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Ganz bequem von zuhause aus



von Sandra Windges

Bisher ist es der Industrie, oder wem auch immer, noch nicht gelungen, knisterfreie Verpackungen für Süß- und Knabberkram zu erfinden. Erfinderisch sind die Marketingmännekes und Werbebeauftragten diverser Produkte trotzdem, und zwar immer dann, wenn es sich um lockende kreative Slogans, Subheads, Störer, Abbinder und sonstigen Tinneff handelt, der zum Kauf anregen soll. Gerne genommen: „NEU! Jetzt NOCH cremiger!“, „Verbesserte Rezeptur“, „Noch mehr Reinheit und Frische“, „Ohne Zusatzstoffe“. „NEU“ ist ganz, ganz, ganz, ganz superwichtig.

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Ganz bequem von zuhause aus
© JennyJohansson/pixabay

Ich frage mich immer, ob wir das Produkt auch dann kauften, wenn „ALT!“ darauf stünde. In Zeiten, in denen jeder Hersteller von irgendwas seinen Prömsels-Laden zur Manufaktur erhebt, wäre das doch mal ein Argument, welches Menschen, die auf gute Qualität, ein paar möglichst unveränderte Werte und authentischen Geschmack oder auf originär designtes Look &. Feel stehen, zum Kauf anregten. Auch grüble ich darüber nach, inwieweit ich jemandem vertrauen kann, der mir bisher einen Artikel - nehmen wir mal einen Schokoriegel - andrehte, der NICHT cremig genug war, der vor Zusatzstoffen nur so strotzte und trotzdem schon Geld kostete sowie auch mich meine Gutgläubigkeit.

Während ich so meine Gedanken zum Konsum schweifen lasse, versuche ich, eine Tüte Lakritzkätzchen zu öffnen (Verkaufsargument: Ohne tierische Gelatine. Veggie!). Hallo?! Die muss ich haben, die kenne ich noch aus meiner Kindheit und hey, tierfrei sind sie neuerdings, oder vielleicht waren sie es immer schon, auch noch. Ich habe einige Schwierigkeiten damit, an der Sollreißstelle eine Öffnung zu fabrizieren. Irgendwann gelingt es mir. Welch schöne Geräusche-Begleitung es dazu gibt. Gratis! Das Zerreißen der Knistertüte, das sachte „Plöpp“ und „Plipp“ und „Plonk“ der auf mich, das Sofa und den Boden regnenden Lakritzkätzchen ohne tierischen Schmockes. Herrlich! Ich glotze wie Patrick der Seestern auf das klaffende Loch in der bunten, liebevoll gestalteten Verpackung in Tütenform.


Während ich so meine Gedanken zum Konsum schweifen lasse, versuche ich, eine Tüte Lakritzkätzchen zu öffnen
© Devanath/pixabay

Und in meinem Verbraucherhirn wie vor meinem Verbraucherauge setzt sich gerade ein `Tilt` fest, so wie im Flipperautomaten, wenn sich die Kugel an einer Stelle festgerollt hat, oder besser, an einer unmöglichen Abzweigung in der Spielfläche des Gerätes angedockt hat. Denn, was sehe ich? Einen halbtransparenten Aufkleber mit der Aufschrift „wiederverschließbar“.

Ein Glücksgefühl durchströmt mich: Diese knisternde Herberge für meine Süßholzjieperlinge ist trotz meiner ungeschickten Öffnung derselben noch nicht verloren, nein, denn sie ist WIEDERVERSCHLIESSBAR! Genau so wie die Verpackungen von getrockneten Hülsenfrüchten und Kaffeepulver. Was macht es für eine Gaudi, wenn man nach vielem „Ächz“ und „Fluch“ die Kaffeepackung dann doch mit der Schere öffnen muss (Verkaufsargument: “Neu! Hier ganz einfach auseinanderziehen und nicht mehr so eine verkackte Sauerei wie früher in der Küche anrichten“), die kaffeemehlbestäubte Aluhülle mit einem fimschigen Aufkleber wieder verschließen zu wollen, der weder die Grand Canyon-große Schneise bedecken kann, noch es schafft, seine adhäsiven Kräfte auf der koffeinbekörnten Fläche wirken lassen zu können!



Doppel Axel
Sandra Windges (Autor)
Doppel Axel
Ilsa Eul ist freie Journalistin und Möchtegern-Buchautorin mit gebrochenem Herzen, leicht chaotisch und vordergründig nicht sehr erfolgreich im Leben. Stattdessen hat sie gern mal einen Fettnapf dabei. Vor allem, wenn sie laut denkt.
Ihr Chef, genannt "der Hyäne", schickt sie nach Hamburg. Dort soll sie für einen Reiseartikel recherchieren. Das tut sie auch. Nebenher lernt sie ihren heimlichen Schwarm, den Schauspieler Axel Wegner kennen. Hutträger und zehn Jahre älter als Ilsa. Und sehr charmant. Prompt verliebt sie sich in ihn. Und er sich in sie. Aber leider ist er verheiratet. Ilsas Ex-Freund Axel Rosen aus ihrer alten Heimat Korschenbroich taucht ebenfalls unerwartet in Hamburg auf. Seinerzeit hat er sie wegen einer anderen Frau verlassen. Nun liegt sein (Liebes-)Leben in Scherben und er will Ilsa zurückerobern. Dabei kommt er total ungelegen. Oder? Ein Hin und Her und Auf und Ab der Emotionen beginnt, und Ilsa weiß nicht mehr, wo ihr der Kopf steht. Dazu will sie ja so ganz nebenbei noch Karriere machen.
Weitere Protagonisten in Ilsas unaufgeräumtem Leben: ihre geliebte Oma, Kaii Komikaa, ein alternder Deutschrocker, der charmante Halbitaliener Cosimo und ihre Freundin Nina, genannt Schnucki, die einen Zyklopen kennen- und liebenlernt und damit Ilsas Weltbild ins Wanken bringt. Auch ein strahlend weißes, etwas schräges Ehepaar in spe, ein wildgewordener Osmane, eine liebeskranke Boulevard-Journalistin, ein vermeintlich tauber Hund und potenzielle Ersatzeltern nebst Bruder sowie plötzlich auftretendes Nasenbluten spielen eine Rolle in Ilsas Leben.
Doch eine Frage muss sie sich ganz alleine beantworten: Welcher Mann bekommt die Hauptrolle in ihrem Herzen?



