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Interview: Helene Bockhorst über Witze und Depressionen


"Heutzutage reicht es nicht mehr, irgendeine Depression zu haben. Man hat immer dieses nagende Gefühl, andere Leute könnten bessere Depressionen haben. Mit meinem Buch kann jetzt endlich jeder Die beste Depression der Welt haben." Helene Bockhorst

Die Protagonistin des Romans "Die beste Depression der Welt" war für fünf Minuten berühmt. Nachdem Vera versucht hatte, sich umzubringen, ging ihr Blog viral. Nun soll sie einen Ratgeber zum Umgang mit Depressionen schreiben. Ihre Freundin Pony hat Zweifel, dass sie das schaffen wird. Sie selbst auch. Denn wie soll das gehen, wenn man ja nun eigentlich depressiv ist? Müde, antriebslos, nicht gerade an Erfolg interessiert? Wenn man geheiratet hat, unglücklich ist, aber nicht geschieden? Wenn man seine Oma vermisst, aber nicht weiß, ob sie noch lebt? Und hilft da meditieren? Oder gesünderes Essen? Vera probiert es aus – und scheitert, scheitert, scheitert. Um sich wirklich besser zu fühlen, muss sie sich ihren eigenen Problemen stellen. Ihrer Familiengeschichte. Den Lügen. Den Männern. Und das ist hart, lustig, fies und schön - und macht süchtig.

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Interview: Helene Bockhorst über Witze und Depressionen
© Sascha Moll

Im nachfolgenden Interview spricht Autorin Helene Bockhorst über Selbstzweifel und darüber, ob man über Depressionen Witze machen darf.



Genau wie die Hauptfigur Vera haben auch Sie Depressionen. Ist das Buch autobiographisch?

Nein, es ist ein Roman, Vera hat eine völlig andere Lebensgeschichte als ich. Alle Personen, die in dem Buch vorkommen, sind ausgedacht. Aber auch, wenn die Geschichte erfunden ist - die Gedanken und Gefühle, die geschildert werden, habe ich genau so erlebt. Wie sich die Depression für mich angefühlt hat, welche Sorgen und Ängste ich in den besonders schwierigen Phasen hatte, all das habe ich so schonungslos und ehrlich wie möglich aufgeschrieben. Und ich habe fast alles, was Vera ausprobiert, um die Depression zu besiegen, selber getestet - ich habe z.B. einen Meditationskurs besucht und war beim Lachyoga, bin nach Japan gereist, habe eine Schamanin besucht... Das Einzige, was ich nicht aus erster Hand weiß: Ich habe nie Kokain genommen. Stattdessen habe ich auf Twitter nachgefragt, wie sich das anfühlt, und habe über hundert Nachrichten von hilfsbereiten Drogenkonsumenten bekommen, die mir ihre Erfahrungen beschrieben haben. Zum Glück, denn dadurch musste ich das nicht selber machen. 



Vera soll einen Ratgeber über Depressionen schreiben, aber ihre Depression steht ihr im Weg. Warum sollte jemand sich so eine kaum lösbare Aufgabe aufbürden? 

Es ist doch häufig so, dass ausgerechnet diese eine Sache, die wir nicht können, uns nicht loslässt. Solche Herausforderungen können zu furchtbaren Enttäuschungen führen, aber manchmal kann man auch an ihnen wachsen. Und es gibt Menschen mit Depressionen in allen möglichen, auf den ersten Blick unwahrscheinlich wirkenden Berufen. Das ist ein Problem, was sich durch unsere Gesellschaft zieht - jeder kann betroffen sein. Es gibt immer noch Leute, die denken, wer nicht einem bestimmten Klischeebild entspricht, ist gesund, aber wie die meisten Krankheiten hat die Depression unterschiedliche Gesichter.



