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Heimat.



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Mein Freund, der Kai schaut weit ins Land. Wir sitzen auf einer reichlich abgenutzten, verwitterten Sitzbank. Es sind diese Sitzbänke an Aussichtspunkten, die einmal installiert, ihrem totalen Verfall entgegenwarten. Alle Seelenruhe übertragend. Man findet sie eigentlich immer in ihren allerletzten Lebensminuten vor.

von Bruno Schulz


Wir sitzen also da. Atmen. Schauen. Sonne und Wolken. Ein Schattenspiel im sich dahinschlängelnden Tal zu unseren Füßen. Fabeltiere jagen über das Land. Eine Ziehfähre, Burgen, Weinberge und die rote Steilwand. Das alles wie in Märklin.

Kai sagt: "weisst Du …" und dreht seinen Kopf nach einer wohlinszenierten Pause langsam zu mir. Die Augen folgen der Bewegung nur knapp einen Wimpernschlag darauf. Dieser Auftakt lässt mich eine dieser grundsätzlichen Frage erahnen. Und nach einem kleinen, melancholischen Seufzer ist sie auch schon da:

"Was bedeutet für Dich Heimat?" "Heimat?" Ich muss schlucken. Damit habe ich nicht gerechnet: "Heimat." Volksmusik, Dirndl, Leder, Filz und das Herz am ganz rechten Fleck? Das kann Kai nicht gemeint haben. Also noch einmal. Ich hake nach: "wie meinst Du das? Was bedeutet für mich Heimat?" "Naja, unsere Wanderung heute, das war doch wie eine Zeitreise oder?" "Allerdings. Ich war bestimmt seit 30 Jahren nicht mehr hier." Ich schiebe ein paar Steine mit den Füssen hin und her.


Der Weg hier rauf: als Kinder sind wir den nie ganz gelaufen. Man durfte noch fast bis an die Steilwand fahren. Bloß keinen Meter zuviel gehen. Unsere Väter arbeiteten hart daran, uns mit Nikotin, Benzindämpfen und sommergerechten 50 Grad auf der unbelüfteten Rücksitzbank zu mumifizieren. Der Tapferkeitsorden für's Durchhalten wurde dann als lauwarme Florida-Boy-Orange gereicht. Oder Bluna - das "Purple Heart" der sonntäglichen Familienbespassung.



Zwischen "Internationalem Frühschoppen" und dem Weltspiegel. Versorgung im klassischen Ausflugslokal. Papa kocht heute aus dem Portemonnaie. Nur knappe 200 Meter Fussmarsch. Tische "Rot-Weiss" unter großen Laubbäumen, warme Brise auf der Wiese. Dem Vater ein Pils. Mutter und Oma trinken den guten Bohnenkaffee - draußen nur Kännchen. "Stückchen Käsesahne dazu?" "Aber gern." Eigentlich eine schöne Zeit. Das Lokal ist noch da. Heute Ruhetag. Ich nehme mir fest vor, wiederzukommen. Ich probiere das aus. Ehrlich.

"Heimat? Ist es das?" Kai hat mich beobachtet. Die ganze Zeit. Er weiss genau, warum ich lachen muss. Alle Kinder Cornetto, Capri, Brauner Bär … oder Dolomiti? Mist, hier gibt's nur Schöller. Ist Heimat eine Collage an Gefühlen? Ein Mix aus Kindheitserinnerungen, geografischem Ursprung, Elternhaus, kollektiver Erfahrung, trainiertem Muster? Das Kotzen auf dem kleinen Kettenkarussell nach Zuckerwatte und Limo gehört auch dazu?

"Ich finde das Wort Heimat Scheisse." "Warum?" Kai schaut mich mit großen Augen an: "Warum?" setzt er nach. "Nun, die Vokabel selbst kann natürlich wenig dafür. Aber weil sie in den unrühmlichsten Zeiten am populärsten war …" "Oh bitte nicht die Nazischublade" Kai schaut flehend. "Wollte ich gar nicht … höchstens im Prolog." Ich mache eine dramaturgische Pause, einundzwanzig, zweiundzwanzig, um zu signalisieren, dass ich nicht zum Allgemeinplatz ansetzen werde.

"Heimat ist einfach irgendwie nicht mein Wort.""Wie würdest Du’s denn nennen?" "Vielleicht Zuhause … ich weiss es nicht." "Zuhause?" "Ja, als eine Art erweitertes Zuhause, ein skalierbares Zuhause. Wie mit einem Teleobjektiv. Einem Schiebezoom, mit dem man nahtlos ran- und wegzoomen kann. Wenn man ganz nah rangeht, streckt man die Füße unter Mutters Küchentisch. Und da kann man eben soweit rauszoomen, bis das glückliche Gefühl zu schwach wird. Und dann ist eben Schluss damit.“ "Ich verstehe, glaube ich. Heimat ist dir als Begriff zu eng.“ "Ich denke wovon wir hier sprechen ist eine ganz persönliche Erfahrung, ganz private Gefühle. Für mich ist das viel weniger unsere Heimat, als vielmehr mein Zuhause.

Luther Vandross hat das mal sehr schön besungen. "A House is not a Home" … zumindest nehme ich mir das so mit.



Bruno Schulz
© www.brunoschulz.de
Bruno Schulz ist fünfzig Jahre alt und Vater eines Sohnes. Er hat Innenarchitektur studiert und einiges Geisteswissenschaftliche. Nach einigen Stationen in Deutschland, Europa, in Asien und in Afrika arbeitet er als Designer, Texter und Moderator. Mit seiner Agentur schulzundtebbe (www.schulzundtebbe.de) entwickelt und pflegt er Marken. Er liebt und lebt das Storytelling und schreibt immer und leidenschaftlich, ob Essays, Short Stories oder Reiseberichte. Oft geht es dabei um die Liebe, das Leben, Genuß und Kultur. Und um Frauen, natürlich.



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