will hier nicht Gewalttäter aus der Verantwortung nehmen, sondern über Beziehungen und Eigenverantwortung sprechen.
Jeder singt sein Lied
Eigenverantwortung heißt: Für mein subjektives Erleben bin ganz allein ich verantwortlich. Und das Gegenüber ist für sein Erleben verantwortlich. Jeder singt sein Lied. Ob es den anderen gefällt, ist weder Sache des Sängers noch des Lieds.
Das soll kein Freibrief, sein, sich aufzuführen wie die Axt im Walde. Wir dürfen uns schon um respektvolle Kommunikation bemühen. Aber letztlich fällt ohnehin alles auf uns zurück. Wer sich immer unsensibel und rücksichtslos verhält, wird irgendwann nicht mehr viele Freunde haben. Die Konsequenzen für unser Sein landen bei uns selbst.
Schon die Absicht, gewünschte Reaktionen zu bekommen, ist manipulativ. Und schadet wiederum vor allem mir selbst. Wenn ich mich verstelle, um geliebt zu werden, wird nicht mein wahres Wesen geliebt, sondern ein falsches oder geschöntes Bild, dass ich nach außen vermittle. Wenn ich möchte, dass die Liebe mir gilt und nicht einer erfüllten Erwartung, gibt es keine Alternative dazu, mich so zu zeigen, wie ich bin. Was nicht ausschließt, dass ich dazulernen und mich verändern darf.

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Füge niemandem Schaden zu
Eine einfache und universelle Richtschnur des Handelns. Nehmen wir das „heißeste“ Beziehungsthema: Einer der beiden „geht fremd“. Dann sagen viele: Er oder sie hat mich verletzt!
Aber stimmt das? Hat der andere aktiv jemanden verletzt? In Wirklichkeit hat er mit einer anderen Person etwas Schönes erlebt. Wo lag also die Verletzung?
Viele werden sagen: Die Beziehung hat Schaden genommen. Ich sage: Kommt drauf an, was die Verabredung ist und wie transparent beide sind.
Gibt es eine Vereinbarung zu beidseitiger Monogamie und die Nebenbeziehung findet heimlich statt, bin als „Fremdgeher“ in erster Linie mir selbst untreu geworden, denn ich habe meine eigene Vereinbarung nicht eingehalten. Der Partner kann spüren oder merken, da steht jemand nicht mehr zu sich und seinen Vereinbarungen. Daraus kann eine Vertrauenskrise in der Beziehung entstehen.
Aber immer noch ist die Bandbreite an möglichen Reaktionen groß. Ich kann mich hintergangen fühlen. Vertrauensbruch. Kränkung. Oder neugierig werden, was die Motive des Anderen sind. Bis hin zu mich freuen, dass meine Geliebte eine schöne Begegnung, ein schönes Erlebnis hatte.