Helene Bockhorst - Die beste Depression der Welt
Helene Bockhorst (Autor)
Die beste Depression der Welt
Roman
"Heutzutage reicht es nicht mehr, irgendeine Depression zu haben. Man hat immer dieses nagende Gefühl, andere Leute könnten bessere Depressionen haben. Mit meinem Buch kann jetzt endlich jeder Die beste Depression der Welt haben." Helene Bockhorst

Vera war für fünf Minuten berühmt. Nachdem sie versucht hatte, sich umzubringen, ging ihr Blog viral. Nun soll sie einen Ratgeber zum Umgang mit Depressionen schreiben. Ihre Freundin Pony hat Zweifel, dass sie das schaffen wird. Sie selbst auch. Denn wie soll das gehen, wenn man ja nun eigentlich depressiv ist? Müde, antriebslos, nicht gerade an Erfolg interessiert? Wenn man geheiratet hat, unglücklich ist, aber nicht geschieden? Wenn man seine Oma vermisst, aber nicht weiß, ob sie noch lebt? Und hilft da meditieren? Oder gesünderes Essen? Vera probiert es aus – und scheitert, scheitert, scheitert. Um sich wirklich besser zu fühlen, muss sie sich ihren eigenen Problemen stellen. Ihrer Familiengeschichte. Den Lügen. Den Männern. Und das ist hart, lustig, fies und schön - und macht süchtig.

"Helene Bockhorst redet über Dinge, worüber die meisten von uns nicht reden würden. Obwohl das düster und bedrückend ist, amüsieren sich die Leute. Ich glaube, dass das immer noch ein Tabubruch ist.« Zeit Campus
"Brandaktueller Shooting-Star der Bühnenunterhaltung" 3sat



Woher kommt der Titel “Die beste Depression der Welt”?

Menschen haben dieses seltsame Bedürfnis, Dinge einzuordnen und miteinander zu vergleichen - auch in Situationen, in denen das total unpassend ist. Wenn jemand sagt, dass er Depressionen hat, kann man sicher sein, dass irgendwer in der Runde jemanden kennt, der jemanden kennt, der viel schlimmere Depressionen hatte, aber der hat sich einfach zusammengerissen und jeden Tag Gartenarbeit gemacht und jetzt geht es ihm wieder besser. 

Anstatt den Betroffenen zuzuhören, wird häufig verglichen und bewertet: Wer hat es am schlimmsten, wer “darf” sich wie schlecht fühlen? Aber man kann menschliches Leid nicht auf einer Skala einordnen.



Viele Szenen in dem Roman sind humorvoll. Darf man über Depressionen Witze machen?

Sich auf humorvolle Weise mit einer Krankheit zu befassen, heißt nicht, dass man sie nicht ernst nimmt oder ihre Gefährlichkeit herunterspielt. Eine Depression ist eine schwere Erkrankung, die unbehandelt sogar tödlich verlaufen kann und gerade deswegen so tückisch ist, weil sie von außen meist nicht sichtbar ist. Ich möchte Sichtbarkeit für das Thema schaffen. Gleichzeitig ist Humor auch für mich selbst als Betroffene ein wichtiger Bewältigungsmechanismus. Mir haben Witze schon immer geholfen, mit schmerzhaften Erfahrungen umzugehen.

Helene Bockhorst - Viele Szenen in dem Roman sind humorvoll. Darf man über Depressionen Witze machen?
© Sascha Moll


Hilft das Buch gegen Depressionen? 

Vermutlich nicht, das ist aber auch gar nicht die Aufgabe eines Romans. Jemand, der ganz akut an schweren Depressionen und vielleicht sogar Suizidgedanken leidet, braucht in erster Linie therapeutische Unterstützung, kein Buch der Welt kann das ersetzen. Jemandem, der gerade ertrinkt, würde man auch kein Buch an den Kopf werfen und sich wundern, warum das nicht "hilft". Man würde den erstmal aus dem Wasser holen und ihm ein Handtuch geben und erst später, wenn derjenige warm eingepackt auf dem Sofa sitzt und einen heißen Tee trinkt, freut er sich vielleicht, ein Buch zu lesen, in dem jemand etwas Ähnliches durchgemacht hat. Bücher können Betroffenen zeigen, dass sie nicht allein sind, und helfen, das Schweigen zu brechen, aber sie können niemanden retten.



Früher waren Depressionen und andere psychische Erkrankungen Tabuthemen, inzwischen wird mehr darüber geredet. Ist die Gesellschaft nicht langsam tolerant genug?

