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Tu was Du tun musst, doch tu es für mich


Der Yoga der Selbstlosigkeit in der Bhagavad Gita
Alle Wege führen zu mir – Krishna

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Die heilige Schrift Indiens

Die Bhagavad Gita wird von Menschen aller spirituellen Strömungen Indiens in Ehren gehalten. Es ist kein sehr langer Text. Mit gerade einmal 700 Strophen ist die Gita, wie man dies Buch auch liebevoll nennt, ein nur sehr kleiner Ausschnitt eines riesigen Epos’ mit Namen Mahabharata, der etwa 100.000 Verse auf die Waage bringt – das ist ungefähr 8 mal so viel wie die Ilias und Odyssee zusammen genommen. Die kleine Gita ist der spirituelle Kern dieses großen Werkes.

von Dr. Ralph Skuban

»Ich will nicht kämpfen«– Die Krise als Ausgangspunkt der inneren Suche
Die Bhagavad Gita ist ein spirituell-philosophisches Lehrgespräch in einer Situation, die krisenhafter nicht sein könnte. Arjuna, ein begnadeter Bogenschütze, steht am Vorabend eines verheerenden Bürgerkrieges. Als tapferer Krieger ist er es gewohnt, gefährliche Schlachten zu schlagen. Doch in diesen Krieg will er nicht ziehen, denn in den Reihen des Feindes stehen frühere Freunde und Lehrer, Verwandte sogar, Menschen, die er einmal ehrte, schätzte und liebte. »Ich werde nicht kämpfen!« sagt Arjuna und sinkt in seinem Streitwagen nieder. Der Krieger ist verzweifelt und mutlos. Er weiß das auch zu artikulieren und sagt sehr klar, welch zerstörerische Wirkungen ein Krieg wie dieser haben muss. Doch die Lage ist ausweglos und die gewaltsame Auseinandersetzung nicht mehr zu vermeiden, alle diplomatischen Möglichkeiten ausgeschöpft.

Krishna sarangib/pixabay 29
© sarangib/pixabay

Auf seinem Streitwagen begleitet ihn Krishna, sein treuer Freund und Berater. Im Laufe des Gespräches wird Arjuna eine tiefe Erfahrung machen und erkennen, wer da eigentlich mit ihm auf dem Wagen sitzt. Krishna gibt sich als eine Inkarnation Vishnus zu erkennen, jenes Aspektes des Höchsten, der für die Entwicklung und Erhaltung des Kosmos steht. Krishna ist, wenn man so will, Mensch gewordener Gott. In der krisenhaftesten Situation seines Lebens also begegnet Arjuna dem Höchsten und erkennt, dass das Höchste oder Brahman, wie man es in Indien nennt, in ihm selber lebendig ist. »Ich bin die Quelle des Seins«, lehrt Krishna ihn, »alles kommt aus mir«.
Die Krise ist der klassische Ausgangspunkt spirituellen Suchens nach Sinn und Ziel des Lebens. Auch Buddhas Suche begann mit einer persönlichen Krise: Als er sich eines Tages heimlich aus dem Palast aufmachte, um die »Welt da draußen«zu erkunden, sah er alte, kranke und sterbende Menschen. Die persönliche Begegnung mit Alter, Krankheit und Tod – die Energie dieses krisenhafte Momentes – wurde zum Treibstoff, der ihn zur Erleuchtung führte. Die Krise – oder die prinzipiellen Leibhaftigkeit, die dem Sein innewohnt – ist oft der Startpunkt für einen spirituellen Weg.


"Steh auf und kämpfe!"

Viele Menschen, die sich zum ersten Mal mit der Bhagavad Gita beschäftigen, sind erstaunt oder sogar erschrocken darüber, dass Krishnas Empfehlung an Arjuna nicht etwa lautet, Bogen und Pfeile fortzuwerfen und sich dem brutalen Gemetzel zu entziehen, weil Gewalt und Spiritualität nicht recht zusammenpassen wollen. Vielmehr fordert Krishna seinen Schüler offensiv auf, mit aller Kraft in die Schlacht zu gehen und zu tun, was ohnehin unvermeidlich ist. »Steh auf, Arjuna, kämpfe!« sagt Krishna zu Arjuna. Und weiter: »Für einen Krieger gibt es nichts Besseres, als einen gerechten Krieg zu kämpfen!«
Große spirituelle Texte sind in der Lage, auf mehreren Ebenen gleichzeitig zu sprechen und die Menschen da abzuholen, wo sie auf ihrem persönlichen Entwicklungsweg stehen. Wenn wir das Setting der Gita wörtlich nehmen, mag hier tatsächlich die Frage im Raum stehen, ob es einen gerechten Krieg geben kann und darf - eine Frage übrigens, der Menschen sich immer wieder aufs Neue stellen müssen, auch und gerade in jüngster Zeit, wo wir mit gewaltbereitem religiösen Fundamentalismus konfrontiert werden.
Die Gita spricht natürlich auch auf tieferen Ebenen zu uns: Da mag das Schlachtfeld Kurukshetra zur Metapher werden für unser Leben, für all die schwierigen Situationen, die wir erfahren und meistern müssen. Noch tiefer singt Krishna jedoch ein mystisches Lied (Gita heißt wörtlich Gesang): Da agieren die Krieger als die Schauspieler, die uns zu der Person machen, die wir sind, auf dem Schlachtfeld unseres eigenen Geistes: Welche Tendenzen und Kräfte in uns tragen am Ende den Sieg davon?


