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Das Pfingstwunder und die Kundalini-Shakti


Mit Pfingsten scheint heutzutage kaum jemand mehr etwas anfangen zu können – auch und gerade in Yoga-Kreisen. Pfingsten bedeutet uns lediglich ein verlängertes Wochenende. Das finde ich schade. Denn es gibt durchaus einen Zusammenhang zwischen diesem religiösen christlichen Fest Pfingsten – beziehungsweise dem ursprünglichen Ereignis, dass diesem Fest zugrunde liegt – und Yoga, genauer gesagt Kundalini-Yoga.

Daher möchte ich hier nun einige Auszüge aus meinem „Großen-Kundalini Buch“ präsentieren, aus denen deutlich wird, dass es sich bei dem Pfingstereignis, wie es nach dem Neuen Testament die Schüler Jesu erlebt haben sollen, und der Erweckung der Kundalini in den uralten, geheimen Tantrischen Traditionen, vermutlich um ein und denselben spirituellen Moment des Empfangens der Segenskraft handelt.

von Dr. phil. Joachim Reinelt




Beginnen möchte ich jedoch mit den Erlebnissen der großartigen Hildegard von Bingen – ich wohne in nahezu unmittelbarer Nachbarschaft zu ihrem damaligen Ort ihres Lebens und Wirkens – die, wie viele andere christliche Mystiker, ebenfalls von diesen besonderen Erfahrungen zu berichten weiß. 

„Die christliche Mystikerin, die man wohl am meisten mit dem Phänomen der Kundalini in Verbindung bringt, ist Hildegard von Bingen (1098-1179). Da sie zu den bedeutendsten Frauengestalten der deutschen Mystik gehört, sei mir gestattet, dass ich an dieser Stelle etwas ausführlicher auf sie eingehe. Kurz zu ihrer Vita:

Im Alter von 18 Jahren legte sie das Nonnen-Gelübde ab, und wurde mit 38 Jahren zur Äbtissin des Benediktinerinnenklosters Ruppertsberg bei Bingen ernannt. Als sie das erreichte, was sie das „achtunddreißigste Jahr meiner irdischen Reise“ nannte, wurde sie sehr krank. Auf ihrem Krankenlager liegend, zu schwach um einen Finger zu heben, sah sie eines Tages mit ihrem inneren Auge „ein strahlendes Licht von ungeheurer Helligkeit vom Himmel herabkommen... Wie eine Flamme die nicht brennt sondern entzündet; sie entzündete mein ganzes Herz und meine ganze Brust.“ Als sie sich dieser Erscheinung zuwand, hörte sie eine Stimme, die ihr befahl zum Wohle der Menschheit alles aufzuschreiben, was sie mit ihrem inneren Auge sieht und mit ihrem inneren Auge hört. Sie berichtet uns: „Ich schaute wieder hoch, zu dem wahren und lebendigen Licht und fragte, was ich aufschreiben soll... und wieder hörte ich die Stimme vom Himmel, die sprach – Schreibe nieder, was ich dir sage’.“

Ihr Buch Scivias enthält 26 Gemälde, die auf der Grundlage ihrer Visionen entstanden. Auf einem der Bilder, das ihre Erweckung zeigt, ist sie dargestellt mit einer Schreibunterlage auf ihren Knien und Feuerzungen, die aus ihrem Kopf kommen.Die Ikonographie von „Feuerzungen“ in diesem Zusammenhang erinnert nicht nur an mittelalterliche, indische Miniaturen von praktizierenden Kundalini-Yogis, auf denen Feuerzungen, die an verschiedenen Stellen aus ihren Körpern kommen, die erweckte Kundalini-Shakti darstellen. Interessanterweise ist diese Ikonographie, bzw. bildhafte Darstellung auch im Neuen Testament zu finden, nämlich im Zusammenhang mit dem Pfingstwunder:

„Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeglichen von ihnen, und sie wurden alle voll des heiligen Geistes und fingen an zu predigen in anderen Zungen, wie der Geist ihnen gab.“ (Lukas 2. 1-4)

Einige Ereignisse um Jesu Auferstehung, wie man sie bei einigen Evangelisten dargestellt  findet, erinnern stark an das Szenario tantrischer Initiationen zum Zwecke der Kundalini-Erweckung. So z.B. auch das oben erwähnte „Sprechen in anderen Zungen.“ Solche Phänomene als Auswirkungen beim Erwachen der Kundalini, die bereits erwähnten Kriyas, sind in einschlägigen Yoga-Kreisen gemeinhin bekannt und gehören auch zu meinen persönlichen ersten Kundalini-Erfahrungen.

