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Jens Rosteck im Interview: "Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass ich in Big Sur eines Tages zu mir selber kommen kann."


In den späten 1930er-Jahren gewährte ein neuer Highway an der Küste Kaliforniens erstmals einer breiteren Öffentlichkeit Zutritt zu einem einsamen Landstrich voller überwältigender Naturwunder: Big Sur. Angezogen von der Aura dieses schroffen, windumtosten Küstenstreifens, versuchten sich in der Folge namhafte Künstler wie Henry Miller, Joan Baez oder Jack Kerouac an einem Dasein in der Einsamkeit und erprobten einen Lebensstil, der heute kaum noch Aufsehen erregt, seinerzeit aber Wagemut und Pioniergeist erforderte: das Aufgehen im Naturerlebnis, Kontemplation und Konzentration aufs Wesentliche.

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In seinem neuen Buch BIG SUR zeigt Jens Rosteck, wie eine mythische Landschaft das Schaffen mehrerer Künstlergenerationen in einer Weise prägte, die bis heute Widerhall nicht nur in der amerikanischen Kultur erzeugt. " Ich habe sofort gespürt, dass man mehrfach hierher kommen, viel Zeit verbringen und sich auf die untergründigen Schwingungen, die diese Gegend in einem auslöst, einlassen muss," meint Jens Rosteck im nachfolgenden Interview:

Jens Rosteck im Interview: Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass ich in Big Sur eines Tages zu mir selber kommen kann.
© Jens Rosteck

Jens Rosteck im LEBE-LIEBE-LACHE Interview mit Annette Maria Böhm


LEBE-LIEBE-LACHE: Diese ungefähr 145 Kilometer lange Küste zwischen Carmel-by-the-Sea und dem “Hearst Castle” – mit den südlichsten Mammutbäumen und viel Nebel – lockte Schriftsteller wie Henry Miller und den Liebling der Beat Generation, Jack Kerouac ... und auch mich ... mit einem unerklärlichen Zauber, den man beinahe greifen kann. Dies ist einfach ein Ort, an dem man sein möchte: zwischen Himmel, Klippen und Meer. Wie hast Du diesen Zauber erlebt?

JENS ROSTECK: Zunächst als etwas Unbegreifliches, als etwas nicht auf Anhieb Fassbares. Ich habe sofort gespürt, dass man mehrfach hierher kommen, viel Zeit verbringen und sich auf die untergründigen Schwingungen, die diese Gegend in einem auslöst, einlassen muss. Es handelt sich ja um keinen richtigen "Ort", sondern um ein Lebensgefühl, das im Laufe der Jahrhunderte entstanden ist. Zu dessen Zustandekommen Ureinwohner, Siedler, Prominente, Aussteiger und viele Namenlose beigetragen haben. Es ist die Wildheit, die sich am nachdrücklichsten überträgt. Sie hat etwas Überwältigendes und auch Erbarmungsloses. Als Mensch ist man hier ganz klein und unbedeutend. Den Elementen ausgeliefert, den Launen der Natur auch, mehr als irgendwo sonst. Man ist hier mitten in Amerika und doch wie auf einem anderen Planeten. Ein großer Zauber geht darüber hinaus von dem "Land's End"-Feeling aus - man ist hier wirklich am Ende der Welt. Von hier gibt es kein Zurück mehr. Das kann beunruhigend sein, hat aber auch etwas Befreiendes. Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass ich in Big Sur eines Tages zu mir selber kommen kann.



Jens Rosteck - Big Sur: Geschichten einer unbezähmbaren Küste
Empfohlen von Lebe-Liebe-Lache.com
Jens Rosteck (Autor)

Big Sur

Geschichten einer unbezähmbaren Küste
In den späten 1930er-Jahren gewährte ein neuer Highway an der Küste Kaliforniens erstmals einer breiteren Öffentlichkeit Zutritt zu einem einsamen Landstrich voller überwältigender Naturwunder: Big Sur. Angezogen von der Aura dieses schroffen, windumtosten Küstenstreifens, versuchten sich in der Folge namhafte Künstler wie Henry Miller, Joan Baez oder Jack Kerouac an einem Dasein in der Einsamkeit und erprobten einen Lebensstil, der heute kaum noch Aufsehen erregt, seinerzeit aber Wagemut und Pioniergeist erforderte: das Aufgehen im Naturerlebnis, Kontemplation und Konzentration aufs Wesentliche. In seinem facettenreichen Porträt dieser mythischen Landschaft zeigt Jens Rosteck, wie Big Sur das Schaffen mehrerer Künstlergenerationen in einer Weise prägte, die bis heute Widerhall nicht nur in der amerikanischen Kultur erzeugt.


