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Margot Käßmann: "Das Zeitliche segnen"


In Europa und der "neuen westlichen Welt" stehen Abschied und Tod immer noch auf der Liste des nicht Erwünschten. Der Grund dafür liegt klar auf der Hand: Das Wesen des Sterbens und des Todes wird in unserer Kultur so gut wie gar nicht diskutiert. Es schickt sich scheinbar nicht - schließlich wollen wir leben!

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In Ihrem neuen Buch "Das Zeitliche segnen " beschäftigt sich Margot Käßmann intensiv mit dem Leben und dem Sterben. Sie erinnert uns daran, dass unser aller Leben begrenzt ist und nur aus dieser Begrenztheit seinen eigentlichen Wert bezieht.

Wir kommen nackt auf diese Welt und wir gehen wieder fast nackt von ihr. Alles was wir materiell angehäuft haben, gilt es eines Tages loszulassen. Die Lektüre von "Das Zeitliche segnen" kann uns dabei helfen, beizeiten darüber nachzudenken, was wirklich wichtig ist. Was wirklich zählt und was wirklich Wert hat.

Mich beeindruckt besonders, wie lebensnah die evangelische Theologin über ihre eigenen verlustreichen und schmerzlichen Erfahrungen schreibt. Aber auch, wie sie Wege fand, damit umzugehen um sich ihrem Leben schließlich neu öffnen zu können.

Prof. Dr. Dr. Margot Käßmann im Lebe-Liebe-Lache Interview mit Annette Maria Böhm




Lebe-Liebe-Lache:
"Das Zeitliche segnen": Viele Christen brachten im 17. Jahrhundert mit dieser Redensart die Hoffnung auf ein zeitloses Leben im Jenseits und im Himmel in Zusammenhang. Aus dem Gegensatz zwischen irdischer Sterblichkeit und himmlischer Ewigkeit entstand der Brauch, im Angesichte des Todes als letzten Wunsch Gottes, Segen für die irdische Welt zu erbitten, und ganz besonders natürlich für seine Angehörigen. Der Sterbende segnete gewissermaßen in Gottes Namen das Zeitliche. Ist dieses friedvolle Ritual völlig in Vergessenheit geraten?

Margot Käßmann:
Ja, das ist es, was ich schade finde. Aber gleichzeitig ist gerade durch die Hospizbewegung das bewusste Abschiednehmen, das Aussegnen, die Vorbereitung auf den Tod für viele auch wieder mehr in den Blick geraten.

Lebe-Liebe-Lache:
„Das Zeitliche segnen“ ist ein wunderbares Wortspiel. Vom Ende her wird das Zeitliche in ein besonderes Licht gestellt. Ich kann meine Zeit voller Freude ausschöpfen, versuchen, das Beste aus ihr zu machen, um am Ende lebenssatt und zufrieden ein „Ja“ dazu zu sagen. Ja, es war gut.

Margot Käßmann:
Gesegnet, das heißt so viel wie „gut geheißen“. So war mein Leben, mit Höhen und Tiefen, ich kann es zurück in Gottes Hand geben. Und jetzt kommt das Ewige. Und auch das liegt in Gottes Hand.

Lebe-Liebe-Lache:
"Das Zeitliche segnen" hält noch einen weiteren, fast wichtigeren Aspekt für uns bereit. Es ist ein freundlicher Reminder an uns, an jedem Tag bewusst Momente zu markieren, die uns besonders gut gefallen. Als eine Einladung das Leben zu feiern und zu segnen. Überhaupt gefällt mir die Betrachtungsweise, dass wir ALLE die Fähigkeit zur Segnung in uns tragen. Wie gehen Sie eigentlich als evangelische Priesterin damit um?

Margot Käßmann:
Martin Luther hat gesagt: Jeder, der aus der Taufe gekrochen ist, ist Priester, Bischof, Papst. Das heißt: Ja, wir alle können einander gegenseitig Priesterin sein. Eine Trauerfeier heißt ja nicht nur Trauern um die Toten, sondern auch feiern, dass sie gelebt haben. Wer einen solchen Blick wagt, eine solche Haltung einnimmt, kann voller Hoffnung leben und in Frieden sterben.


Margot Käßmann

Margot Käßmann:
„Meine Zeit steht in deinen Händen“ (Psalm 31, 16)

Margot Käßmann:
Ich habe mir eine halbe Nacht den Liebeskummer einer guten Freundin angehört.

Margot Käßmann:
Über einen Satz von Martin Luther: „Aus einem verzagten A.. kommt kein fröhlicher Furz“ – politisch sehr inkorrekt…..
Margot Käßmann

Lebe-Liebe-Lache:
Was einst als Lebenskunst gedacht war, ist für viele zur Überlebenskunst verkommen. Ideen und Ideale gibt es längst im Sonderangebot zu kaufen. Als T-Shirt Aufdruck, DVD oder in Seifenform. Wie können wir wieder lernen, im Blick zu behalten, was wirklich für unser Leben wichtig ist?

