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"Heimscheißer"


von Sandra Windges


Es war mal das Allergrößte, bei Freundinnen übernachten zu dürfen: Quatschen bis in die Puppen, kichern, Chips im Bett verkrümeln. Nicht alle durften es und nicht überall durfte man es; bei uns haben nur sehr selten andere übernachtet, deshalb erlaube ich es dem Pubertantchen fast immer, wenn sich -meist relativ spontan- Übernachtungsbesuch ankündigt, oder sie außerhäusig die Nacht verbringen möchte.

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Im vergangenen Sommer hat sie sich mit ihrer Freundin mit Matratzen, Decken, Kissen und jeder Menge Knabberkram auf dem Balkon einquartiert, ein Bild für die Götter war das, doch mir wäre das viel zu viel Gerödel gewesen. Obwohl ich selbst jetzt, in der Wechseljahreszeit noch mal Bock auf eine Pyjamaparty mit einer Handvoll Mädels hätte.

Mit der besten Freundin tage ich hin ja auch und wieder – mit Quatschen bis in die Puppen, kichern… und ein bisschen Alkohol. Wer das nie erlebte, der oder die hat was verpasst, denke ich. Woanders zu schlafen bedeutet, andere Gerüche einzuatmen, eventuell an Ohren schnüffelnde oder auf dem Bauch herumtrampelnde unbekannte Haustiere als Wecker zu haben, mit einer anderen Familie am Tisch zum Essen zu sitzen, fremdes Duschgel zu benutzen, woanders verbotenerweise den Klodeckel hochgeklappt zu lassen und Filme sehen zu dürfen, die Mama und Papa – so man denn noch minderjährig ist- strengstens untersagt haben, den größeren Bruder der Freundin anzuhimmeln und den kleineren einfach nur nervig zu finden und so vieles mehr. Es ist immer auch ein winziger Urlaub vom eigenen Zuhause und von der eigenen Mischpoke.



Es ist immer auch ein winziger Urlaub vom eigenen Zuhause und von der eigenen Mischpoke
© brookecagle/unsplash


Oder es ist eine kurze, unruhige Nacht, weil die Mitschläfer quer im Bett liegen, merkwürdige Geräusche machen und nur bei offenen Jalousien und 10 Grad schlafen können. Meistens ist es das!

Tatsächlich gibt es aber Menschen, die sich davor graulen: Schon im Kindes- und Teenageralter wollten sie lieber in ihr eigenes Bett das letzte Püpschen des Tages setzen; wollen auf ihrem Stühlchen am Familientische sitzen und das Abendbrot einnehmen. Sich woanders die Zähne putzen zu müssen, ein Zimmer oder gar das Bad teilen - welch ein Horror!


Doppel Axel
Sandra Windges (Autor)
Doppel Axel


Man stelle sich das Drama bei Klassenfahrten vor! Nicht nur bei jungen Menschen, die vielleicht -was das anbelangt - schon vor der Zeit gealtert sind, existiert dieses Phänomen – so es denn überhaupt eines ist. Tatsächlich gibt es diese Spezies auch in Erwachsen: Den Heimscheißer! „There is no place like home“ haben sie offenbar bereist im Mutterleib gedacht und litten heftig unter dem Hinauswurf aus der gemütlichen Fruchtwasserhöhle.

Heimscheißer fühlen sich generell schnell unwohl, wenn sie zu lange von ihrer Bude entfernt sind, sogar manchmal, wenn sie bloß zum Grillen eingeladen wurden. „Au nee, das dauert jetzt aber lang hier“, denken sie, sich unbehaglich fühlend, und: „Zuhause könnte, müsste, wollte ich doch noch ….“, – ja, was denn nur? Es gibt ja sogar Menschen, die ungern in Urlaub fahren, weil es zuhause eben doch am schönsten ist. Schade für die Nachbarn, die eigentlich ganz froh sind, wenn die beiden autistischen Rollladen – und straßenkehraddictives mal ein paar Tage nicht nerven.

