Das Geheimnis der glücklichen Finnen
Manche kennen es als das Land der tausend Seen, das Land der Sauna, der Mitternachtssonne, der Rentiere, Mücken und vielleicht auch das Land von Sisu – einer besonderen finnischen Stärke und emotionalen Kraft, deren Name vor allem durch eine Lakritzpastille bekannt wurde - aber warum ist ausgerechnet dieses Land im Norden Europas schon zum achten Mal in Folge zum glücklichsten Land der Welt gewählt worden?
Jedes Jahr am 20. März, dem Welt-Glückstag, veröffentlicht der UN World Happiness Report seine Ergebnisse.
2025 lag wie auch in den Vorjahren Finnland auf Rang eins - auf den Plätzen zwei bis vier landeten ebenfalls skandinavische Länder: Dänemark, Island und Schweden, während Deutschland vom vierundzwanzigsten auf den aktuell zweiundzwanzigsten Platz stieg.

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Als unglücklichstes teilnehmendes Land gilt weiterhin Afghanistan, knapp vor Sierra Leone und dem Libanon. Die Gründe liegen auf der Hand: Krieg, Gewalt, Armut, Hunger und Zerstörung. In diesen Staaten sind sogar die Grundbedürfnisse der Menschen nach Sicherheit und Nahrung gefährdet. Um Glück oder wenigstens Zufriedenheit zu empfinden, müssen aber neben den Grundbedürfnissen auch die sozialen Bedürfnisse und um persönliches Glück zu erreichen, auch die Bedürfnisse nach freier Persönlichkeitsentfaltung gewährleistet sein.
Was macht aber nun Skandinavien und vor allem Finnland so besonders, dass die Einwohner so konsequent glücklich sind? Und wie lässt sich Glück überhaupt messen?
Nach Angaben des deutschen Ministeriums für Glück und Wohlbefinden sind Werte wie Optimismus, Vertrauen und sozialer Verbundenheit in Finnland am stärksten vertreten.
Der World Happiness Report fragt verschiedene Werte wie die Zufriedenheit mit dem Bildungssystem, mit der Gesundheitsvorsorge und dem eigenen Glücksempfinden auf einer Skala von 1 – 10 ab. Dabei liegen die Finnen bei allen Angaben im Schnitt bei 7,7 und damit deutlich vor allen anderen Ländern.
Dazu kommt die typisch finnische Ruhe – je weiter nördlich man reist, desto ruhiger wird die Landschaft, ebenso wie deren Bewohner.
Im Osten, Norden und in Finnisch-Lappland wird sogar langsamer gesprochen als im Süden und in der Hauptstadt Helsinki.
Allen Finnen gemein ist wohl eine gewisse Grundgelassenheit, und diese ist offenbar auch die Basis des Glücks. Gelassenheit bedeutet Zufriedenheit mit dem, was ist.

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Ist radikale Akzeptanz also die Grundlage des Glücks?
Was Finnland, Dänemark und Schweden sehr von Deutschland unterscheidet, ist zum ersten die geringe Bevölkerungsdichte: Auf einem Quadratkilometer leben 18 Finnen. In Deutschland sind es im Vergleich 233 Menschen auf derselben Fläche.
Zum zweiten gibt es eine Sauna- und Sommerhauskultur. Kinder in Finnland lernen von klein auf, sich im Wald zurecht zu finden, essbare Pilze zu finden und zuzubereiten, zu fischen, zu rudern und die Natur als Teil ihres Lebens anzuerkennen. Gleichzeitig bekommen die Kinder so ein Urvertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten, die sie daran glauben lassen, dass sie sogar in einem Notfall überleben könnten.
Sauna und schwimmen im See mit Freunden und Familie machen nicht nur Spaß und fördern die Gemeinschaft, sondern sind auch noch gut für die Gesundheit: sie stabilisieren den Kreislauf und das Immunsystem. Der Gang in die Sauna hilft immer wieder, eine stressige Arbeitswoche einfach auszuschwitzen und abzuspülen. Sogar im Winter tauchen die Finnen in offene Löcher zugefrorener Seen - auf Finnisch „avantouinti“- und bei bis zu minus 40 Grad braucht es dazu schon ordentlich Sisu.

