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vom Ende der Vielfalt



„Einst hatte ich einen schönen Traum:
Da sah ich einen Apfelbaum,
Zwei schöne Äpfel glänzten dran;
Sie reizten mich, ich stieg hinan.

Der Äpfelchen begehrt Ihr sehr,
Und schon vom Paradiese her.
Von Freuden fühl ich mich bewegt,
Daß auch mein Garten solche trägt.“


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Das hat der, von der ewigen Weiblichkeit dauerberauschte Johann Wolfgang von Goethe seinen Faust in der Walpurgisnacht daherreimen lassen. Die Analogien von Äpfeln zur weiblichen Brust waren zu allen Zeiten inflationär. Als Symbol von Mutter Erde wurde der Apfel allenthalben den Göttinnen der Liebe, Sexualität und der Fruchtbarkeit zugeordnet. Der Apfel stand zudem für Erkenntnis, für die Entscheidung zum freien Willen und stellvertretend in der christlichen Ikonografie für das sehr breit angelegte Sujet von Sünde und Erlösung. Er fand nicht zuletzt dadurch in die Kunst aller Epochen und vieler Kulturkreise.

Die Entwicklungskurve des Kulturapfels „malus domestica“ aus der Familie der Rosengewächse selbst, bietet aus den vergangenen hundertfünfzig Jahren noch ganz andere Vergleichsmöglichkeiten. Weniger lustvoll, weniger spirituell, dafür aber ganzheitlicher, breitengriffig und dabei kaum weniger bildhaft.

Apfelbaum pixel2013/pixabay 63
© pixel2013/pixabay

Knapp fünfzig Jahre nachdem der geheime Legationsrat Goethe von seinem Recht auf Ableben Gebrauch machte, waren weltweit noch mehr als unglaubliche 20.000 Apfelsorten in Kultur. Allein in Preußen waren es mehr als zweitausenddreihundert Sorten.

Mit dem Beginn der Industrialisierung förderte und motivierte die Politik eine große Variationsbreite in Zucht und Anbau von Obst zur Unterhaltung der neuen, stark expandierenden Ballungsgebiete. Die ausgesprochene Sortenvielfalt wurde der Nachwelt in Myriaden von Fachtiteln ernsthafter Obstbauliteratur dokumentiert und die Expertise darum in spezialisierten Expertenkreisen, den sogenannten Pomologenvereinen, angehäuft und weitergereicht.

Als kleiner Exkurs sei erwähnt, dass es sich bei dem ältesten bekannten Kulturapfels wahrscheinlich um den „Borsdorfer“ handelt. Der hatte schon zur Mitte des zwölften Jahrhunderts den Zisterziensermönchen geschmeckt und fand von daher namentliche Erwähnung.

Erfasst sind in Deutschland heute gerade noch um die tausendfünfhundert Sorten, aus denen kaum fünfzig oder vielleicht auch sechzig wirtschaftlich erwähnenswert wären. Im Fachhandel werden derzeit nicht einmal mehr vierzig Sorten angeboten. Und der Trend weist weiter nach unten.

Gewöhnliche Supermärkte haben inzwischen nicht mehr als fünf oder sechs globale Apfelsorten im Programm. Und mit der Diversität schwindet die Qualität. Neu dazugekommen sind die sogenannten Markenäpfel oder „Clubsorten“. Die heissen jetzt zum Beispiel „Pink Lady“, „Kiku“, „Rubens“, „Kanzi“, „Jazz“, „Diwa“ oder „Junami“ und dürfen nur noch in Lizenz verkauft werden. Die Vergemaisierung der Obst- und Gemüseabteilung: Wahnsinn im Quadrat.

In ganz Europa stehen heute ganze drei Sorten für fast siebzig Prozent des gesamten Apfelmarktes: „Golden Delicious“, „Jonagold“ und „Red Delicious“. Das kann nicht gut sein.

Diese Entwicklung ist eine eindringliche Analogie für den erschreckenden Verlust von Vielfalt im Allgemeinen. In Meinung wie Haltung. Und von Mehrdeutigkeiten. Der habilitierte Germanist und Islamwissenschaftler Thomas Bauer spricht in seiner gleichnamigen Veröffentlichung von einer zunehmenden „Vereindeutigung der Welt“. Gemeint ist die fortdauernde Minderung von Diversität und die konsequente Dezimierung des Unangepassten zu Gunsten einer vermeintlich politisch korrekten Einheitsglaubwürdigkeit. Einer vorgeblichen Authentizität als billiges Kampagnenmotiv einer Blabla-Wahrheit, die ihr Gewicht durch ihren ständigen, mantrahaften Vortrag erfährt, durch die ständige, gebetstrommelartige Wiederholung und nicht durch echte Inhalte. Und das unabhängig der politischen Couleur. Das „Was“ weicht dem „Wie“ und die teure Bedeutungsvielfalt scheitert an stumpfer „Vereindeutigung“. Diese Entwicklung hat Konsequenzen. Besser, man macht sich regelmäßig ein eigenes Bild, steigt aus der Schublade und verlässt immer mal wieder die Echokammer für einen Blick über den Tellerrand. Schaden kann das kaum.

© 2018 Bruno Schulz


Bruno Schulz
© www.brunoschulz.de
Die BRIGITTE schreibt: “Bruno Schulz ist zweiundfünfzig Jahre alt und Vater eines Sohnes. Er hat Innenarchitektur studiert und einiges Geisteswissenschaftliche. Nach einigen Stationen in Deutschland, Europa, in Asien und in Afrika arbeitet er als Designer, Texter und Moderator. Mit seiner Agentur schulzundtebbe (www.schulzundtebbe.de) entwickelt und pflegt er Marken. Er liebt und lebt das Storytelling und schreibt immer und leidenschaftlich, ob Essays, Short Stories oder Reiseberichte. Oft geht es dabei um die Liebe, das Leben, Genuß und Kultur. Und um Frauen, natürlich.

www.brunoschulz.de
www.facebook.com/derbrunoschulz

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