Heimscheißer fühlen sich generell schnell unwohl, wenn sie zu lange von ihrer Bude entfernt sind
© bruce mars/pexels.com


Die Heimscheißerei scheint insgesamt um sich zu greifen
© pixabay/pexels.com
Die Heimscheißerei scheint insgesamt um sich zu greifen, wenn Teens sich lieber daheim treffen, als feiern zu gehen. Wenn niemand mehr, so wie „zu meiner Zeit“ einen ersten fahrbaren Untersatz in Form eines Mofas hat, um sein Mädel irgendwo zu treffen. Mofas sind, scheint´s, generell uncool geworden und ausgestorben.

Lieber nistet man sich daheim ein, im Jugendzimmer unterm Dach, wo Mama vorher noch die frischgewaschene Wäsche liebevoll gefaltet auf dem Schreibtisch abgelegt hat, wo der Kühlschrank gefüllt ist und man in Ruhe netflixen kann. Überhaupt wird gerne und lange im Nest gehockt. Hübsch, ziemlich angepasst und gerne zu Hause seiend, das sind anscheinend junge Menschen im Jahr 2020. Dagegen ist gar nichts einzuwenden; ich bin wohl einfach nur zu alt, um das zu verstehen.


Obwohl: Gerade fallen mir einige Leute von früher ein, die lieber daheim blieben, statt draußen Rollschuh zu laufen oder die in ihrer eigentlichen Sturm- und Drangphase weder Stürme noch Dränge in sich fühlten und zu Partys und anderen Veranstaltungen geradezu gezwungen werden mussten. Ich frage mich zum Beispiel, ob Bequemlichkeit oder Angst dahintersteckt, wenn eine 16jährigeSchulfreundin meines Ablegers lieber mit ihren Eltern und den Nachbarn Karneval feiert, statt auf die Rolle zu gehen.

Wenn ich aber ehrlich bin, so muss ich zugeben, dass auch ich die (Abend-) Toilette mittlerweile lieber in den eigenen vier Wänden erledige. Ich will meinen Kram um mich herumhaben, meine Pflegeutensilien und die Zahnpasta ohne Fluoride, möchte abends Tee oder Bierchen trinken, warme Socken tragen und unter meinen zwei bis drei Decken schlummern. Schokolade und Kaffee müssen stets vorrätig sein und Morgenmenschen sollten lieber nicht in meine Nähe kommen, genauso wenig, wie sie mich mit ihrem Schnarchen vor 22 Uhr langweilen und stören sollen.

Ich möchte meinerseits niemandem zur Last fallen und niemanden nerven und das kann auch schon mal bissi krampfig werden. Hm… es ist schon ein spaßbremsiges Gefühl, wenn man zum Heimscheißer mutiert.

Kleine Notiz am Rande: Die XXL Toilettenpapierpackung vom dm habe ich immer schon gekauft.

In Echt jetzt!



Sandra Windges über Sandra Windges


Sandra Windges
© Sandra Windges
Ich bin Eremit und Rampensau in einer Person.

Geboren 1968, Sternzeichen Zwilling, Aszendent Löwe.

Eine Tochter, 16 Jahre, das größte Geschenk meines Lebens.

Glücklich getrennt und glücklich wieder liiert.

Werdegang: Schule, Fachabi auf Umwegen, Studium, Weiterbildung im Marketing, diverse Jobs.

Nach einer längeren Krankheit Neuorientierung, Weiterbildung DaF (Deutsch als Fremdsprache). Seit 2010 Dozentin in der Erwachsenenbildung.

Ich wollte immer schon schreiben, irgendwann- es muss so 2009 gewesen sein- habe ich einfach angefangen. Mein Roman „Doppel Axel“ erblickte das Licht der Welt 2016. Ein Adventskalender in 24 Kapiteln (Nikolaus ist futsch) folgte 2018, jetzt erscheint der zweite Teil (Knusperknäuschen Nikoläuschen).

Außerdem gibt es regelmäßig Gedanken zum und aus dem Leben auf meiner Website:

www.sandrawindgesschreibt.de und bei Facebook.
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