LEBE-LIEBE-LACHE: Der legendäre Highway One, der ja viele Haltebuchten bietet, wie zum Beispiel an der berühmten Bixby Bridge, lädt zu ausgedehnten Fotostops ein. Welcher Ausblick hat es Dir besonders angetan?

JENS ROSTECK: Zwei Ausblicke sind es. Zum einen von der Terrasse des Kultrestaurants Nepenthe aus in Richtung Norden: das ist Kalifornien in Panavision. Meer und Brandung, Felsen und Klippen bis zum Horizont. Unbezähmbare Natur, soweit das Auge reicht. Im Wortsinne sensationell! Diese Sicht hatte es schon Henry Miller, Orson Welles und Rita Hayworth angetan. Hier kann man auch sehr gut lunchen - und man kommt mit Einheimischen und mit Freaks, mit Durchreisenden und vielen fröhlichen Spinnern ins Gespräch. Zum anderen schaue ich sehr gern auf die faszinierenden McWay Falls in der unteren Hälfte von Big Sur: Das ist ein schmaler Wasserfall, der sich, die Klippen hinab, auf spektakuläre Weise direkt ins Meer stürzt, in eine kleine Lagune - eine Art Naturdusche. Die Bucht drumherum zählt zu den schönsten des ganzen Küstenabschnitts.

Der legendäre Highway One, der ja viele Haltebuchten bietet, wie zum Beispiel an der berühmten Bixby Bridge, lädt zu ausgedehnten Fotostops ein
© bojanicb/unsplash


LEBE-LIEBE-LACHE: In seinem Roman „Big Sur oder die Orangen des Hieronymus Bosch“ von 1957 schreibt Miller, daß er damals als alleinerziehender Vater andere Sorgen als die Gründung einer Künstlerkolonie gehabt habe. Groteskerweise waren die einzigen Spuren einer Kolonie in dem Tal die Baracken der Häftlinge, die in fast zwanzigjähriger Arbeit den heute so berühmten Highway One gebaut hatten. In den spärlich eingerichteten Behausungen hatten sich nach der Fertigstellung der Straße 1937 tatsächlich Künstler niedergelassen. In Deinem facettenreichen und nuancierten Portrait über BIG SUR bist Du u.a. auch auf Henry Millers Spuren unterwegs. Was fanziniert dich an seiner Persönlichkeit besonders?

JENS ROSTECK: Die fundamentale innere Wandlung, die mit ihm hier vorgegangen ist. Miller reiste als schon weltberühmter, aber eben auch berüchtigter und völlig mittelloser Autor aus Paris an. Als er in Kalifornien eintraf, stieß ein Mythos auf einen Mythos, ein Erotomane und Skandalschriftsteller auf die asketische Landschaft schlechthin. Konnte das gutgehen? Ja! Erstaunlicherweise funktionierte dieser "culture clash". Denn Miller war vom Rest der USA schwer enttäuscht, die er den "klimatisierten Alptraum" nannte, von einer rein auf Konsum und Materialismus bestimmten Mentalität. Hier in Big Sur fand er das genaue Gegenteil vor: Entbehrung, Verzicht, Konzentration aufs Wesentliche, fast fernöstliche Spiritualität, Bereitschaft zu Meditation und Entsagung.

Big Sur erinnerte ihn sofort an die archaischen, durchgeistigten Lndschaften des antiken Griechenlands. Dass Miller bereit war, sich von einem Apostel der Ausschweifung zu einem Meister der Weisheit, gar zu einem hageren Buddha zu wandeln und dass er seinen "Jüngern" mit Überzeugungskraft vermitteln konnte, wie man ohne viel Komfort und Luxus im Leben zurechtkommt, wenn man nur die richtige innere Einstellung mitbringt, finde ich bemerkenswert. Außerdem schrieb Miller noch eine Reihe großartiger und sehr unterschiedlicher Bücher in seiner "cabin", und er malte - sehr erfolgreich - Aquarelle. Miller entpuppte sich also als Poet und Philosoph und zugleich als äußerst reflektierter Zeitgenosse, der kritisch auf die Entwicklung der westlichen Zivilisation blickte und deren Missstände auch anprangerte.




