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SHIVAS fünffältiger kosmischer Tanz



Wie liebreich ist ihre Vereinigung!

Die Welt in ihrer ganzen Größe ist zu klein, um sie zu fassen.

Dennoch leben sie glücklich darin in jedem noch so kleinen Teilchen.

Sie erachten einander als das jeweils eigene Selbst.

Und keiner erschafft auch nur einen Grashalm ohne den anderen.

Niemand außer diesen beiden existiert in diesem Haus,

das 'Universum' genannt wird.

Wenn der Herr des Hauses schläft, wacht die Herrin

und übernimmt das Werk von beiden.

Wenn Er erwacht, verschwindet das ganze Haus,

und nichts bleibt übrig.

Verlegen ob der Form- und Gestaltlosigkeit ihres Gatten

und ihrer eigenen graziösen Gestalt

schmückte Sie Ihn mit einem Universum von Myriaden

von Namen und Formen.

Im Eins-Sein gibt es wenig zu betrachten.

Doch Sie, die Glückbringende,

erschuf als Spiel diese Welt.

Dieses bemerkenswerte und in indischen Tantra-Yoga-Kreisen hoch geachtete philosophische Gedicht „Nektar der SELBST-Erkenntnis“ (Amrita Anubhava)1, verfasst von keinem Geringerem als dem „Herrn der Erkenntnis“ - Jnaneshvar Maharaj, Großmeister und Philosoph der tantrischen Nath-Yogis – gibt auf poetische Weise die Philosophie der tantrischen Traditionen wieder2. Hier wird beschrieben, wie Shivas, im wahrsten Sinne des Wortes „bessere Hälfte“, Shakti das Universum erschafft.

von Dr. phil. Joachim Reinelt



Und zwar als farben- und formenreiches Schmuckgewand für ihren unscheinbaren (eigentlich: überhaupt-nicht-erscheinenden) Ehemann Shiva. Denn nach tantrischer Philosophie ist Shiva – obgleich Urgrund allen Seins – die Transzendenz jenseits aller Schöpfung und Erscheinung.







Die fünf Handlungen führt also in Wirklichkeit gar nicht Shiva, sondern Shakti aus. Beziehungsweise, um ganz korrekt zu sein: der dynamisch-kreative Aspekt (= Shakti) des Höchsten Bewusstseins, das wir Shiva nennen. Doch was sich hier beschrieben findet ereignet sich nicht nur auf der großen, makrokosmischen – sondern auch auf der kleinen, mikrokosmischen Bühne – IN UND ALS UNS INDIVIDUEN. Nach der Lehre Jnaneshvars ist diese Welt nichts anderes, als das „Spiel des Bewusstseins“ - in seinen eigenen Worten Chid-Vilasa.

Man kann also sagen: So wie wir Menschen in unserem Bewusstsein Ereignisse, Menschen, Landschaften, ganze Universen erschaffen und wieder auflösen – ebenso erschafft das Göttliche Bewusstsein dieses unendlich vielfältige Universum. Das eigentlich Entscheidende dabei ist: So wie alles, was wir in unserem Geist oder Bewusstsein erschaffen (Gedanken, Träume, innere Bilder), genau genommen WIR SELBST sind – ebenso ist alles im „Spiel des Höchsten Bewusstseins“ identisch mit dem Höchsten Bewusstsein. Das bedeutet: DU BIST DAS HÖCHSTE BEWUSSTSEIN.

Shakti – die 5-fältig schöpferische, kosmische Energie – ist also auch in uns. Sie ist die eigentliche Schauspielerin, die für ihren Ehemann all diese „Menschen-Rollen“ spielt, indem sie verschiedene Kostüme anzieht, Masken, Makeups und Mimiken aufsetzt, sich schminkt und schmückt und sonstwie verkleidet, um all diese verrückten Rollen zu spielen – die einer besorgten Mutter, eines fröhlichen Kindes, eines verzagten Studenten, eines erfolgreichen Managers, eines kranken Mannes, einer sterbenden Frau. Wie schrieb die bedeutende kashmirische Mystikerin Lalleshvari:

Oh Lalleshvari!

