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Die Regeln der Achtsamkeit


Es gibt in der spirituellen Welt – weiß Gott – einiges, was einen verwundern lässt. Und ich spreche hier nicht von der ganz normalen Verwunderung, die einsetzt, wenn man sich auf ein etwas ungewohntes Gebiet begibt.

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von Sabrina Fox

Immer mal wieder liest von von Schlagzeilen in Tageszeitungen die so ähnlich klingen wie: „So geriet ich in die Fänge einer Wahrsagerin“ – mit einer Warnung von der Sucht-Hotline gegen tägliche telefonische Beratung. Im „Stern“ las ich von einem selbsternannten Heiler, der einer Familie das gesamte Hab und Gut wegschwatzte, weil „die Energie von dem verdammten Besitz von ihm ausgetauscht werden muss.“ Er verschwand damit, wurde schließlich angezeigt und verurteilt. Einige Zeit vorher gab es eine sogenannte Hexe, die verklagt worden war, weil sie einige tausend Euro von einer Frau bekommen hatte, „damit der Mann wieder zurückkommt“ – und der wollte auch mit ihren Hexenkünsten nicht.

Ein spirituelles Leben ist immer ein Leben der Auswahl: Was macht mein Herz auf und was macht es zu? Wenn ich mir von irgendjemandem Rat hole (und dagegen ist natürlich grundsätzlich nichts einzuwenden), dann soll dieser Rat auch gut sein, zumindest aber nützlich und das nicht nur für den Ratgebenden. Jede Information sollte immer mit größter Sorgfalt betrachtet werden. Und selbstverständlich sage ich das auch über Sachen, die ich selber schreibe. Nur weil es für mich richtig ist, muss es noch lange nicht für jemand anderen richtig sein.




Als ich mich vor zwanzig Jahren auf den spirituellen Weg machte, da fühlte ich mich wie eine unerfahrene Touristin, die die große weite Welt entdeckt. Alles war auf einmal anders: Da gab es Leute, die mit meinem Engel sprechen konnten. Heiler, die mir Energie und Licht schicken konnten. Wahrsager, die mir meine Zukunft voraussagen konnten. Rituale, bei denen ich mich von allem Möglichen befreien konnte – nicht nur von meinem Geld. Doch es gab selten klare Regeln. Was ist bitte schön richtig? Die einen sagten zum Beispiel, ich müsse meine Chakren beim Meditieren anschließend immer wieder zumachen. Bei anderen sollte ich sie auflassen. Alkohol und Fleisch seien strikt verboten. „Nein, halt!“, meinte jemand anderer, „Fleisch erdet dich und gegen ein Glas Wein ist nichts zu sagen. Jesus hat doch auch ...“ Irgendwo las ich, dass der Weg zur wahren Spiritualität nur über den Verzicht von Sex oder/und Nahrung geht. Da ich weder auf das eine noch auf das andere verzichten wollte, suchte ich nach erfahrenen Menschen, die mir ein Wegweiser sein könnten, durch den seltsamen Dschungel des spirituellen Lebens.

Ich fand sie nicht.

Was ich dagegen fand, war meine eigene Intuition.

Ich ahnte, dass der Sinn eines spirituellen Lebens nicht darin besteht, sich abzusichern. Später wurde mir klar, dass ich irgendwie ein Geschäft mit Gott machen wollte: „Ich bete und meditiere und du sorgst bitte dafür, dass ich keine Probleme mehr habe.“

Wenn wir von einem spirituellen Leben erwarten, dass wir in Zukunft ohne Probleme sind, dann werden wir mit Sicherheit enttäuscht werden. Es gibt keine Absicherung vom Leben. Jeder von uns hat seine Herausforderungen, jeder seine Seelenhausaufgaben. Die gilt es zu erkennen und man muss Wege zu finden, damit umzugehen. Dabei helfen uns die Engel, gute spirituelle Berater und weise Mitmenschen. Im besten Fall vermitteln sie uns Wege zur Selbsterkenntnis. Wir müssen es ja schließlich selber machen und wie in der Schule nützt „Vorsagen“ nichts. Wenn wir allerdings jemanden suchen, der die Kontrolle über unser Leben übernimmt, damit wir es nicht mehr selber machen müssen, dann werden wir immer wieder Leute treffen, die das auch ausnutzen. Denn es ist ja schließlich unsere Aufgabe, selbstverantwortlich unser Leben zu betrachten.