Selbstlos sein

Die Gita deckt in 18 Kapiteln eine Vielzahl von Themen ab. Nur im Nebenbei sei hier bemerkt, dass auf Krishnas Unterweisung in 18 Kapiteln ein Gemetzel von 18 Tagen folgt und die Zahl 18 sich genau 6 mal in die heilige Zahl 108 fügt, die Zahl der Perlen einer Gebetskette oder Mala. Die Zahl 6 wiederum korrespondiert geradezu »magisch« mit den 6 grundlegenden Lebensthemen, die wir in Verbindung mit den Chakras oder Energiezentren des Menschen finden und die von der Frage der biologischen Existenz bis hin zur spirituellen Erkenntnis reichen. Das 7. Thema und das 7. Chakra dann transzendiert all diese Themen und steht für das höchste Ziel von Krishnas Lehre: der Bewusstseinszustand des Yoga und die endgültige Rückkehr zum Großen Ozeans des Seins. Ganz zentral und immer wieder neu variiert wird in der Gita die Frage der Selbstlosigkeit. Was bedeutet es, selbstlos zu handeln, zu denken, zu sein? Dieser Frage wollen wir im Folgenden ein wenig nachspüren.


Selbstlosigkeit und Karma

Wenn Menschen an die Gita denken, kommt ihnen die Idee der Selbstlosigkeit meist zuerst in den Sinn und in der Tat nimmt das Thema breiten Raum ein, vor allem in der ersten Hälfte des Textes. Das Stichwort hier ist Karma-Yoga. Das Wort Karma meint nicht so sehr die Schicksalsidee, die viele damit verbinden, sondern den unauflöslichen Zusammenhang vom Handeln und dessen Konsequenzen. Jeder Akt zeitigt Folgen. Wenn ich ungesund esse, fühle ich mich schlecht. Wenn ich aggressiv in die Welt wirke, ernte ich Feindseligkeit. Wenn ich an den Tod glaube, bin ich sterblich.
Und so bringen uns unsere Handlungen zahlreiche »Früchte«, deren Folgen erfahren werden müssen, manche sofort, manche erst später, vielleicht auch viel später, in einem anderen Leben erst. Und die Samen für so manche Erfahrung, die wir in diesem Leben machen, mögen in vergangenen Leben schon gesät worden sein. Dieses immerwährende Säen und Ernten zu beenden und Samsara, den Kreislauf aus Geburt, Leben und Tod mit den darin verwobenen Erfahrungen von Freud und Leid zu durchbrechen: Das ist das Ziel von Krishnas Lehre. Ein Handeln, das kein Karma mehr erzeugt, führt zu Moksha, Befreiung. Und, so Krishna weiter, nur ein Handeln ohne Ich, Selbstlosigkeit also, könne zu diesem großen Ziel führen.

Indien menschen Devanath/pixabay 18
© Devanath/pixabay

DIE DREI FACETTEN DER SELBSTLOSIGKEIT

Selbstlosigkeit als ethisches Gebot Hört jemand das Wort Selbstlosigkeit, so denkt er meist zuerst an die Ethik: dass man Dinge nicht für sich selber tut, sondern für andere Wesen, für Menschen, Tiere oder die Natur. Das ist ganz zweifellos eine wichtige und zeitlose Dimension dieser Idee, heute vielleicht sogar noch drängender als in alten Zeiten, da noch niemand sich vorstellen konnte, welch Maß an Zerstörung der Mensch über die Welt bringen kann. Was wir für andere tun, tun wir immer auch für uns selber. Wir profitieren von den positiven Konsequenzen, die gutwilliges und selbstloses Tun uns bescheren: Von der guten Beziehungsqualität zu anderen Menschen zum Beispiel. Oder von der Freude, die uns die Liebe und Achtung der Tiere geben kann. Ganz sicher gewinnen wir auch, wenn wir zugunsten einer heilen Natur nicht hemmungslos dem Konsum frönen. Mit anderen Worten: Selbstlosigkeit in ethischer Hinsicht macht unser Leben im Hier und Jetzt reicher, schöner, tiefer und befriedigender. Was wir für andere tun, tun wir für uns, denn wir sind ein Teil des ganzen und verbunden mit ALLEM-WAS-IST.