Die Kraft Gottes (Shakti) wird zur Mutter, die ihr Kind mit ihrer Milch nährt.

Sie wird ebenfalls zur jungen Frau, die sich nach ihrem Ehegatten sehnt.

Es ist allein dieselbe Kraft die am Ende zu uns kommt als der Tod.

Gottes Kraft ist die Ursache für unsere Nahrung,

unsere Freude und unser Ableben.

Es ist schwer, Gott zu begreifen, da er das Lagerhaus von solch unendlichen,

gegensätzlichen Mächten ist.

Oh Mutter! Ein Weib, der Tod – all das ist Sein unbergreifliches Spiel.

 

Shakti ist die Kraft, die die Galaxien kreisen und die Planeten ihre Bahnen ziehen lässt. Sie ist aber ebenso die Kraft, die uns Menschen dazu bringt, zu laufen, zu sprechen, zu handeln. Sie lässt uns so tun, als seien wir die Person, für die wir uns halten. Hast Du Dich – lieber Leser – noch nie im Spiegel betrachtet und gefragt: „Wer ist das eigentlich – diese Person, deren Äußeres der Spiegel reflektiert?“ „Wer ist diese Person hinter dem Gesicht wirklich?“ „Wer ist dieses Ich hinter der Person?“ Wer ist dieses Ich hinter diesem Ich?“  Die Werke des „Yoga von Kashmir“ verwenden in diesem Zusammenhang den geheimnisvollen Begriff tirobhava, das „[in uns] verborgene Sein“.

Dieses „verborgene Sein“ ist die vierte göttliche Handlung. Es ist das Verbergen oder Verhüllen der göttlichen Natur. Die menschliche Seele – die schauspielende, tanzende Figur – vergisst, wer sie in Wirklichkeit ist. Oder, wie es oben im Gedicht ausgedrückt wird „der Herr des Hauses, schläft“.

Damit der – schon seit Urzeiten währende, dornröschengleiche – Zustand des Höchsten Herrn ein Ende nimmt und das Höchste Bewusstsein wieder erwachen kann, bedarf es der letzten der fünf kosmischen Handlungen: das Sich-Offenbaren der göttlichen Gnade, der Herabkunft der Segenskraft – in der Yoga-Terminologie Anugraha genannt. Wenn dies geschieht, dann erwacht der Suchende. Und wenn er nun in den Spiegel schaut, sieht er nicht nur, sondern er erkennt.

 Das Sein ist nun nicht länger verborgen. Dies ist die eigentliche Botschaft hinter den obigen Worten Jnaneshvars „Wenn Er erwacht, verschwindet das ganze Haus.“ Denn wenn ein Mensch erkennt, dass sich hinter all den Masken das eine „göttliche Gesicht“ befindet - dass es kein Individuum sondern nur Gott gibt, keine Verschiedenheit von Ich und Du, von Erkennendem und Erkanntem - dann „verschwindet“ das Haus dieser Welt, die Illusion einer objekthaften, vom Betrachter verschiedenen, Welt. Was so lange Zeit wie ein „Haus“ aussah, zeigt sich nun als nichts anderes, als das Licht oder Bewusstsein Gottes.

Das Ende des Tanzes ist Teil des Tanzes. Denn interessanterweise ist die letzte Haltung oder Position beim indischen Tanz (Bharat Natyam) identisch mit derjenigen, mit der der Tanz beginnt: Es ist die berühmte Position des Shiva-Nataraj, die wir alle kennen .... Alpha ist Omega, Omega ist Alpha ...

1 Amrita Anubhava, Auszug: Kapitel 1, Verse 11-14, 30-31

2 Dieser Tradition der tantrischen Nathas oder Nath-Yogis verdanken wir unter anderem den Kundalini-Hatha-Yoga, wie wir ihn heute kennen.




Dr. phil. Joachim Reinelt
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