LEBE-LIEBE-LACHE: Als Jahrgang 1962 Geborene waren wir damals viel zu jung um die Aufbruchstimmung der Flower-Power Generation persönlich miterleben zu können. Ich war 1980 zum ersten Mal in Kalifonien auf dem Highway One unterwegs und habe überall nach Spuren dieser wunderbaren "lost Generation" gesucht. Und Du?

JENS ROSTECK:  Ich war 1983 zum ersten Mal in den USA und seit den frühen 1990ern dann regelmäßig an der Westküste. Besonders häufig habe ich Kalifornien in den 2000er Jahren aufgesucht. Auch andere, weniger kultische Orte haben mich dort in ihren Bann gezogen. Großstädte wie Seattle und Portland etwa, wegen ihrer Musikszene, ihrer extremen Toleranz und ihres Flairs, aber auch Orte wie das fast mediterrane Santa Barbara und das idyllische Bodega Bay, ein kleines Küstenstädtchen, in dem Hitchcock gedreht hat. Die Spuren der "lost generation" der Sixties sind eigentlich überall mit Händen zu greifen, wenn man sich auf die Mentalität der Leute einlässt. Sie kommt in Gesprächen zum Vorschein, in der Art, wie die Menschen sich ausdrücken und begeistern können.

Dann begreift man auch, dass Phänomene wie Esoterik oder New Age, die Suche nach der inneren Persönlichkeit und unsere Verbindung zum Kosmos, Phänomene, die nun schon so lange weltweit existieren und die wir so gerne belächeln oder als Albernheiten abqualifizieren, tatsächlich hier ihren Ursprung haben und nicht einfach als Hirngespinste oder Überspanntheit abgetan werden können. Wenn man in den heißen Quellen von Esalen badet und dann, mit Blick auf die unendlichen Weiten des Pazifiks, im gleichnamigen Institut an einem Seminar über gewaltfreien Widertstand teilnimmt oder über den Sinn unserer Existenz nachzudenken beginnt, wenn man die Musik des Big Sur Folk Festivals hört und wiederaufleben lässt, fühlt man sich unmittelbar in den Aufbruchsgeist, in die Euphorie und die Neugier der Blumenkinder-Ära zurückversetzt. Das hat nicht nur etwas Nostalgisches oder Sentimentalismus, sondern vermittelt ein Gefühl der Freiheit. Man lebt hier einzig und allein, so kommt es einem dann vor, um alle Möglichkeiten unseres Seins und unserer Persönlichkeit auszuloten. Oder um es zumindest zu versuchen.

Viel zu jung um die Aufbruchstimmung der Flower-Power Generation persönlich miterleben zu können
© prontopac/pixabay


LEBE-LIEBE-LACHE: Fehlt es der amerikanischen Kultur heute an Wagemut und und Pioniergeist?

JENS ROSTECK: Im Vergleich zu den Sechzigern und Siebzigern, als so viele originelle Stimmen in allen Bereichen des des gesellschaftlichen Lebens zu hören waren und so viel Unbequemes zur Sprache gebracht werden konnte, als die Denker und Träumer Amerikas wirklich die Vision einer anderen, hoffentlich "besseren" Welt verfolgten - auf jeden Fall. Was nach meinem Eindruck vor allem fehlt, sind genuine, überzeugende Persönlichkeiten, sind zuvor noch nie gehörte Positionen und Standpunkte, ist Authentizität. Doch das betrifft womöglich die gesamte westliche Hemisphäre.



Jens Rosteck

Dr. Jens Rosteck, 1962 geboren, lebte viele Jahre in Paris und an der Côte d’Azur, wo er neben Essays zur Musik- und Literaturgeschichte eine Reihe von literarischen Biografien verfasste. Der promovierte Musikwissenschaftler, Kulturgeschichtler, Pianist und Autor mehrerer Städteporträts wohnt seit 2015 im Badischen. Zu seinen 16 Büchern gehören neben Monographien zu Jeanne Moreau, Joan Baez und Edith Piaf auch das Inselbuch "Mein Ibiza" (2013) sowie seine hoch gelobten Künstlerporträts "Brel: Der Mann, der eine Insel war" (2016) und "Marguerite Duras: Die Schwester der Meere" (2018).

Direkt zur Homepage von Jens Rosteck: www.jensrosteck.de



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