Das größte Geschenk, das uns unser himmlischer Vater und unsere himmlische Mutter mitgegeben haben, ist das Geschenk der Wahl: Wir können wählen, ob und in was wir uns verändern wollen. Und dazu müssen wir uns selbst kennenlernen und in der Tiefe unserer Seele ein Gespräch mit dem Ungesehenen beginnen.

Unser Körper ist ein wunderbarer Ratgeber. Wenn wir ihn beobachten, werden wir feststellen, dass er fast wie ein Thermometer reagiert: „Gibt mir das, was ich jetzt gerade tue, Kraft oder nimmt es mir Kraft?“

Eine Freundin zum Beispiel erzählte mir von einer längeren spirituellen Ausbildung, bei der häufig ein Gebet gesprochen wird, das mit „Ich bin das kleinste Partikel im Universum...“ anfängt und mit Spiegeln und Kerzen und diversen außerkörperlichen Erfahrungen weitermacht. Ich fühlte plötzlich einen überraschenden Zorn in mir aufsteigen und mein Körper reagierte bei weiteren Erzählungen von ihr mit größtem Unwohlsein. Ich riet ihr dringendst zur Achtsamkeit. Früher war ich überrascht, wenn mein Körper so massiv reagierte. Heute bin ich ihm dankbar.

Ich habe eine natürliche Abneigung gegen Lehren, die exklusiv sind. Eine meiner ersten Lehrerinnen meinte mal zu uns, einer Gruppe von acht meditierenden Frauen, die sich regelmäßig trafen, dass wir auserkoren seien, die Welt zu retten.

Wie, wir acht? Ist die Welt nicht ein bisschen zu groß dafür? Das Retten ging auch relativ einfach: Wir sollten nur einmal die Woche zu ihr kommen und gemeinsam beten. Sie sei eine starke Heilerin, die die Unterstützung von einigen auserwählten Frauen brauche (uns!) und die Krankenkassen versuchten auch schon, sie umzubringen, weil sie fürchteten, dass wegen ihr bald niemand mehr Medikamente brauchen würde. Bis zu diesem Zeitpunkt war sie mir nur ein bisschen eigenartig vorgekommen – aber das schienen ja viele Leute auf dem spirituellen Weg zu sein. Nach diesem Abend fand ich jedoch, dass sie dringend ärztliche Hilfe braucht – was sie natürlich ablehnte.

Ich kam nie wieder zum Meditieren, obwohl mir kurz darauf in einem Telefonat versichert wurde, dass ich das noch bereuen würde, wenn ich nicht ganz schnell mit ein paar tausend Dollar aushelfe, damit sie ihre Arbeit dann eben ohne mich fortsetzen könne. Ich habe dann abgelehnt, obwohl mir die Welt doch sehr am Herzen liegt. Bereut habe ich es nicht.




Vor ein paar Jahren war ich zu einem Channeling eingeladen, bei dem ein Engel durch ein Medium sprechen sollte. Der Geruch im Raum war mir zu süß, der Kerzen zu viele, die Anbetung des Mediums zu groß und was dann letztendlich als „Nachricht des Engels“ durchkam, zu dünn.

Ich muss gestehen, dass ich gelegentlich entsetzt bin, wenn ich sehe, was sich da unter dem Mantel der Engel ausbreitet und ich hoffe und wünsche mir sehr, dass es irgendwann einmal dazu ein Erwachen gibt. Das haben die Engel nicht verdient.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich hatte viele wundervolle Lehrer und Lehrerinnen, denen ich unendlich dankbar bin. Alles in allem war es bisher eine aufregende Zeit ... und die ist ja noch lange nicht vorbei. Und doch tut es meinem Herzen weh, wenn ich höre, wie Mitmenschen, die einen spirituellen, ernsthaften, liebevollen Weg gehen wollen, auf glitschigen Pfaden ausrutschen, weil sie Menschen ihr Vertrauen schenken, die es nicht verdient haben. Vielleicht sind ja die „Regeln der Achtsamkeit“, die hier beigefügt sind, nützlich und vielleicht kann ja der eine oder andere Ausrutscher dadurch vermieden werden. Herzlichen Dank für Ihre Zeit.