Es gibt in diesem Zusammenhang noch eine weitere, hoch interessante Textpassage, die zwar Theologen im allgemeinen Kopfzerbrechen bereitet, aus Sicht des Kundalini-Yoga betrachtet jedoch durchaus Sinn ergibt. In Johannes 20. 21-22 wird erzählt, was geschah, als der Auferstandene unter den Jüngern erscheint:

„Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch. Und da er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmet hin den heiligen Geist.“

Dieses „Anblasen“ erinnert in frappierender Weise an eine in vielen mystischen Traditionen praktizierte Art der Kraftübertragung bei Initiationsriten. Auch im tantrischen Yoga überträgt der Guru unter Umständen auf eben diese Weise seine Guru-Shakti auf den Schüler (ich habe das selbst mehrfach gesehen), um dessen Kundalini zu erwecken. Der mit der Atemluft verbundene Prana, der die Gurushakti enthält, verlässt hierbei das sozusagen absolute System des Gurus, geht in das des Schülers über – nicht ohne Grund heißt es nach der Initiation oben „Nehmet hin den heiligen Geist“ – und entfaltet unweigerlich seine Wirkung.



Die Funktion des Gurus/Sadgurus besteht also darin, den Schüler aus dessen begrenzten Zustand zu befreien und in den erhabenen Zustand des Gurus zu führen, wie auch das hier verwendete Bild des Lichtes, das ein weiteres Licht entzündet, illustriert. Durch Shaktipat-Diksha, die einer tiefen, inneren Berührung auf höchster Ebene mit dem Guru gleichkommt, überträgt sich der Zustand des Gurus, und somit auch der Status der Guru-schaft (Gurutva), mehr oder minder schnell, auf den Schüler. Nach Agehananda Bharati heißt es bei dem kaschmirischen Philosophen und Meister Abhinavagupta (zitiert aus Tantrasara, leider ohne Stellenangabe):

"Wie eine Lampe an der Flamme einer anderen [Lampe] angezündet wird, so wird die göttliche Shakti, die aus dem Mantra besteht, vom Körper des Gurus auf den des Schülers übertragen. Ohne [diese] Diksha sind Japa, oder das Mantra, Puja und andere Rituale vollkommen nutzlos.“[1]

Das Übertragen von Licht bzw. Feuer ist sicherlich ein altes und vermutlich in vielen Kulturen verbreitetes Motiv, das für geistige Entwicklung steht. Im tantrischen Yoga bezieht sich dieses Bild allerdings ganz besonders auf die Initiation durch den Guru. Doch handelt es sich dabei wirklich nur um eine Metapher? ... Mitnichten! - wie der nachfolgende Ausschnitt aus einem Erfahrungsbericht eines Schülers von Bhagawan Nityananda zeigt:

„Nityananda stand da, und dieser andere Mann stand vor ihm . . . Ich sah blaues Licht [aus den Augen von Bhagawan Nityananda] kommen, wie das Licht einer Taschenlampe, die man in der Dunkelheit hält. Das blaue Licht ging in ihn hinein, es drang einfach so in seine Stirn. Es ging von Nityanandas Augen aus zu der Stirn des Mannes. Es drang ein, wie ein ununterbrochener Lichtstrahl. Der Mann rief „Om“ und fiel dann auf den Boden. Er lag zitternd auf dem Boden wie ein Vogel. All das sah ich. Ich weinte wie ein Kind, weil [ich dachte]: ‚Ich habe einen Mann mitgebracht und erstirbt hier’. Dann ließ Bhagawan von ihm ab und kam zu mir. Er blies in meine Nase und sagte [zu mir] in Hindi: ‚Sei stark, sei stark’. Es dauerte einige Zeit, mich stärker zu machen, sonst hätte ich laut weiter geweint wie ein Kind. Später habe ich bei Freunden nachgefragt und erzählte ihnen diese Geschichte. Sie sagten: ‚Das ist es, was man Shaktipat nennt’.[2]   