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In Finnland ist Achtsamkeit kein Trend, sondern wird seit jeher zelebriert
In Finnland ist Achtsamkeit kein Trend, sondern wird seit jeher zelebriert, ohne es überhaupt zu benennen. Wer schon einmal barfuß auf waldigem Boden unter Kiefern
gegangen ist, hat keine Zeit, sich Sorgen zu machen, sondern muss sehr bewusst die Füße aufsetzen, Kiefernnadeln und Zapfen zwingen zur Achtsamkeit. Ohne fließendes Wasser und Strom in den Sommerhäusern besteht der Tagesablauf darin, Wasser mit Eimern aus dem See zu holen und Feuerholz für die Sauna vorzubereiten. Und wieder: Keine Zeit für Stress und Sorgen. Bewegung an der Luft führt zur Beruhigung des Vagusnervs und damit zu tieferer Atmung, was nachweislich den Cortisol-Level senkt und damit wiederum Stress reduziert.
Die finnischen Schülerinnen und Schüler haben im Sommer zehn Wochen Ferien – von Anfang Juni bis Mitte August. Der Sommer folgt sehr schnell auf den Winter – im Mai taut das Eis, der Schnee schmilzt und innerhalb weniger Tage klettert das Thermometer auf 25 Grad, durch den Klimawandel auch häufiger auf über 30 Grad. Zu Mittsommer, oder auf Finnisch Juhannus, feiern die meisten finnischen Familien die Sommersonnenwende in ihren Sommerhäusern mit großen Feuern, Gesang, Essen und Trinken. Die Sommersonnenwende ist ein besonderer Grund zur Freude, denn da der Winter lang, dunkel und sehr kalt ist, freuen sich die Finnen besonders an der hellen, warmen Jahreszeit.
Aber wie schafft man es, auch im Winter so glücklich zu sein? Die meiste Zeit des Jahres liegt in Finnland Schnee, vor allem ab Mittelfinnland nordwärts. Von September bis Mai kann es jederzeit schneien, gelegentlich schneit es auch noch zu Mittsommer.
Während im Sommer die Sonne nicht untergeht, wird es im Winter kaum jemals richtig hell. Statt aber zeitgleich mit den äußeren Umständen in seelischer Düsternis zu wandeln, nutzen die glücklichen Finnen auch im Winter das, was sie haben, um es sich gutgehen zu lassen: die Sauna, die Seen, Ski laufen in den Wäldern, sie verbinden sich mit der Natur. Es ist ein Leben mit den Jahreszeiten und nicht gegen sie.

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Ab Januar zeigt sich gelegentlich auch die Sonne wieder, und verschneite finnische Wälder mit Sonnenschein sind eins der schönsten Erlebnisse, die man sich vorstellen kann. Bei all der Glitzerpracht fällt es leicht, hier an Wunder zu glauben.
Ebenso ein Wunder scheint das finnische Bildungssystem zu sein. Es ist komplett kostenlos und für alle zugänglich: Essen, Fahrten und Materialien sind frei verfügbar. Der Fokus liegt auf Chancengleichheit statt auf Höchstleistung.
Es gibt keinen Konkurrenzkampf. Die Schüler werden von den Lehrern individuell benotet, so dass es gar nicht erst zum Vergleichen kommt. Wettbewerbsdenken und Ellbogenmentalität gibt es dort nicht – dafür Schule bis nachmittags, Essen in Gemeinschaft, alle Hobbies finden ebenfalls in der Schule statt. Jedes Kind wird als talentiert angesehen, und für jedes Kind gibt es die richtige Aktivität. Niemand, der sich nicht sportlich fühlt, wird gezwungen, an sportlichen Aktivitäten teilzunehmen. Gleichzeitig wird darauf geachtet, dass jedes Kind innerhalb seiner individuellen Talente Selbstbewusstsein und Stärke entwickelt.

