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Den Schleier zerreissen



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von Dr. Ralph SKUBAN


Ein moderner Mensch verbringt sein Leben schlafend. Schlafend wird er geboren, und schlafend stirbt er.

Georges I. Gurdjieff (1866–1949), russischer Mystiker


Vom Schlafen & Träumen

Das schöne Bild des Schleiers verweist auf ein grundlegendes Problem unseres Seins: dass wir nämlich nicht wirklich wissen, wer wir sind. Ein anderes Bild dafür ist der Schlaf. »Wann willst du endlich erwachen?«, fragte der indische Mystiker Kabir (1440–1518). Und Buddha, »der Erwachte«, führt diese Idee sogar in seinem Namen. Der russische Weisheitslehrer Georges Gurdjieff verglich den Zustand der Menschen mit Maschinen: vollkommen unbewusst, schlafend, bestenfalls träumend. »Alles im Menschen«, so seine radikale Analyse, sei »vollständig mechanisch«.


Alle spirituellen Traditionen der Menschheit stellen den Schlaf, den Irrtum, die Nicht–Bewusstheit – oder eben den Schleier, der die Wirklichkeit vor uns verbirgt – an ihren Anfangspunkt. Das ist nur logisch, denn wüssten wir, wer wir sind oder wohin die Reise geht, dann würden wir gar nicht erst zu suchen beginnen, uns nicht auf einen spirituellen, meditativen oder Selbst-Erforschungs-Weg begeben. Mit anderen Worten: Gäbe es Maya, den Schleier, nicht, der uns mit Avidya, der spirituellen Blindheit umgibt, dann gäbe es auch keine einzige spirituelle Tradition auf der Welt. Religion und spirituelle Praxis sind der äußere Ausdruck des unsichtbaren Schleiers: die Reaktion des Menschen auf Lila, jenes »kosmische Spiel«, das uns die Illusion vorgaukelt, wir seien von der Ganzheit des Lebens getrennt. Alles, was wir sehen, hören, schmecken, riechen und berühren können, ist Teil dieses Schleiers, den wir für die Wirklichkeit halten, nicht aber als Illusion erkennen. Es ist paradox: Weil wir in der Bilderflut ertrinken, die der Schleier erzeugt – besser: die er selber IST – bleibt der Schleier selbst letztlich unerkannt.



Das Fühlen des Schleiers

Und wie ist es dann möglich, mag man fragen, dass wir auf etwas reagieren, das wir gar nicht erkennen? Ganz einfach: Wir spüren den Schleier: als Sehnen. Als ein Gefühl, dass wir nicht vollständig sind, dass etwas fehlt im Leben oder nicht stimmt mit dieser Welt. Zu viel Schmerz und zu wenig Glück: So könnten wir das Fühlen des Schleiers auch auf die Formel bringen. Das Spüren führt zu einem Wollen, nämlich einem Ausbrechen-Wollen. Also beginnen wir zu suchen, gehen wir auf die Reise, wie so viele vor uns schon, und suchen die Wirklichkeit jenseits des Schleiers – da muss sie liegen!

»Reise« ist in diesem Zusammenhang freilich ein problematisches Wort, deutet es doch an, dass wir einen Weg gehen müssten, der zu einem anderen und besseren Ort als hier oder in eine neue und schönere Zeit als jetzt führen würde. Doch dem spirituellen Weg geht es nicht um Irgendwo und Irgendwann, sondern immer genau um Hier und Jetzt. So einfach. So ernüchternd. Mehr Schwert als Trost bisweilen. Und so schwer zu leben: Denn um wirklich ins Hier-Jetzt einzutreten – die einzige Raum-Zeit und der einzige Zeit-Raum, den ich je erleben kann – muss ich zunächst zu mir selber kommen. Und diese beiden Ideen, das Hier-Jetzt und das Zu-sich-selber-Kommen sind im Kern zwei Worte für das Gleiche Phänomen: Das Zerreißen des Schleiers.