Tun um des Tuns willen

Eine tiefere Idee von Selbstlosigkeit finden wir im Prinzip des Tuns um seiner selbst willen. Wir sind es ja im Allgemeinen gewohnt, im Blick auf ein Ziel hin zu handeln: Wir lernen, um Wissen und Fertigkeiten zu erwerben. Wir erwerben Wissen, um damit zu arbeiten und Geld zu verdienen. Wir verdienen Geld, um damit unseren Lebensunterhalt zu sichern. Wir treiben Sport, um gesund zu bleiben. Oder Freude zu haben. Fast alles also, was wir tun, tun wir um eines davon verschiedenen Zweckes willen - und sei es, dass wir einfach nur Spaß, Unterhaltung und Abwechslung suchen. Alles das ist völlig in Ordnung, nicht aber ein Tun ohne Ich.

Wir können aber auch handeln um des Handelns willen: Einfach deshalb etwas tun, weil es zu tun ist, weil es ansteht. Wir können es tun ganz unabhängig von der Frage, ob und was es uns einbringen wird, oder ob wir es tun möchten oder nicht. »Der Kampf steht an. Lass ihn uns austragen!« Dieser Aspekt der Selbstlosigkeit heißt Akarma, das Nicht-Handeln. Es meint kein Ego-freies Handeln in einem ethischen Sinne, sondern eines, das getan werden will, frei von Erwägungen im Blick auf die Früchte, die wir ernten werden. Es ist ziemlich ermüdend, sagte einmal ein Weiser, wenn bei jedem Handeln die Frage zu hören ist: »Was bringt mir das?« Die Frucht also loszulassen, darum geht es hier.


Handeln für das Höchste


Der dritte Aspekt der Selbstlosigkeit ist der Anspruchsvollste und Krishna betont ihn ganz besonders: »Tu, was Du tun musst, doch tu es für mich!« Es ist dies die Idee totaler Hingabe oder Bhakti, ein vollständiges Loslassen oder Vairagya: Wir tun, was ansteht, ohne Erwartung für uns selbst. Wir tun es, so gut wir können. Doch die Ergebnisse überlassen wir Brahman - dem Höchsten, Gott, dem Tao … Wir nehmen an, was das Leben uns zuträgt. Wir akzeptieren die Folgen unserer Handlungen, seien sie angenehm oder nicht. In einem solchen Tun lassen wir uns selber los und vertrauen uns dem Fluss des Seins an. »Wer alle persönlichen Wünsche losgelassen hat und vollkommen in der Wirklichkeit seiner Essenz ruht«, so Krishna, »den nennt man vollkommen weise.« So zu leben und zu handeln ist sicher ein ambitioniertes Unterfangen. Zugleich ist es die höchste Lehre der Gita. Nicht um Ethik geht es Krishna. Sie ist nur ein Anfangspunkt, sondern um die Frage tiefer Spiritualität. Eine solche geht weit über die Ethik hinaus und verlangt die positive Integration aller Erfahrungen und Handlungen, sowie deren Folgen in unser Leben. Doch würde nur schon eine gute Ethik auf der Welt verwirklicht, lebten wir dann nicht schon in einem Paradies auf Erden? Zum Schluss noch dies schöne Wort von Krishna - verbindend, Trost spendend und durchdrungen von einer Toleranz, welche die Welt von heute so dringend braucht wie vor 2500 Jahren: Es ist egal, auf welchen Wegen wir zum Höchsten zu gelangen versuchen - Gott nimmt uns alle an. Krishna sagt es so: Auf welche Weise auch die Menschen mich suchen, ich nehme sie an. Alle Wege, Arjuna, führen zu mir.


Ralph Skuban
© www.skuban.de
RALPH SKUBAN ist promovierter Sozialwissenschaftler und Buchautor. Er leitete über 20 Jahre lang eine Einrichtung für Demenzkranke. Die intensiven Begegnungen mit Alter und Krankheit, dem zerfallenden Geist und dem Tod des Menschen führten ihn zur Mystik des Ostens, insbesondere zur Philosophie und Praxis des Yoga. Weitere Informationen unter: www.ralphskuban.de und www.kaivalya-yoga.de




Die Bhagavad Gita: Das Weisheitsbuch fürs 21. Jahrhundert Übertragen und kommentiert von Ralph Skuban
Übertragen und kommentiert von Ralph Skuban
Die Bhagavad Gita
Das Weisheitsbuch fürs 21. Jahrhundert


Die ›Bhagavad Gita‹, übersetzt »Gottes Gesang«, ist ein spirituelles Lehrgespräch am Vorabend eines verheerenden Krieges. In der wohl krisenhaftesten Situation seines Lebens sucht der Krieger Arjuna Rat bei seinem Lehrer Krishna und erhält so Antwortenauf zahlreiche Seinsfragen, die die Menschheit seit jeher bewegen.



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