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Wir sehen: negative Reaktionen erfolgen nicht zwingend. Sie mögen verständlich sein, aber es ist kein Naturgesetz, tief verletzt zu sein. Die Verantwortung für meine Reaktion darf ich nicht auf den ‚untreuen‘ Partner schieben, sie liegt bei mir.
Rücksichtnahme und Treue zu mir selbst
Es ist wie bei der Beleidigung. Der Schaden liegt nicht in der Handlung selbst – sondern entsteht in der Person, die sich subjektiv geschädigt fühlt.
Wenn ich weiß, dass eine bestimmte Handlung oder bestimmte Worte von meinem Partner als verletzend erlebt werden, kann ich Rücksicht nehmen. Aber sie sollte kein moralischer Imperativ sein. Denn Rücksichtnahme kann auch irgendwann zur Selbstaufgabe werden.
Ich muss für mich herausfinden: Woher kommen meine Impulse? Sind es destruktive Egomuster, denen ich bei gründlicher Überlegung gar nicht folgen möchte? Dann wird Rücksichtnahme leicht, denn sie liegt auch in meinem Sinne.
Spüre ich aber, dass es um Impulse geht, die aus meinem Innersten kommen, die meine ureigene Lebendigkeit ausdrücken, dann werde ich für sie einstehen und meinem Partner sagen: „So bin ich im Moment. Du kannst entscheiden, wie du damit umgehst, aber ich habe nicht vor, meine Wesensart zu leugnen.“
Wir sollten uns hüten, Druck auszuüben und indirekte Forderungen aufzustellen wie „Ich hoffe, du liebst mich trotzdem“ oder „Wenn du mich wirklich liebst, akzeptierst du das.“ Das erschwert dem Anderen die freie Entscheidung.
Eine subtile Falle ist Fremdbestimmung getarnt als Fürsorge. Das geschieht, wenn wir glauben, den Partner zu „schonen“ mit unserer Rücksichtnahme oder Unaufrichtigkeit. In Wirklichkeit nehmen wir ihm die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, was er sich zumuten möchte und was nicht. Das verhindert Lernerfahrungen und es steht uns nicht zu, darüber zu befinden, wann unser Partner „soweit“ ist.
Augenhöhe haben wir, wenn beide Seiten über die gleichen Informationen verfügen. Beide teilen sich mit, dann können beide selbst entscheiden, wie sie auf die Mitteilungen des Anderen reagieren. Diese Aufrichtigkeit muss nicht brutal sein. Radikale Ehrlichkeit wird manchmal als Taktlosigkeit mißverstanden. Wir haben die Wahl über den richtigen Zeitpunkt, den richtigen Ort und den richtigen Ton. Was ist der richtige Ton? Sanft aber klar und aus dem Herzen. Wenn wir uns vorher Worte zurechtlegen, wird es sehr wahrscheinlich nicht authentisch.

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Wenn wir unsere Bedürfnisse immer mitteilen und transparent über unsere Handlungen informieren, lassen wir dem anderen die Autonomie, zu entscheiden, ob und wie er oder sie reagieren möchte. Das bedarf freilich der Reife, Herr seiner inneren Entscheidungen zu sein.
Unsere Reaktionen liegen in unserer Verantwortung – aber nicht immer in unsere Macht. Wenn uns etwas triggert, reagieren wir nicht frei sondern im Reflex aus einem alten Muster heraus. Dennoch liegt auch das Triggerpotential in unserer Verantwortung. Wir können nicht von aller Welt Rücksichtnahme einfordern, weil wir ungelöste Themen haben.
Ein gelingende Beziehung basiert auf der Balance zwischen liebevoller Rücksichtnahme und gesunder Selbstfürsorge. Treu sein sollte nicht dazu führen, dass ich mir selbst untreu werde.
Dominik Umberto

© Dominik Umberto
Nix Indien – hier spielt die Musik!
Bereits als Kind wusste ich, dass die sichtbare Welt nicht alles ist. Luzide Träume und ein Nahtoderlebnis ließen mich hinter den Schleier schauen. Es folgten wilde Jahre der Experimente und der Selbstfindung. Ich war Rock-Musiker und Schauspieler, anschließend lange Zeit Radio- und TV-Moderator, später international tätiger Kommunikationstrainer. Im Außen erfolgreich, innerlich nie völlig identifiziert. Es gab hinter dem sichtbaren einen unsichtbaren Lebensweg.
1990 war ich einige Wochen bei Sai Baba. Ich genoss das morgendliche Singen und die Meditationen. Doch eines Tages wurde mir klar, dass ich hier nur etwas Vertrautes wiederhole und meine Bestimmung diesmal in Europa lag. Mein Weg war nicht die abgeschirmte Welt eines Ashrams, sondern ein Leben mitten in der westlichen Gesellschaft, mit Beruf, Verantwortung und Familie mit zwei Töchtern.
Ich hatte wunderbare Jahre – und sehr schwierige. Nach zwei schweren Lebenskrisen war ich “weichgekocht”. Seit einigen Jahren breitet sich tiefe Glückseligkeit in mir aus. Endlich lebe ich, was ich lange nur mental verstanden hatte. Ich bin im Frieden mit dem Moment und immer am richtigen Ort mit den richtigen Menschen.