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Wie wahr ist hochsensible Wahrnehmung?



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Kennzeichnend für Hochsensibilität ist eine umfangreiche und subtile Wahrnehmung, außerdem eine tiefe und komplexe gedankliche Verarbeitung von Informationen. Doch bedeutet das, dass Wahrnehmung und Schlussfolgerung hochsensibler Menschen (HSP) untrüglich sind?

von Ulrike Hensel


Ganz allgemein: Aus Sinneseindrücken wird Wahrnehmung


Die Sinnesorgane fungieren wie Antennen, über die wir alle in vielschichtiger Weise unsere Umwelt und uns selbst erfahren. Die spezifischen Reize werden von den jeweiligen Sinnesorganen aufgenommen und dann als Impulse über Nervenbahnen an die entsprechenden Hirnbereiche weitergeleitet. Im nächsten Schritt werden sämtliche eingehenden Informationen im Gehirn miteinander verbunden und verarbeitet. Wahrnehmung ergibt sich schließlich aus der Gesamtheit der Sinnesinformationen. Durch die Leistung des Gehirns werden Einzelinformationen zu sinnvollen Gesamteindrücken verbunden, Zusammenhänge hergestellt und Sinngebung erreicht. Das Einordnen und Bewerten geschieht dabei größtenteils unbewusst durch den Abgleich der Sinnesempfindungen mit bereits abgespeicherten Informationen.


Die hochsensible Art des Wahrnehmens


Mit ihren besonders feinen Antennen empfangen HSP eine enorme Fülle von Informationen. In der Regel sind sie sehr gute Beobachter, sie registrieren Kleinigkeiten in ihrer Umgebung, die anderen nicht auffallen. Zum Beispiel entspricht es ihrer Art, sich mit umherschweifendem Blick sehr aufmerksam umzuschauen, wenn sie in einen Raum kommen. Neben den Dingen erfassen sie die Atmosphäre und haben ein feines Gespür für Befindlichkeiten, Stimmungen und non-verbale Mitteilungen der anwesenden Menschen. In Gesprächssituationen bemerken sie kleinste Anzeichen von Missstimmung beim Gegenüber, Abweichungen vom Üblichen, Unaufrichtigkeiten sowie Widersprüchlichkeiten, zum Beispiel zwischen Gesagtem und körpersprachlichem Ausdruck. HSP sind erstaunlich gut darin, Unter- und Zwischentöne des Gesprochenen herauszuhören sowie Haltung, Gestik und Mimik zu deuten. Das rückt sie manches Mal in die Nähe von „Gedankenlesern“, was ihren Mitmenschen zumeist so unheimlich wie unangenehm ist.


Was zu weit geht


Sicher ist es eine beachtliche Fähigkeit von HSP, dass sie so viel mitbekommen und oft zutreffend auszuwerten vermögen. Allerdings hat diese Stärke auch eine Kehrseite: Mitunter sind HSP so felsenfest überzeugt von ihrer Menschenkenntnis und ihrem guten Spürsinn, dass sie ihre Sichtweise bzw. ihre Interpretation für eine gesicherte Tatsache halten und glauben, genau zu wissen, was andere denken, beabsichtigen oder brauchen. Dabei berufen sie sich auf ihre hohe Trefferquote und überschätzen sich leicht. Schlimmstenfalls überschreiten sie Grenzen, sind anmaßend, besserwisserisch und aufdringlich. Dann müssen sie schmerzlich erfahren, wie ihnen Unmut und Ablehnung entgegenschlagen. Menschen mögen es nun einmal nicht, wenn sie analysiert werden und wenn man ihnen sagt, was (vermeintlich) mit ihnen los ist und was ihnen (vermutet) unbedingt gut tut. Interpretationen für Wahrheiten zu halten, ist ein großer Irrtum, andere mit den „Wahrheiten“ zu konfrontieren, ein großer Störfaktor für die Kommunikation. Allein schon die Haltung ‚Ich weiß, was mit dir ist‘ bekommen andere mit (auch sie haben Antennen für Unterschwelliges!) und reagieren darauf.


Interpretieren als ein Kommunikationshindernis


Thomas Gordon (1918–2002), humanistischer Psychologe und Experte für Kommunikation, Erziehung und Beziehungen, entwickelte Kommunikations- und Konfliktlösungsmodelle als Vorschläge, wie Menschen offen, einfühlsam und verständnisvoll miteinander umgehen können. Für typische Gesprächsmuster, die als Du-Botschaften in gängelnder Weise von oben nach unten ausgesprochen werden und insbesondere in angespannten Gesprächssituationen die Kommunikation behindern oder blockieren können, prägte er den Ausdruck Kommunikationssperren. Diese können den Gesprächspartner zu einer Abwehrhaltung veranlassen oder ihn verstummen und sich zurückziehen lassen. Zu den Kommunikationssperren gehören unter anderem Vorschreiben, Befehlen, Drohen, Moralisieren, Beschuldigen, Beschimpfen, Beschämen, Kritisieren, Belehren – und eben auch Analysieren, Interpretieren und Diagnostizieren. Wer um das Vorhandensein und die Wirkung von Kommunikationssperren weiß, versteht überhaupt erst einmal, warum auf bestimmte Aussagen und Kommentare so abweisende, mürrische und unwillige Reaktionen von anderen kommen und kann sich in der Folge damit beschäftigen, wie stattdessen eine konstruktive, beziehungsförderliche Kommunikation gelingen kann.



