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Eine Frage der Moral


von Uwe Bjorck


Zuerst möchte ich alle Leserinnen und Leser dieses Textes darauf vorbereiten, dass es hier um diskriminierende und verletzende Sprache geht. Es ist mir also nicht möglich, auf diskriminierende und verletzende Zitate und Begriffe zu verzichten.

Wir leben in einer Zeit, in der rechte Bewegungen und Parteien immer stärker werden. Und mit ihnen drängt sich uns auch ihr menschenverachtendes Gedankengut auf, dass eine nicht weniger menschenverachtende Sprache mit sich führt.

Aus Flüchtlingen werden Asylinvasoren und Rapefugees. Es wird von Umvolkung gesprochen und Deutschland zu einer Moslem-Müllhalde umbenannt. Vertreter demokratischer Parteien werden kurzerhand zu Volksverrätern und die Parteien selbst zu Wucherungen am deutschen Volkskörper, deren Mitglieder krank im Geschlecht und im Geiste seien. Kranke Wesen also, die man jagen oder entsorgen sollte. Der Schuldkult um den Holocaust sollte beendet werden und das Adjektiv völkisch möge doch bitte wieder positiv besetzt werden.

Sehr viele von uns sind sich wohl darüber einig, dass wir es hier mit einer bewussten Verrohung zu tun haben. Vor allem, wenn uns diese Verrohung im Netz anonym gepostet begegnet, besteht großer Konsens darüber, dass sie bekämpft werden müsste.

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Vor allem, wenn uns diese Verrohung im Netz anonym gepostet begegnet, besteht großer Konsens darüber, dass sie bekämpft werden müsste.
© austindistel/unsplash
Eine Frage der Moral
© gn0me/unsplash


Aber wie erklären sich die üblichen Reaktionen, wenn es darum geht, der Gewalt und Diskriminierung im „normalen“ Sprachgebrauch entgegenzuwirken? Hier gibt es einen merkwürdigen Gegensatz. Der Negerkuss möchte doch bitte beibehalten werden. Auch die Kolonialwaren sind in Ordnung und kein kulturelles Erbe sollte verletzt werden. Ganz wichtig scheint dies auch bei Kinderbüchern zu sein. Oder bei allem, was mit dem Wohl unserer deutschen Kinder zu tun haben könnte.

Als Otfried Preußler bei der Neuauflage seines Kinderbuchs „Die kleine Hexe“ auf eigenen Wunsch aus den zwei kostümierten Negerlein zwei ethnisch unbestimmte Messerwerfer machte, sah das deutsche Feuilleton darin einen „Rotstift der Political Correctness“, dem unser „kulturelles Erbe zum Opfer falle“. Manche spitzten es sogar auf eine „orwellsche Auslöschung unserer Vergangenheit“ zu. Und dabei handelte es sich keineswegs um einen rechtspolitischen Feuilleton.

Nicht anders waren die Reaktionen bei der Überarbeitung der Pippi-Langstrumpf-Bücher, als aus ihrem Vater ein Südseekönig wurde, um nicht mehr als Negerkönig durch die Literaturgeschichte zu segeln.

Und noch immer gibt es solche Reaktionen, wenn Mohrenapotheken umbenannt werden oder an Autobahngaststätten Paprikaschnitzel statt Zigeunerschnitzel verkauft werden. Ist das Zigeunerschnitzel auch ein unantastbares kulturelles Erbe?

Selbst die Änderung unserer StVO, in der nun nicht mehr von Fußgängern, sondern von Fuß Gehenden die Rede ist und es nicht mehr heißt, dass Radfahrer hintereinander fahren müssen, sondern „Mit Fahrrädern muss einzeln hintereinander gefahren werden“ rufen eine Kulturerhaltungspolizei hervor.

Den Verantwortlich wird politisch korrekte „Sprachverhunzung“ vorgeworfen. Sie seien sogar von einem „Gender-Wahnsinn“ befallen.

Wenn die Grünen Personenbezeichnungen in Anträgen nur noch mit Gender-Sternchen schreiben, wenn in der österreichischen Nationalhymne nicht mehr die „Heimat großer Söhne“, sondern die „Heimat großer Söhne und Töchter“ besungen wird oder wenn der Vorsitzende der Linken in Nordrhein-Westfalen lediglich darüber nachdenkt, aus dem Martins-Umzug ein Sonne-Mond-und-Sterne-Fest zu machen, steht für viele Menschen derart die Welt auf dem Kopf, als befürchten sie, herunterzufallen. Und doch ist die Erde keine Scheibe. Auch diese Behauptung musste sich im Laufe der Zeit erst einmal verabschieden.

Aber wo ist denn nun der Verfall abendländischer Traditionen? Wo ist die „Anbiederung“, wo die „Unterwerfung“? Wie erklärt sich die Heftigkeit dieser Reaktionen?