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Im Unterricht gibt es nur noch selten Tische, die Kinder dürfen sich ihre Positionen auf einer Couch, auf Sesseln, auf dem Fußboden suchen. Es gibt kein starres Tafelsystem, dafür viel freie, kreative Gruppenarbeit. Finnland gilt trotz seines Absturzes in der Pisa-Studie 2022 nach wie vor als eines der führenden Bildungssysteme der Welt.
Während die Kinder in den Schulen gut versorgt werden, können sich Mütter und Väter ihren Berufen widmen. Ein Beispiel für finnische Gleichberechtigung ist wohl die jüngste (ehemalige) Ministerpräsidentin der Welt: Sanna Marin, die mit nur vierunddreißig Jahren zur Regierungschefin Finnlands gewählt wurde und von 2019 bis 2023 das Land anführte.
Sie zeigte, dass eine Frau ein Land regieren und gleichzeitig ihr Leben genießen kann: vielen ist sie noch in Erinnerung als „Party-Präsidentin“, nachdem ein Video viral ging, das sie tanzend während einer privaten Feier zeigte. Wichtiger ist aber, dass das Land während ihrer Amtszeit ein stabiles Wirtschaftswachstum erfuhr, Bildung und Kinderbetreuung ausgebaut wurden und die Gleichstellung der Frauen in Finnland weiter vorangetrieben wurde. Während Frauen in der finnischen Politik jetzt deutlich stärker vertreten sind als früher, sind es in Industrie und Wirtschaft nach wie vor Männer, die die meisten Managerposten bekleiden. Mit Sanna Marins Nachfolger Petteri Orpo als Ministerpräsident geriet das Land ab 2023 auf einen Mitte-Rechts-Kurs, dessen Ziele sich auf Sparmaßnahmen und strengerer Migrations-Politik fokussieren. Inwieweit sich das auf das Glück der finnischen Bevölkerung auswirkt, bleibt abzuwarten.
Ob das Land der tausend Seen, der Mitternachtssonne und der Rentiere zum neunten Mal das Glücks-Ranking der Welt anführen wird?
Mit etwas Glück - bestimmt.
Katri Dietz

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Bis zu ihrer schweren Erkrankung 2017 mit Polymyositis hat die gebürtige Hannoveranerin als Freie Redakteurin und Presenterin für verschiedene Radiosender Norddeutschlands gearbeitet (z.B. radio ffn, NDR, R.SH)
Katri Dietz nutzt heute die Natur, Reiki, ihre eigenen Erfahrungen mit Traumaheilung sowie ihre fundierte Ausbildung, um anderen chronisch kranken Frauen Mut zu machen und neue Lebensfreude zu vermitteln. Voraussichtlich im September 2024 wird sie auch die Weiterbildung zur Resilienztrainerin erfolgreich abgeschlossen haben.
Im Heyne Verlag hat sie bereits zwei Romane veröffentlicht, Wickelkontakt (2011) und Härtetest (2012). Weitere Romane sind in Planung.
Die 47-jährige ist seit 2005 verheiratet und hat zwei jugendliche Kinder. Zur Familie gehören auch eine Hündin und zwei Katzen aus dem Tierschutz. Die Natur-Coachin lebt und arbeitet in ihrer Wahlheimat Schleswig-Holstein.
Unheilbar und unsichtbar
Polymyositis ist eine seltene rheumatische Autoimmunkrankheit der Muskeln. Katri Dietz möchte mehr Aufmerksamkeit und Verständnis für Menschen mit chronisch-entzündlichen Erkrankungen schaffen.
Allein zum rheumatischen Formenkreis gehören über 400 Erkrankungen. Rheumatoide Arthritis, Morbus Bechterew, Lupus, Gicht und Vaskulitis sind die bekanntesten.
Direkt zu Homepage von Katri Dietz: www.katri-dietz.de