Margot Käßmann:
Das geht nur durch anhalten, durchatmen, nachdenken! Mir kommen manche Menschen vor wie Getriebene, die durch ihr Leben rasen. Wenn du dir klar machst, dass dein Leben begrenzt ist, lebst du bewusster, davon bin ich überzeugt.

Lebe-Liebe-Lache:
Mein Sohn durfte vor einigen Jahren, als damals Sechzehnjähriger während eines Praktikums Einblicke in die Hospizarbeit gewinnen. Ich habe ihn nach seinem Dienst dort regelmäßig abgeholt und festgestellt: Hospize sind helle, freundliche Orte, in denen auch gelacht, gefeiert und gescherzt werden darf. Mein Sohn fuhr Patienten im Rollstuhl spazieren oder machte Einkäufe für sie am Kiosk. Mir wurde eine kleine Welt offenbart in der es sehr liebevoll zuging, und in der ich mich auch als Patientin sehen könnte. Können eigentlich auch wir geburtenstarke Jahrgänge darauf hoffen, einen Hospizplatz zu bekommen, wenn es mal soweit ist?


Margot Käßmann:
Die Hospizarbeit weitet sich ständig aus, das ist großartig. Ja, ich hoffe, alle können eines Tages davon profitieren und an der Hand eines anderen liebevoll begleitet sterben. Bei Umfragen in der Diakonie hat sich übrigens gezeigt, dass die Mitarbeitenden in Hospizen am zufriedensten sind. Sie erleben zwar den Tod, aber das in einer Umgebung, in der sie gebraucht und geschätzt werden, existentielle Themen ihren Ort haben.


Lebe-Liebe-Lache:
"Wäre der Tod nicht, es würde keiner das Leben schätzen. Man hätte vielleicht nicht einmal einen Namen dafür," las ich neulich im Internet. Würden Sie das auch so unterschreiben?

Margot Käßmann:
Auf jeden Fall. Gerade dass unsere Zeit begrenzt ist, macht sie doch so kostbar. Gewiss, der Tod ist schmerzhaft, die Angst vor dem Sterben ist groß. Aber die ewige Fortsetzung unseres Lebens ist doch auch nicht unbedingt ein beglückender Gedanke. Oder, wie der Theologe Heinz Zahrnt einmal schrieb: „Für immer leben, das wäre nicht das ewige Leben – es wäre die ewige Hölle.“ Mit Blick auf eine Zukunft bei Gott, kann ich mir ewiges Leben durchaus vorstellen. Eines steht für mich fest: Wer über das Sterben nachdenkt, lebt intensiver.


Lebe-Liebe-Lache:
"Die Kultur eines Volkes erkennt man daran, wie es mit seinen Toten umgeht" ...sagte Charles de Gaulle einst. Ein nicht ganz uneitles Zitat wenn man bedenkt, dass der wohl schönste Friedhof der Welt in Paris zu finden ist. Auf dem Père Lachaise zu spazieren ist für mich immer ein großes Glück. Wer dort eine Grabstätte belegt hat, "ist gar nicht so richtig tot". Sowohl die Sandstein- und Marmorskulpturen, als auch die aufwendig gestalteten Totenhäuschen auf den Gräbern, zeugen von einer individuellen Trauerkultur wie sie hierzulande nur noch selten zu finden ist. Jenseits der Großstädte Deutschlands gibt es viel zu viele uniformierte Friedhöfe, mit viel zu vielen Verordnungen. Selbst nach dem Tod noch in ein behördliches "Rastermaß" passen zu sollen, dieser Gedanke gefällt immer weniger Zeitgenossen. Wozu raten Sie Menschen die sich diesen Normen entziehen möchten?





Margot Käßmann:
Den Friedhof Pére Lachaise in Paris suche ich auch gern auf. Edith Piaf ist dort beerdigt und Jim Morrison. - Ebenso gibt es beeindruckende Mahnmale für die Opfer der Konzentrationslager des Nationalsozialismus oder der europäischen Kriege. Doch selbst ein kleiner Dorffriedhof erzählt manche Geschichte. Oh ja, ich weiß, da gibt es immer auch Getratsche, wer was getan oder nicht getan hat, wo Unkraut sprießt und wo die Blumen verwelken. Doch so ist das Leben und die Toten sind ein Teil davon.

Ein Friedhof ist ein besonderer Ort, in der Tat. Ein Ort des Friedens, der Ruhe, der Nachdenklichkeit mitten in einer tosenden Stadt!

Ich plädiere dafür, die Beerdigung und die Gräber nicht zu privatisieren. Sinn eines Friedhofs ist es, dass alle Zugang haben, jeder und jede dort trauern kann, Gelegenheit zur Erinnerung hat. Wie wäre es denn, wenn plötzlich andere Angehörige kommen wollen, um ihre Trauer auszudrücken? Was, wenn jemand trauert, den die unmittelbaren Angehörigen gar nicht kannten? Bei jemandem zu Klingeln, zu hoffen, dass er mir öffnet, damit ich die Urne eines verstorbenen Verwandten sehen und den Tod betrauern kann – das ist für mich befremdlich. Ein Friedhof ist auch ein öffentlicher, ja letzten Endes demokratischer Ort – es kann kommen, wer trauert. Keiner ist ausgeschlossen.

