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Aman der Bettler – eine kleine Geschichte aus dem Hinduismus


von Uwe Bjorck


Aman war ein angehender Yogi und wurde von seinem Meister angewiesen, in Einsamkeit zu meditieren. Und so baute sich Aman am Rande eines kleinen Dorfes eine bescheidene mit Blättern gedeckte Hütte, wo er sich ungestört den spirituellen Ritten widmen wollte.

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Jeden Morgen vollzog er seine rituelle Waschung und hing anschließend das Lendentuch sowie den Lappen, den er darunter trug zum Trocknen an einen Baum, der neben seine Hütte wuchs.


Aman der Bettler - eine kleine Geschichte aus dem Hinduismus
© Anna Tarazevich/pexels.de

Dann ging er in das Dorf, um sich sein tägliches Essen zu erbetteln, was ihm die Dorfbewohner bereitwillig gaben.

Eines Tages jedoch musste er bei seiner Rückkehr erkennen, dass Ratten große Löcher in seine Tücher gefressen hatten. Dies wiederholte sich und bald war er genötigt, im Dorf weitere Tücher zu erbetteln.


Die neuen Tücher legte er dann zum Trocknen auf das Dach seiner kleinen Behausung, damit die Ratten sich nicht erreichen konnten. Doch schon bald hatten die Ratten einen Weg gefunden und alle seine Tücher waren von großen Löchern zerfressen.

Verärgert dachte er sich: „Wen soll ich denn nun um neue Tücher bitten?“ Als er am folgenden Tag ins Dorf ging und den Bewohnern von dem Missgeschick erzählte, antworteten diese: „Wer will dich denn jeden Tag mit neuen Tüchern versorgen? Halte dir doch einfach eine Katze. Die wird die Ratten schon fernhalten.“

Und so nahm Aman eine Katze mit heim. Von nun an störten ihn die Ratten nicht mehr und er war zufrieden. Er liebte seine Katze sehr und fütterte sie mit Milch, die er im Dorf erbettelte.

Eines Tages sagten die Dorfbewohner aber zu ihm: „Jeden Tag bettelst du erneut um Milch. Dabei könntest du dich doch allein durch dein Betteln gut versorgen. Sollen wir uns nun auch um deine Katze kümmern? Warum besorgst du dir keine Kuh? Dann wirst du deine Katze selbstständig versorgen können.“

Schon wenige Tage später fand sich Aman im Besitz einer Kuh und musste von da an nicht mehr um Milch betteln. Er gab sich ganz seinen Meditationen hin, versorgte seine Katze mit Milch und konnte beruhigt seine Tücher zum Trocknen in die Sonne hängen.

Doch schon bald stellte sich heraus, dass die Kuh Stroh benötigte. Und so begann Aman im Dorf um Stroh zu bitten.

Doch wiederum gaben ihm die Dorfbewohner den Rat: „Willst du ständig Stroh für deine Kuh erbetteln, wenn du dich doch selbst sehr gut mit unseren Gaben für dich versorgen könntest? Sollen wir uns nun auch um deine Kuh kümmern? Beackere doch einfach das Land um deine Hütte herum. Dann wirst du nie mehr um Stroh betteln müssen.“

Aman tat, wie es ihm geraten wurde. Und schon bald wuchs das Korn besser, als er erwartet hatte.

Schon bald wurde ihm die Zeit für seine Meditation zu knapp und er musste ins Dorf gehen, um Arbeiter für die Ernte und zum Bauen der Scheunen für die Lagerung anzustellen. Und so wurde er zu einem ständig beschäftigten Haushälter.

Drei Jahre vergingen, da kam Amans Meister auf die Idee, seinen Schüler zu besuchen, um zu sehen, wie es seinem Schüler in der Zeit ergangen war.

Als er sich dem Rand des Dorfes näherte, staunte er nicht schlecht. Nicht weit entfernt auf einer Anhöhe entdeckte er die kleine bescheidenen mit Blättern bedeckte Hütte Amans umgeben von Scheunen, Ackerland und Weiden. Auf den Weiden grasten Kühe, zwischen den Scheunen scharrten Hühner im Boden und überall arbeiteten fleißige wohlgenährte Menschen und sangen Lieder.


Auf den Weiden grasten Kühe, zwischen den Scheunen scharrten Hühner im Boden und überall arbeiteten fleißige wohlgenährte Menschen und sangen Lieder
© Artem Beliaikin/pexels.de

Der Meister betrat Amans Hütte und fand seinen Schüler auf dem kahlen Boden sitzend vor, wie dieser sich umgeben von spielenden Katzen in der Meditation versuchte.

„Aman! Was hat das alles zu bedeuten?“, fragte der Meister. Aman erkannte den Meister und blickte vor Scham zu Boden. „Meister, all dies hier entstand um zwei Tücher willen.“ Und Aman erzählte dem Meister, was sich alles zugetragen hatte.

„Ja, es ist nicht leicht, nichts zu besitzen“, sagte der Meister daraufhin und Aman folgte ihm ohne Zögern, als sich dieser wieder auf den Weg machte. Er verlor keinen weiteren Blick mehr auf seine angesammelten Güter.



Uwe Bjorck über Uwe Bjorck:

Uwe Bjorck
© Uwe Bjorck
Ich kam im Jahre 1958 als wetterfester Ostfriese auf die Welt. Nach meinem Abitur habe ich vier Semester Kommunikationswissenschaft studiert. Dies jedoch ohne Abschluss, weil ich die Möglichkeit hatte, ein Jahr in Südtunesien zu leben. Ich arbeitete fast 30 Jahre in international tätigen Werbe- und PR-Agenturen und schloss ein berufsbegleitendes Studium zum Diplomkaufmann ab.

Nebenbei schrieb ich immer Kurzgeschichten und Lyrik und veröffentlichte mit der Bremer Schauspielerin Bico Lange den Lyrikband unbeschirmt. Gleichzeitig wurden Gedichte und Kurzgeschichten von mir in einigen Anthologien veröffentlicht. Im Jahr 2009 beschloss ich, mich von der Erwerbsarbeit zurückzuziehen und zog in das schöne Bremen, wo ich meine Frau kennenlernte. Heute bin ich Hausmann, mache Musik mit meiner Band und engagiere mich stark für das bedingungslose Grundeinkommen. Seit Februar 2021 bin ich erster Vorsitzender der Partei Grundeinkommen für Alle, GFA. (www.gfa-partei.de)


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