Inzwischen wissen wir mehr über Depressionen als früher, das ist wahr. Aber es gibt noch viel zu tun. Nach wie vor ist es für Betroffene sehr schwierig und mit langen Wartezeiten verbunden, einen Therapieplatz zu bekommen. Und nach wie vor gibt es Situationen, in denen man komisch angeguckt wird oder sogar handfeste Nachteile hat, wenn man zugibt, in der letzten Zeit in Therapie gewesen zu sein. Viele Versicherungen kann man z.B. nur abschließen, wenn man nicht wegen Depressionen in Behandlung war - aber sich nicht behandeln zu lassen, sollte nie die Lösung sein.



Wegen der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie mussten viele Ihrer Shows und Lesungen abgesagt werden, z.B. auch die Buchpremiere. Wie geht es Ihnen damit?

Es ist keine einfache Zeit für mich; alle Termine und Routinen, die meinem Leben eine Struktur gegeben haben, sind von heute auf morgen weggefallen. Auch die Unsicherheit, wann es wieder weitergehen wird, macht mir zu schaffen. Gleichzeitig ist es aus meiner Sicht eine seltsame Ironie des Schicksals, dass mein Buch über eine Frau, die sich ständig neue Ausreden einfallen lässt, warum sie nicht aus dem Haus gehen kann, ausgerechnet in einer Zeit erscheint, in der uns allen geraten wird, zu Hause zu bleiben.




Helene Bockhorst - Portrait
© Enrico Meyer
Helene Bockhorst
(*1987) ist Comedienne und Autorin. Sie hat einen Masterabschluss in Journalistik und war vier Jahre lang als Redakteurin tätig.

Die ersten Schritte ins Rampenlicht wagte sie im Herbst 2016 bei Poetry Slams, ihr Slam-Video “Unfreiwillige Jungfräulichkeit” wurde zum viralen Hit mit mehreren Millionen Klicks. 2017 entdeckte sie die Stand Up Comedy für sich und begann, mehrmals in der Woche nach Feierabend aufzutreten - anfangs noch bei offenen Bühnen, aber schon bald folgten Auftritte im Schmidt Theater, bei Nightwash und im Quatsch Comedy Club. Ende 2017 kündigte sie ihren Arbeitsvertrag, um sich ganz auf ihre Auftritte zu konzentrieren. Im Januar 2018 gewann sie den Hamburger Comedy Pokal - als erste (und bis heute einzige) Frau in der Geschichte des Wettbewerbs, der seit 2003 stattfindet.

Es folgten zahlreiche Fernsehauftritte z.B. bei Pufpaffs Happy Hour, Pussy Terror TV, NDR Comedy Contest, Stand Up 3000, Quatsch Comedy Club, Mario Barth & Friends und bei den Mitternachtsspitzen.

Sie war Finalistin des Prix Pantheon 2018 und wurde für das Große Kleinkunstfestival der Wühlmäuse 2018 und den Stuttgarter Besen 2019 nominiert.

Seit Mai 2018 moderiert sie eine eigene Mixshow im Schmidtchen auf der Reeperbahn. Mit ihrem ersten abendfüllenden Soloprogramm “Die fabelhafte Welt der Therapie” feierte sie im Oktober 2018 Premiere im Polittbüro in Hamburg und spielte gut besuchte Vorstellungen in ganz Deutschland. Das Programm wurde im Quatsch Comedy Club Berlin für Sky 1 Deutschland aufgezeichnet.

Die Premiere ihres zweiten Programms findet im Januar 2021 im Pantheon Theater in Bonn statt. Es trägt den Titel “Die Bekenntnisse der Hochstaplerin Helene Bockhorst”.

Im März 2020 erschien ihr Debütroman “Die beste Depression der Welt” im Ullstein Verlag. 

Für ihre Kurzgeschichten wurde sie zuvor bereits mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet und als Stipendiatin des Literatur Labor Wolfenbüttel ausgewählt.

Direkt zur Homepage von Helene Bockhorst: www.helenebockhorst.com


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