Und: Es tut auch gut, Distanz zu den Toten zu gewinnen. Zum Friedhof musst du rausgehen. Es ist nicht dein privater Raum. Du kannst dich nicht in der Wohnung vergraben, Aufbruch, Losgehen sind angesagt. Der Friedhof ist auch ein Ort der Begegnung mit dem Leben, mit anderen Menschen, die Trauern, mit der Realität, dass du dich nicht selbst mitvergraben kannst in deiner Trauer. Dafür muss der Friedhof aber auch erreichbar sein, kein weit entfernter Wald, kein Kreuz auf einer Seekarte.


Lebe-Liebe-Lache:
Das Sterben als einen Prozess anzusehen, der sich im Leben einüben lässt - ist das möglich?


Margot Käßmann:
Aber ja! Im Mittelalter war von der ars (bene) moriendi die Rede, von der Kunst, (gut) zu sterben. Dabei handelt es sich, so würden wir es heute formulieren, um „christliche Erbauungsliteratur“, die den Menschen aufzeigte, was wichtig sei bei ihrem Sterben, um Höllenqualen zu entkommen. Es waren im Grunde „Sterbeanleitungen“, die mitteilten, was noch zu tun sei: etwa die Beichte oder die letzte Kommunion. Wir mögen darüber lächeln, aber diese Hinweise waren hilfreich für viele, um vorbereitet in den Tod zu gehen. Die Reformatoren versuchten später, den Menschen die Angst vor der Hölle zu nehmen, indem sie klar machten: Nicht das, was ich tue, ist entscheidend vor Gott. Das Entscheidende hat längst Gott selbst getan, mit der Zusage, dass mein Leben Sinn macht, auch wenn ich nicht immer so lebe, wie Gott es erwartet oder ich meinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht werde. Trotzdem ist es gerechtfertigt, dass ich lebe. Aber auch den Reformatoren war wichtig, dass Menschen in Gottvertrauen sterben. Und so wurde ausführlich berichtet, wie Luther selbst in Gottvertrauen starb. Als sein letzter Satz ist übermittelt: Wir sind Bettler, das ist wahr.

Mir ist heute wichtig, dass wir uns vorbereiten durch Patientenverfügung, Betreuungsvollmacht, Testament und vor allem Gespräche. Sich auf das Sterben vorbereiten, lässt das Leben umso kostbarer werden.


Lebe-Liebe-Lache:
Überlieferungen und Traditionen zeigen, dass Sterbebegleitung und die Totenfürsorge in alten Kulturen bis hin zum frühen Mittelalter eine Frauendomäne war. Oft waren es Hebammen, die diese Aufgabe übernommen haben: Geburt und Tod waren ihnen als Übergänge des Lebens vertraut. Nach der Inquisition sind Frauentraditionen mehr und mehr in die Welt der Sagen und Märchen "ausgewandert". Heute wächst die Sehnsucht vieler Frauen nach Neuentdeckung einer modernen Abschieds- und Trauerkultur. Wie können zum Beispiel Frauen, die nicht zu professionellen Sterbebegleiterinnen ausgebildet sind, andere beim Sterben begleiten?


Margot Käßmann:
Aber sie tun es ja, das erlebe ich. Gespräche helfen. Lektüre auch. Im Gesangbuch gibt es Anleitungen für den Abschied am Sterbebett. Und gerade die Hospizdienste bieten vieles an, das Menschen in solchen Situationen stärkt. Auch Rituale sind da sehr hilfreich, die wir wieder entdecken wie das Aussegnen. Die Sterbenden nicht abschieben und die Scheu davor verlieren, sie zu begleiten, darum geht es heute. Wer einmal einen sterbenden Menschen begleitet hat, erlebt ja auch, wie tief beeindruckend das ist – vergleichbar eigentlich nur mit einer Geburt. Und das ist ein sehr tiefgründiger Zusammenhang.


Lebe-Liebe-Lache:
Mögen Sie ein Abschiedsritual mit uns teilen, dass Ihnen besonders gut gefällt?


Margot Käßmann:
Mose segnete, so erzählt es die Bibel, seine Lieben. Wenn Sterbende das tun, finde ich das besonders anrührend.



Margot Käßmann


Prof. Dr. theol., Dr. h. c., geb. 1958, ist evangelisch-lutherische Theologin und Pfarrerin. Sie war von 1999 bis 2010 Bischöfin der größten evangelischen Landeskirche in Hannover und 2009/2010 Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Davor war sie Gemeindepfarrerin, Studienleiterin der Evangelischen Akademie Hofgeismar und Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Seit April 2012 wirkt sie als "Botschafterin der EKD für das Reformationsjubiläum 2017". Margot Käßmann ist Mutter von vier erwachsenen Töchtern.



Margot Käßmann Das Zeitliche segnen Voller Hoffnung leben. In Frieden sterben.
© www.adeo-verlag.de
Margot Käßmann
Das Zeitliche segnen
Voller Hoffnung leben. In Frieden sterben.


Preis: 17,99 EUR


  • Gebunden, mit Schutzumschlag, 222 Seiten
  • 09/2014
  • adeo




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