Dennoch versprechen sich die Werbetreibenden von diesem Aufkleber viel und auf jeden Fall mehr, als der gebeutelte Käufer sich verspricht. Es könnte aber auch sein, dass der Konsument dem Produzenten vertraut und bei jedem Einkauf aufs Neue hofft, so, wie Wähler darauf vertrauen, was die Parteien versprechen, und so, wie Datingplattform-User darauf vertrauen, dass diese Zuschrift und dieses hübsche Foto nun endlich und wahrhaftig ihr Leben ändern werden. Zum Guten natürlich. Strich ich früher achtlos an trockenen, unattraktiven weißen Bohnen in halber Bückhöhe vorbei, so nimmt mich jetzt der Aufkleber „wiederverschließbar“ für die blähenden Hülsenfrüchte ein und ich lege sie fast zärtlich in meinen metallenen Einkaufswagen, der, nebenbei bemerkt, keine Ausziehvorrichtung mehr für Getränkekästen bereithält. Dafür darf ich das Obst selbst abwiegen und mich an der Kasse im Jonglieren üben, denn die Auffangschalen für die gerade in meinen Besitz übergegangenen Waren existieren nur noch im Miniformat oder gleich gar nicht mehr.


Beweise uns, dass du kein Roboter bist
© julianamalta/unsplash
Dieser Funfact ist der Rausschmeißer in den Lebensmittelmärkten mit inkludiertem Non-Food-Bereich. Es ficht mich nicht mehr an, denn ich habe etwas Wiederverschließbares. Ich habe Hoffnung. Ich habe Struktur im Vorratsschrank. Und das Geilste ist, dass es mir auch in anderen Bereichen des modernen Lebens kommod gemacht wird: „Ganz bequem von zuhause aus“ kann ich meine Bankgeschäfte erledigen. Ich kann ganz bequem Urlaube buchen, Waren shoppen, Porto kaufen und so vieles mehr.

Wenn ich denn Geduld und die entsprechende Brillenglasschärfe für diese verschwommenen und absurden „Beweise uns, dass du kein Roboter bist“-Ausfüllfelderchen habe. Ein netter Nebeneffekt bei all dem ist, dass ich dadurch Jobs erledige, die früher andere Menschen ausübten, die dafür Geld bekamen. Das nehme ich wahr, sobald ich das passende TAN-Gerät oder andere nötige Dinge habe. Als für Bequemlichkeit bekannte Person hacke ich gerne etwas in meinen Laptop hinein, um dann dafür etwas von meiner To-do-Liste abhaken zu können. Trotzdem verzweifle ich an elektronischen Telefonrechnungen, die ich nicht einsehen kann wegen falscher PIN, vergessenem Passwort und was-weiß-ich, mies besetzten Callcentern, neuen Apps, neuen AGB, nicht schmeckenden Cookies und dem ganzen Zinnober, der mein Leben doch erleichtern soll.

Mein Leben, oder doch das der Bankenbetreiber, Verkäufer, Produzenten, Mobilfunkanbieter …?

Versonnen sitze ich inmitten der verstreuten Lakritzfelidae auf dem Boden und wickle verträumt den Aufkleber, der mir die Wiederverschließbarkeit verspricht, um den Zeigefinger. Vielleicht werde ich das Produkt im Internet bewerten.

Ganz bequem von zuhause aus.


Sandra Windges über Sandra Windges

Sandra Windges
© Sandra Windges
Ich bin Eremit und Rampensau in einer Person.

Geboren 1968, Sternzeichen Zwilling, Aszendent Löwe.

Eine Tochter, 16 Jahre, das größte Geschenk meines Lebens.

Glücklich getrennt und glücklich wieder liiert.

Werdegang: Schule, Fachabi auf Umwegen, Studium, Weiterbildung im Marketing, diverse Jobs.

Nach einer längeren Krankheit Neuorientierung, Weiterbildung DaF (Deutsch als Fremdsprache). Seit 2010 Dozentin in der Erwachsenenbildung.

Ich wollte immer schon schreiben, irgendwann- es muss so 2009 gewesen sein- habe ich einfach angefangen. Mein Roman „Doppel Axel“ erblickte das Licht der Welt 2016. Ein Adventskalender in 24 Kapiteln (Nikolaus ist futsch) folgte 2018, jetzt erscheint der zweite Teil (Knusperknäuschen Nikoläuschen).


Außerdem gibt es regelmäßig Gedanken zum und aus dem Leben auf meiner Website:

www.sandrawindgesschreibt.de und bei Facebook.



Das Lesen hat mich oft gerettet, das Schreiben ist meine Leidenschaft und mein Vergnügen und gibt mir immer neue Ziele vor.


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