Warum war es kein Kulturschock, als die Knickerbocker-Bande von Thomas Brezina plötzlich nicht mehr mit Walkman, sondern mit MP3-Playern durch die Straßen streifte? War das keine Auslöschung technischen Kulturguts in orwellschem Ausmaß? Warum war es kein Kulturschock, als die 5 Freunde in den Geschichten von Enid Blyton plötzlich nicht mehr auf Nazis trafen, sondern lediglich auf eine Schmugglerbande?

Warum gab es keine Proteste, als das „Ellwanger Frühlingsfest“ in „Ellwanger Volksfest“ umbenannt wurde, obwohl es sich seit Generationen um ein Frühlingsfest handelte?

Als ein Scherzbold die Nachricht verbreitete, dass der Dresdener Weihnachtsmarkt in „Striezelmarkt“ umbenannt werden soll, war die Empörung gewaltig. Und kaum jemand bemerkte, dass dieser Markt in Dresden schon seit dem 15. Jahrhundert Striezelmarkt heißt.


Und kaum jemand bemerkte, dass dieser Markt in Dresden schon seit dem 15. Jahrhundert Striezelmarkt heißt.
© aleksandra85foto/pixabay

Der Vorwurf der politischen Korrektheit ergibt sich also weniger aus einer informierten Sorge um Traditionen. Es handelt sich eher um ein dumpfes Gefühl, es würde auf eine Gruppe Rücksicht genommen werden, die diese Rücksicht nicht verdient. Andere Kritikerinnen der politischen Korrektheit sehen gleich die ganze deutsche Sprache in Gefahr. Sie sagen, die Sprache dürfe sich nur aus sich selbst heraus entwickeln und würde unweigerlich zerstört werden, wenn man von außen manipulierend auf sie eindringe. Nun gehören aber Ausdrücke wie „zu Fuß Gehende“, „Wintermarkt“ oder auch „Paprikaschnitzel“ zu den sehr alten Ausdrücken, wohingegen Laptop oder Smartphone zu den neueren Lehnwörtern gehören, die kaum Kritiker einer politisch korrekten Sprache durch Klapprechner oder Intellifon ersetzt wissen wollen. Und wer etymologisch korrekt sein möchte, sollte auch kein Zigeunerschnitzel bestellen, sondern ein kleines von einem Zigeuner abgeschnittenes Fleischstückchen. (Eine Frage nebenbei: Was ist eigentlich ein Zigeuner?)


Eine Frage der Moral Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen (Duden-Streitschrift)
Anatol Stefanowitsch (Autor)
Eine Frage der Moral
Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen (Duden-Streitschrift)



Und wie ist es noch einmal mit dem generativen Maskulinum, jener Grammatik, die Frauen aus unserer Sprache verbannt? Hat der sich aus sich heraus selbst entwickelt, oder handelte es sich nicht doch eher um ein Dekret, dem sich zum Beispiel die Gebrüder Grimm zur Wehr setzten?
Ist es dann nicht vielleicht so, dass es sich bei dem Wunsch unbedingt den Status Quo zu erhalten, um längst überwunden geglaubten kaiserlichen Gehorsam handelt?


Ist es dann nicht vielleicht so, dass es sich bei dem Wunsch unbedingt den Status Quo zu erhalten, um längst überwunden geglaubten kaiserlichen Gehorsam handelt?
© daiga_ellaby/unsplash


Ich gebe zu, dass politische Korrektheit ein wirklich schwieriges Thema ist. So schwierig, dass wir nicht allein mit Reflexen reagieren sollten. Dies fördert nur die menschenverachtende Entwicklung von überwiegend politisch rechter Seite.


Und stimmen wir in vielen Fällen nicht auch einer politischen Korrektheit zu?

Ich bin absolut dafür, einen Schwangerschaftsabbruch nicht unter Strafe zu stellen. Und trotzdem weiß ich, dass die Diskussion darüber nicht zu Ende geführt wurde. Für mich ist es politisch korrekt.

Ebenso ist für mich die gleichgeschlechtliche Ehe politisch absolut korrekt, auch wenn hierzu nicht alles bis zum Ende ausdiskutiert wurde.

Vor allem finde ich dies alles aus menschlicher Sicht richtig. Und ich kann mich nicht gegen meine Menschlichkeit entscheiden, auch dann nicht, wenn ihr politische Korrektheit vorgeworfen wurde.

Meine Buchempfehlung: „Eine Frage der Moral“ von Anatol Stefanowitsch im DUDEN-Verlag.



Uwe Koch
© Uwe Koch
Uwe Bjorck
ist Landesvorsitzender bei Bündnis Grundeinkommen
 
www.buendnis-grundeinkommen.de

Wenn Sie Kontakt zum BGE-Bremen-Parteivorstand aufnehmen wollen:

uwe.bjorck@buendnis-grundeinkommen.de





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