So problematisch es ist: Das Bild der Reise passt dennoch irgendwie, denn kaum einer von uns schafft es, von Jetz-auf-Gleich zu sich selber zu kommen und in die Ewigkeit des Hier–Jetzt einzutauchen: Für fast alle ist das verbunden mit Bemühung, mit Reibung und Schmerz, mit dem Auf und Ab der Gefühle, mit freudvollem Hoffen und schmerzvollem Sehnen, mit Phasen großer Klarheit und Inspiration, sowie mit manchem Tal der Tränen. »Erleuchtung«, das Heben oder Wegziehen des Schleiers, vollzieht sich bei den meisten viel eher als ein Entfaltungsprozess, als allmähliches Aufklaren. Damit ist auch das Phänomen verbunden, das uns die bislang als real wahrgenommene Welt zunehmend surreal – um nicht zu sagen: wahnsinnig – erscheinen mag. Genau das, denke ich, meinte Jesus, als er zu seinen Schülern sagte:

»Lass den Suchenden nicht aufhören zu suchen, bis er findet. Wenn er findet, wird er verwirrt sein. Wenn er verwirrt ist, wird er sich wundern, und er wird herrschen über das All.«

Ein Gedanken-Experiment

Doch machen wir es nun konkreter und gehen einmal der Frage nach, wer wir wirklich sind (oder meinen zu sein). Machen wir ein Experiment zur Selbsterforschung. Es ist ein denkbar einfaches Gedanken-Experiment, das zugleich verstörend ist in seinen Folgerungen, ein Experiment, für das wir nichts brauchen, außer ein paar Minuten Ruhe, vielleicht ein Blatt Papier und einen Stift. Fragen wir uns ganz simpel: Wer bin ich? Und schreiben wir alle Antworten dazu auf, die uns spontan einfallen, alles das, was wir meinen zu sein, wozu auch all das gehört, was zu uns gehört, das also, was wir zu haben meinen, einschließlich all der Eigenschaften, die wir uns selber zuschreiben. Denn unser Sein zu beschreiben, läuft immer auch darauf hinaus, unser Haben zu benennen. Schreiben wir es auf: Mein Körper: Ist er gesund und unversehrt, oder habe ich ein Handicap? Welches? Name, Geschlecht, Geburtsdatum, Beruf. Wo wohne ich? Lebenspartner, Kinder, Religions- und Staatszugehörigkeit. Wer sind meine Freunde? Was besitze ich? Geld, Wohnung, Haus, Garten, Auto, Boot? Welche Meinungen machen mich aus, wie denke ich über dieses und jenes, richtig und falsch? Politische Zugehörigkeit? Was ist mit meiner Geschichte und meinen Geschichten, den vielen Erinnerungen meines Lebens? Was ist wichtig in meiner Biographie und macht mich zu dem, der ich bin oder glaube, zu sein? Da kommt schnell eine ordentliche Liste zusammen! All die Bruchstücke und Facetten, das Bündel an Eigenschaften und Zuschreibungen, die mich in ihrer Gesamtheit zu dem machen, das wir als unsere Person definieren.

Sehen wir uns dieses Sammelsurium – die Legion, die wir sind! – nun an und fragen: Was davon kann ich weglassen und noch sagen, dass der Rest davon immer noch ich bin? Was von diesen Dingen macht mich also essenziell aus? Was macht mich zu der Person, die ich bin? Und was machte mich als Kind zum Kind? Wenn ich damals eine andere Person mit ganz anderen Eigenschaften war, wann starb dann diese Person, die ich einmal war? Das läuft sehr schnell auf eine noch viel grundlegendere Frage hinaus – die Frage aller Fragen:

Was in dieser Liste ist unveränderlich?