Licht und Liebe und Gottes Segen.

Regeln der Achtsamkeit:

1. Macht das mein Herz auf oder geht es dabei zu?

Alles, was mir Angst macht, hat nach meiner Erfahrung nur wenig Wert.

2. Versprechen

Wenn großartige Versprechen gegeben werden, die nicht eingehalten werden können. Zum Beispiel: „Sie werden nie wieder Probleme haben.“ – „Damit kommt der Mann bestimmt zurück.“ – „Jede Krankheit wird besiegt.“

3. Preis

Natürlich sollen auch spirituelle Berater Geld verdienen, allerdings muss es im Rahmen bleiben.

4. Abhängigkeiten

Wenn Sie tägliche oder wöchentliche Beratung brauchen, keine Entscheidung mehr alleine treffen und wenn, dann auch nur im Sinne des Beraters, dann ist eine Abhängigkeit entstanden.

5. Distanzieren von Freunden oder Familie

Nehmen Sie Ihr Meditationskissen und verschwinden Sie so schnell, wie Sie gekommen sind. Hier geht es ausschließlich um Kontrolle.

6. Anbetung

Wenn Sie um die Person herum einen ausgeprägten Personenkult erkennen, der von der Person selbst unterstützt wird. Ein weiterer Indikator ist auch, dass ein starker Druck ausgeübt wird, alles mit der Gruppe zu unternehmen.

7. Plattitüden

Wenn Ihre Fragen nicht wirklich beantwortet werden, sondern mit solchen Floskeln wie „Wir sind alle eins“ – oder „Atme durch dein Herz und wir erschaffen Weltfrieden“ abgespeist werden. Selbst bei näherem Nachfragen wird man dann noch so behandelt, als ob man einfach „noch nicht so weit ist“ oder „nicht genug Vertrauen hat.“ - Ja, Gott sei Dank!!!

8. Alle anderen Kollegen sind schlecht

Wenn Sie keine anderen Bücher, keine anderen Informationen mehr aufnehmen dürfen, außer die des Beraters, dann ist auch hier Kontrolle der Grund.

9. Veränderungen

Selbst die besten spirituellen Ratgeber haben ihre schwächeren Stunden. Nur weil die letzten zehn Mal etwas auch sehr viel Sinn gemacht hat, muss es das nicht das nächste Mal auch so sein. Jede Information – wirklich jede! – muss durch den eigenen Verstand, die eigene Intuition und das eigene Gebet überprüft werden.

10. Pausen

Es ist notwendig, häufiger Pausen im spirituellen Lernen zu machen, um auch Zeit zu haben, das Gelernte umzusetzen. Wenn man von einem Kurs in den anderen geschleust werden soll, würde ich mir das gut überlegen.

11. Neue „Kunden“ mitbringen

Wenn Sie neue Kunden mitbringen müssen, damit „die Welt gerettet wird“ oder sonst irgendetwas „weitergeht“ (ähnlich den Kettenbriefen, die ich wegen der unterschwelligen Drohung „wenn du das nicht machst, dann wirst du schon sehen, was du davon hast“ nicht weiterschicke), wird auch hier Druck ausgeübt.

Über die Autorin:


Sabrina Fox
© Jorinde Gersina
Sabrina Fox
beschäftigt sich seit über zwanzig Jahren mit ganzheitlichen Themen. Sie ist Autorin von mittlerweile dreizehn Büchern, beliebte Rednerin und erfahrener Coach. Mit ihrer Mischung aus Wärme und Humor, Mitgefühl und Klarheit gelingt es ihr Leser wie Zuhörer zu inspirieren. Ihre berufliche Laufbahn begann sie als Fotoredakteurin und arbeitete später als Fernsehmoderatorin für die ARD, das ZDF und SAT1. Sie absolvierte Ausbildungen als klinische Hypnosetherapeutin, Mediatorin, Konflikt-Coach und studierte Bildhauerei und Gesang. Sie lebte sechzehn Jahre in Kalifornien und ist seit 2005 wieder in München. Ihre Bücher haben eine Gesamtauflage von einer Million. Ihr neuestes Buch „Kein fliegender Wechsel – Jede Frau wird älter, fragt sich nur wie“ ist im Herbst 2014 erschienen.


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