Das Problem erkennen

Der erste Schritt ist zu erkennen, wie schnell man Wahrnehmung und Interpretation vermengt und geneigt ist, seine persönliche Erlebniswirklichkeit für die absolute Wahrheit zu halten. Fakt ist: Auch wahrnehmungsbegabte HSP unterliegen wie alle Menschen der Subjektivität in der Wahrnehmung und Einschätzung. Verzerrungen und Fehldeutungen entstehen durch persönliche Vorerfahrungen und Vorurteile. Auch Einfühlung in andere geschieht vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen und der eigenen Gefühlswelt, die auf andere projiziert wird. Wichtig ist vor allem, sich dessen bewusst zu werden, denn selbstverständlich lässt sich dieses persönliche Bewerten und Interpretieren nicht abstellen, muss es auch nicht. (Für die eigene Orientierung und für Entscheidungen brauchen wir natürlich den Zugriff auf unseren Erfahrungsschatz und auch Bewertungen.)


Vermuten ist nicht gleich wissen


Ich lege Wert auf folgende Differenzierung: HSP, die allzu oft Sätze wie „Das bildest du dir nur ein. Da ist nichts“ oder „Was du nur schon wieder hast!“ gehört haben, sollten ihre Wahrnehmung durchaus ernst nehmen und ihr insofern trauen, als da irgendetwas spürbar ist. Das sollten sie sich auch nicht ausreden lassen. Allerdings sollten sie sehr wohl ihre Deutung was andere betrifft in Zweifel ziehen und relativieren und entsprechend zurückhaltend kommunizieren. Förderlich für die Kommunikation ist es, sich für den anderen zu interessieren, Annahmen zu überprüfen, gegebenenfalls vorwurfsfrei Fragen zu stellen und offen zu sein für die Antworten (nicht aber auf Antworten zu drängen). Zum Beispiel: „Ich bemerke, dass du die Stirn runzelst. Magst du mir sagen, was das zu bedeuten hat?“ (Der andere darf Nein sagen.) Der Effekt, um den es mir geht: Derjenige, dem bewusst ist, dass er nur vermutet und nicht weiß, verhält sich automatisch respektvoller.


Konstruktive Kommunikation für gute Beziehungen


Konkrete Alternativen zu der problematischen Art zu kommunizieren bietet das Gordon-Modell unter anderem mit den Elementen „Aktives Zuhören“, einem empathischen, nicht kommentierenden Zuhören, und „Ich-Botschaften“, Aussagen, in denen der Sprecher zuvorderst etwas über sich selbst mitteilt. (Zum Beispiel: „Du schweigst schon eine Weile. Daher bin ich jetzt unsicher geworden…“)

In der „Gewaltfreien Kommunikation“ nach Marshall B. Rosenberg (1934-2015), der als Psychologe und Mediator die Ansätze von Gordon weiterentwickelte, gilt das Prinzip, dass wir uns offen mitteilen, was wir fühlen und brauchen und uns ehrlich dafür interessieren, was der andere fühlt und braucht.

Das GFK-Modell beschreibt vier Komponenten: Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis, Bitte. Die Herausforderung bei der ersten Komponente liegt genau darin, nur die Beobachtung mitzuteilen, ohne Vorwurf, ohne Abwertung und: ohne Analyse! Dabei verlangt die GFK nicht, dass wir völlig objektiv bleiben und uns für uns selbst jeglicher Bewertung enthalten. Selbstverständlich werten wir in der Weise, dass wir unterscheiden zwischen „gefällt mir“/„gefällt mir nicht“ und „will ich“/„will ich nicht“. Entscheidend ist nur, dass wir lernen, unsere Beobachtungen und unsere Bewertungen strikt auseinander zu halten und anzuerkennen, dass es mehr als eine „Wahrheit“ gibt.



Ulrike Hensel
© Ulrike Hensel
Ulrike Hensel ist freie Lektorin und Textcoach, www.hensel-coaching.de, Coach für Hochsensible, coaching-fuer-hochsensible.de und Autorin.

Ihr neuestes Buch hat den Titel „Hochsensibel das Leben meistern“ und ist als E-Book auf myMONK.de (http://mymonk.de/hochsensibel/) erschienen. 






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