Streichen wir nun alle Elemente, die veränderlich sind, und all jenes, dass uns verzichtbar erscheint, weil es nicht den Kern unseres Seins zu beschreiben vermag. Was davon ist dauernd, unveränderlich und konstant? Was ist mein absolutes Wesen, ohne das ich nicht mehr ich bin? Wenn die »Streichorgie« auf der Liste zum Körper kommt, frage man sich dieses: Was an meinem Körper ist das, was diesen Körper zu meinem Ich macht? Was an meinem Körper kann man wegnehmen – einen Arm, ein Bein, beide Arme, beide Beine usw. – und zum Rest immer noch sagen: »Ich bin ich«? Wer sich seine Liste gewissenhaft ansieht, blickt am Ende auf ein Blatt Papier, auf dem sich nichts mehr befindet als Durchgestrichenes, also: Nichts. Bin ich also nichts?

Doch ich weiß doch, dass ich bin, weil ich spüre, dass ich bin. Das ist evident und bedarf keines weiteren Beweises. So muss ich also etwas anderes sein als das, von dem ich bisher dachte, dass ich sei – jenes Etwas, das mein Sehnen auslöst, wissen zu wollen, wer ich wirklich bin.

So einfach im Grunde. All dies beschriebene Papier ist bloß Maya, die Täuschung oder Lila, das Spiel, der Film meines Lebens, der zugleich der Schleier ist, den es zu zerreißen gilt. Denn ich bin nicht dies und nicht jenes, sondern das unsagbare Das, welches alledem zugrunde liegt, jenes Das, welches alle spirituellen Wege suchen – und viele haben es gefunden. Nur Poesie noch kann es beschreiben. Kabir sagt:

»Die Bilder sind alle leblos, sie können nicht sprechen. Ich weiß das, denn ich habe sie laut angerufen. Die Puranas und der Koran sind nur Worte. Weil ich den Vorhang hob, hab ich es gesehen.«

Zum Schluss: Die wichtigste Frage, die wir uns im Leben stellen können, um den Schleier zu heben – vor allem in der Meditation ist das sehr spannend – ist für Ramana Maharshi (1879–1950), den Weisen vom indischen Berge Arunachala: »Wer bin ich?« Welche Frage auch könnte einfacher, klarer und wichtiger sein? Und wer die Antwort erfährt, erlangt, was Jesus verspricht: Er wird den Tod nicht schmecken.


Dr. Ralph Skuban
© www.skuban.de
Dr. Ralph Skuban ist promovierter Sozialwissenschaftler und Buchautor. Er leitete über zwei Jahrzehnte lang eine Einrichtung für Demenzkranke. Die intensiven Begegnungen mit Alter und Krankheit, dem zerfallenden Geist und dem Tod des Menschen führten ihn zur Mystik des Ostens, insbesondere zur Philosophie und Praxis des Yoga. Er publiziert Bücher und hält Seminare zu Themen der spirituellen Philosophie. Er begleitet regelmäßig Teacher-Trainings und gründete kürzlich zusammen mit seiner Frau eine eigene Yogaschule. Seine Übertragungen und Kommentare wichtiger spiritueller Grundlagenwerke gehören mittlerweise zur Standardliteratur in vielen Yogalehrer-Ausbildungen.

Ralph Skuban lebt in der Nähe von München.
www.skuban.de, www.kaivalya-yoga.de




Dr. Ralph Skuban: Patanjalis Yogasutra
© www.skuban.de
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Patanjalis Yogasutra
Der Königsweg zu einem weisen Leben
- Das Grundlagenwerk zum Yogasutra -


Yoga heißt Verbindung oder Einheit und ist ein Wort für Weg und Ziel zugleich: Als Ziel steht es für den Bewusstseinszustand des Zu-Sich-Selbst-Gekommen-Seins, für den es viele Namen gibt: Befreiung, Nirvana, Himmelreich, Selbstverwirklichung, innerer Friede, Stille, Erleuchtung – und viele andere noch.


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