Ein weiteres typisches Beispiel für eine Shaktipat-Diksha findet man in der Initiation des berühmten Swami Vivekananda durch seinen Guru Ramakrishna, wiedergegeben in Christopher Isherwoods bekannter Ramakrishna-Biographie:

„Nachdem ich viele Leute nach dem Weg gefragte hatte, erreichte ich schließlich Dakshineshwar und ging unverzüglich zum Zimmer des Meisters. Ich fand ihn, tief in Meditation, auf dem kleineren Bett sitzend, das neben dem größeren steht. Es war niemand bei ihm. Sobald er mich sah, rief er mich freudig zu sich und hieß mich an dem einen Ende des Bettes Platz zu nehmen. Er war in einer sonderbaren Stimmung. Er murmelte irgendetwas zu sich selbst, das ich nicht verstehen konnte, schaute mich streng an, stand dann auf und kam auf mich zu. Ich dachte, wir würden gleich wieder eine verrückte Szene erleben. Kaum war mir dieser Gedanke durch den Kopf gegangen, als er seinen rechten Fuß auf meinen Körper setzte. Sofort hatte ich ein wunderbares Erlebnis. Meine Augen waren weit geöffnet, und ich sah, dass alles in dem Raum, einschließlich der Wände, schnell herumwirbelte und verschwand. Und gleichzeitig schien es mir, dass mein Bewusstsein von mir selbst zusammen mit dem gesamten Universum, sich aufzulösen begann, in eine weite, alles verschlingende Leere. Diese Zerstörung des Bewusstseins von mir selbst schien mir das selbe wie der Tod zu sein. Ich hatte das Gefühl, dass der Tod direkt vor mir stand, sehr nahe. Unfähig mich zu beherrschen schrie ich laut: „Oh, was machst Du mit mir? Weißt du nicht, dass ich Eltern zu Hause habe?“ Als der Meister das hörte, lachte er laut. Dann, meine Brust mit seiner Hand berührend, sagte er: „Also gut – lass es uns jetzt beenden. Es muss nicht alles auf einmal getan werden. Es wird alles zu seiner Zeit geschehen.“ Zu meinem Erstaunen, verschwand diese außergewöhnlich Vision genauso plötzlich, wie sie gekommen war. Ich kehrte zu meinem normalen Zustand zurück und sah die Dinge innerhalb und außerhalb des Raumes so fest und unverändert wie zuvor. --- Obwohl es soviel Zeit in Anspruch genommen hat, all das zu beschreiben, geschah es tatsächlich in nur wenigen Augenblicken. Und dennoch veränderte es mein Denken völlig. Ich war verwirrt und versuchte ständig zu analysieren, was sich da zugetragen hatte. Ich hatte gesehen, wie diese Erfahrung begann und endete in Übereinstimmung mit dem Willen dieses außergewöhnlichen Mannes.“[3]

 
Euch allen ein - vielleicht nun noch erfüllteres - Pfingst-Fest!
 

[1] Agehananda Bharati, The Tantric Tradition. London 1992, S. 193. Dieses einzigartige Werk von Professor Agehananda Bharati, einem mittlerweile verstorbenen Österreicher mit bürgerlichem Namen Poldi Fischer, gehört seit seiner ersten Veröffentlichung 1965 zu den Standardwerken über Tantra.

[2] Meditation Revolution – A History and Theology of the Siddha Yoga Lineage. New York 1997, S. 19.

[3] C. Isherwood, Ramakrishna and his Disciples, Calcutta 1994, S. 197.


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