Code trifft Seele: Dr. Gemma Vallet im Interview über Kreativität, Intuition und KI
Während Künstliche Intelligenz heutzutage mühelos Bilder generiert, Texte verfasst und kreative Schöpfungsprozesse grundlegend verändert, dringt eine essenzielle Frage immer stärker in den Vordergrund: Was bleibt eigentlich unverkennbar menschlich an der Kreativität?
Um diesem Gedanken auf den Grund zu gehen, spricht Annette Maria Böhm heute mit Dr. Gemma Vallet, Vice-Dean an der Berlin School of Business and Innovation (BSBI). Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit den Wechselwirkungen von Kreativität, Kultur, Markenidentität und technologischem Fortschritt.
Durch ihre vielseitige internationale Karriere – unter anderem bei renommierten Marken und Unternehmen wie Gucci, Audi, Porsche – vereint sie in einzigartiger Weise die Perspektiven von Wirtschaft, Design und kultureller Entwicklung.
Um diesem Gedanken auf den Grund zu gehen, spricht Annette Maria Böhm heute mit Dr. Gemma Vallet, Vice-Dean an der Berlin School of Business and Innovation (BSBI). Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit den Wechselwirkungen von Kreativität, Kultur, Markenidentität und technologischem Fortschritt.
Durch ihre vielseitige internationale Karriere – unter anderem bei renommierten Marken und Unternehmen wie Gucci, Audi, Porsche – vereint sie in einzigartiger Weise die Perspektiven von Wirtschaft, Design und kultureller Entwicklung.

© Dr. Gemma Vallet
Im Gespräch teilt Dr. Gemma Vallet ihre Einblicke darüber, wie Künstliche Intelligenz kreative Schöpfungsprozesse transformiert, warum Technologie als Werkzeug dient und weshalb emotionale Tiefe, Kontext und menschliche Intuition auch in Zukunft die unersetzlichen Treiber echter Kreativität bleiben.
Dr. Gemma Vallet im Interview mit Annette Maria Böhm
LEBE-LIEBE-LACHE: Generative KI kombiniert und rekombiniert existierende Datenmuster. Wo genau entsteht in diesem Prozess der Bruchstellen-Moment, an dem rein statistische Wahrscheinlichkeit aufhört und echte, unvorhersehbare menschliche Intuition beginnt?
Dr. Gemma Vallet: KI arbeitet mit dem, was bereits existiert: Sie erkennt Muster, kombiniert sie neu und leitet daraus Wahrscheinlichkeiten ab. Genau hier liegt aber der entscheidende Unterschied zur menschlichen Kreativität. Denn während KI danach sucht, was wahrscheinlich und damit naheliegend ist, beginnt menschliche Intuition dort, wo wir uns bewusst über das Wahrscheinliche hinwegsetzen. Wir entscheiden uns nicht nur deshalb für eine Idee, weil sie logisch aus dem Bestehenden folgt, sondern weil wir in ihr eine Bedeutung erkennen. Dabei spielen unsere Erfahrungen, Emotionen, kulturellen Widersprüche und persönlichen Überzeugungen eine entscheidende Rolle. Kreativität entsteht also nicht allein dadurch, dass etwas neu kombiniert wird, sondern dadurch, dass wir entscheiden, was davon relevant, überraschend oder überhaupt erstrebenswert ist. KI kann uns deshalb helfen, das Erwartbare schneller zu erzeugen, doch den Schritt ins Unerwartete macht nach wie vor der Mensch.
LEBE-LIEBE-LACHE: Luxusmarken wie Gucci oder High-End-Automobilhersteller wie Porsche leben von Perfektion, aber oft auch von der Magie des Unperfekten, dem unerwarteten Bruch. Verlernt eine KI, die auf Optimierung getrimmt ist, den Wert des fruchtbaren Irrtums?
Dr. Gemma Vallet: Gerade im Luxussegment zeigt sich, dass Perfektion allein nicht ausreicht. Eine perfekte Optimierung kann ein makelloses Produkt hervorbringen, aber ein erinnerungswürdiges Produkt braucht Charakter. Die Gefahr von KI liegt deshalb weniger in schlechtem, als in zu viel gleichförmigem, perfekt akzeptablem Design. Wenn alle mit ähnlichen Algorithmen und Daten arbeiten, verschwindet das Facettenreichtum. Der produktive Fehler kann genau der Moment sein, in dem Innovation entsteht.
LEBE-LIEBE-LACHE: Wenn KI-Systeme Ton, Stil und Ästhetik in Sekundenschnelle adaptieren können: Wie definiert sich der Begriff der ‚Originalität‘ neu? Welche Rolle spielt die Persönlichkeit hinter dem Werk, wenn der Text oder das Bild austauschbar generiert werden kann?
Dr. Gemma Vallet: KI beendet die Originalität nicht, sondern verändert, wo sie entsteht. Wird die reine Ausführung – Schreiben, Gestalten oder Produzieren – immer leichter, so entsteht aus dem Urteilsvermögen ein knappes Gut. KI kann einen Stil oder eine Ästhetik imitieren, aber sie hat keine eigene Absicht und kann nicht entscheiden, warum etwas kulturell, emotional oder ethisch relevant ist. Originalität entsteht deshalb zunehmend durch die Perspektive und Haltung hinter einem Werk.
