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DAS THOMAS-EVANGELIUM und DIE BOTSCHAFT DES YOGA


Am Beispiel von Logion 8 des Thomas-Evangeliums, jener wunderbaren Sammlung von 114 Sprüchen Jesu (oder Yeshua, wie er eigentlich hieß), lässt sich, wenn wir mit offenen Augen hinschauen, die Parallellität zur Botschaft des Yoga aufzeigen (wie auch zum Kern jeder Spiritualität überhaupt) – hier ein Auszug aus meinem Buch "DAS THOMAS-EVANGELIUM. AUF DER SUCH NACH DEM HIMMELREICH":

Logion 8


"Und er sagte: Die Menschheit ist wie der weiser Fischer, der sein Netz ins Meer warf
und es voller kleiner Fische wieder aus dem Meer heraus zog. Unter ihnen fand er einen guten, großen Fisch. Ohne Zögern warf er alle kleinen Fische zurück ins Meer und behielt den großen Fisch. Wer Ohren hat zu hören, soll hören."

Wir suchen einen guten Fang nach dem anderen. Doch es ist nur eine scheinbar gute Ausbeute. Was wir da nicht alles zusammenfischen: Titel, Positionen, Hab und Gut, Einfluss, Geld und Wissen, Beziehungen und genussvolle Erfahrungen. Die Netze können noch so voll sein, wir werfen dennoch immer neue aus.


Der große Fisch …

Ob wir es nun wissen oder nicht, am Ende suchen wir doch nur den einen, großen Fisch: Das vollkommene Glück, dessen Mangel wir fühlen, sonst würden wir nicht jeden Tag aufs Neue in See stechen, hoffend auf den nächsten guten Fang, der uns dauerhaft glücklich machen soll.

Yeshua kann ziemlich direkt sein. Du kannst so viel Inventar im Leben zusammentragen, wie du willst, sagt er, am Ende wird es dich trotzdem nicht glücklich machen. Selbst wenn dir ein paar Momente des Glücks gegönnt sein sollten, die kleinen Fische des Lebens, auch sie werden vergehen. Selbst das Angenehme und Schöne trägt deshalb den Keim des Schmerzes in sich. Auch der schönste Körper wird einmal verrotten, und was übrig bleibt, sindnur Haare und Nägel. Deshalb sagt die Sankhya-Philosophie – die Grundlage des Yoga und das älteste geschlossene philosophische System der Menschheit überhaupt – mit schockierender Deutlichkeit, dass „der Schmerz die eigentliche Natur aller Dinge“ sei. Das möchte man zu gerne zurückweisen. Doch ändert dies etwas an der Wirklichkeit?

Im Blick auf unser Geistfeld vermittelt dieser Spruch noch eine weitere Idee: Die vielen kleinen Fische, das sind die unzähligen mentalen Vorgänge im Ozean des Bewusstseins, die Vrittis oder Bewegungen in Chitta, unserem Geist, wie Patanjali sagen würde, all die Ablenkungen und Punkte der Aufmerksamkeit, zwischen denen unser Affengeist beständig wandert, unkonzentriert und ohne jede Ausrichtung. Ein zerfranster Geist ist schwach. Nur wenn wir die Energie unseres Geistes bündeln, können wir auch große Ziele erreichen und große Fische fangen.

Wie ein Laserstrahl das Licht bündelt, so bündeln wir in der Meditation unseren Geist – wir machen ihn einsgerichtet. „Wenn dein Auge eins (gerichtet) ist“, sagt Yeshua in der Bergpredigt, „wird dein ganzer Körper voller Licht sein.“ Wir brauchen Ausrichtung. In der Meditation ebenso wie im Leben überhaupt."


Aus: Ralph Skuban: Das Thomas-Evangelium. Auf der Suche nach dem Himmelreich, Aquamarin 2014


DR. RALPH SKUBAN