LEBE-LIEBE-LACHE: KI versteht Syntax, aber keine menschliche Existenz – keine Trauer, keine Ironie, keine Sehnsucht. Wie wichtig ist dieser Mangel an gelebtem Kontext für das Scheitern von KI bei tiefgründigem Storytelling?
Dr. Gemma Vallet: Das ist eine der wichtigsten Grenzen von KI: Sie kann Sprache verstehen und menschliche Ausdrucksmuster erkennen, aber sie erlebt kein eigenes Leben. Zwar kann sie Trauer überzeugend beschreiben, weil sie Millionen menschlicher Texte über Verlust und Trauer verarbeitet hat, doch selbst hat sie nie jemanden verloren. Genau darin liegt ein entscheidender Unterschied: Große Geschichten entstehen nicht allein aus einer guten Struktur oder den richtigen Worten, sondern auch aus Verletzlichkeit, persönlichen Erfahrungen und emotionaler Wahrheit. Weil Menschen selbst erleben, fühlen und reflektieren, können sie Erlebnissen eine Bedeutung geben, die über das bloße Beschreiben hinausgeht. Maschinen können diese Ausdrucksmuster reproduzieren, Menschen hingegen können aus ihren eigenen Erfahrungen heraus Bedeutung schaffen.
LEBE-LIEBE-LACHE: Wie verändert sich die Arbeit von Kreativdirektor:innen und Markenstrateg:innen? Werden wir von Schöpfer:innen zu reinen Kurator:innen von KI-Output – und worin liegt dabei die Chance oder Gefahr?
Dr. Gemma Vallet: Kreativdirektor:innen und Strateg:innen werden nicht zu bloßen Kurator:innen von KI-Ergebnissen. Ihre Rolle verändert sich vielmehr: Sie produzieren nicht weniger, sondern müssen stärker entscheiden, welche Richtung eine Idee einschlagen und welche Bedeutung sie bekommen soll. KI kann dabei die Produktion beschleunigen und neue Möglichkeiten eröffnen, doch über kulturelle Relevanz, gutes Storytelling, Innovation, ethische Fragen und die langfristige Identität einer Marke entscheiden weiterhin Menschen. Genau darin liegt die größte Chance: KI schafft mehr Raum für kreative Ideen, weil sie aufwendige Produktionsschritte erleichtert. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass sich Inhalte immer stärker ähneln, wenn alle mit denselben Tools und ähnlichen Daten arbeiten. Je zugänglicher KI also wird, desto wichtiger wird die eigene Vorstellungskraft, denn sie entscheidet am Ende darüber, was aus den Möglichkeiten der Technologie entsteht.
LEBE-LIEBE-LACHE: Empfindsamkeit und Empathie lassen sich nicht programmieren. Glauben Sie, dass wir vor einer Renaissance des spürbar Handgemachten, Texturalen und Analogen stehen – als Gegenbewegung zur digitalen Schwemme?
Dr. Gemma Vallet: Ja, davon gehe ich sogar aus. Jede technologische Revolution steigert den Wert dessen, was Technologie nicht ersetzen kann. Wenn digitale Inhalte praktisch unbegrenzt verfügbar sind, werden Authentizität, Handwerk, physische Erfahrungen und menschliche Interaktion umso wertvoller. Das ist keine reine Nostalgie, sondern eine Reaktion auf digitale Überfülle. Menschen wollen nicht nur perfekte Ergebnisse, sondern auch die menschliche Absicht dahinter. Deshalb muss Bildung künftig nicht nur den Umgang mit KI vermitteln, sondern vor allem Neugier, Empathie, kritisches Denken und kreatives Selbstvertrauen.
LEBE-LIEBE-LACHE: Wenn Sie eine Formel aufstellen müssten: Was ist das eine Element menschlicher Kreativität, das kein Algorithmus der Welt jemals replizieren werden kann?
Dr. Gemma Vallet: Ich würde es so formulieren: Menschliche Kreativität = (Neugier × Verletzlichkeit × gelebte Erfahrung) + bewusste Irrationalität. Denn während Algorithmen darauf ausgerichtet sind, Wahrscheinlichkeiten zu optimieren, suchen Menschen nach Möglichkeiten. Gerade deshalb entstehen die größten kreativen Durchbrüche oft aus Entscheidungen, die auf Basis vergangener Daten irrational erscheinen, für einen Menschen aber genau deshalb interessant sind. Sie entstehen aus Neugier, persönlichen Erfahrungen oder der Überzeugung, einen anderen Weg ausprobieren zu wollen. KI kann uns zwar dabei unzählige Möglichkeiten aufzeigen und neue Ideen anstoßen, aber welche davon wir für relevant halten und tatsächlich in die Realität bringen, bleibt eine menschliche Entscheidung.
Dr. Gemma Vallet
Vizedekanin der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften und Betriebswirtschaftslehre
Dr. Gemma Vallet ist Vizedekanin der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften und Betriebswirtschaftslehre an der Berlin School of Business and Innovation (BSBI). Sie verbindet Wissenschaft und Industrie, um die Zukunft der wirtschaftswissenschaftlichen Bildung und Innovation mitzugestalten. Ihre Arbeit untersucht, wie Marken und Organisationen in der sich entwickelnden Kreativwirtschaft Wert schaffen können – einem neuen wirtschaftlichen Paradigma, in dem Ideen, Nachhaltigkeit, kulturelle Intelligenz und Innovation zu wesentlichen Wachstumstreibern werden.